Grassierender Populismus

Was hat sich der deutsche Großschriftsteller wohl dabei gedacht? Die Reaktionen auf Günter Grass’ Gedicht “Was gesagt werden muss” ließen nicht lange auf sich warten. Doch dass sie fast durchweg negativ ausfallen, damit hatte der Dichter selbst wahrscheinlich nicht gerechnet. Tatsächlich ruft seine einseitige Israel-Kritik eine Mischung aus Erstaunen und Kopfschütteln hervor. Die selbsternannte “moralische Instanz” manövriert sich mit derartigen Traktaten immer weiter ins Abseits und beweist: Deutschland hat diese Art des Mahnens beim besten Willen nicht mehr nötig.

Von Sebastian Binder  

Günter Grass kann mit Worten umgehen. Das wird dem Literaturnobelpreisträger wahrscheinlich niemand absprechen. Und selbst wenn sich der 84-Jährige nicht mehr auf dem Zenit seines geistigen Schaffens befindet, so wird er wohl geahnt haben, dass ihm sein merkwürdiges Gedicht „Was gesagt werden muss“, hierzulande kommentarlos in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, nicht nur Beifall einbringen wird. Grass begreift sich immer noch als moralische Autorität in Deutschland, auch wenn dieses Image seit seinem Waffen-SS-Bekenntnis arge Kratzer erlitten hat. Tatsächlich ist der fade Beigeschmack nicht von der Hand zu weisen: Ein ehemaliger SS-Mann bezeichnet Israel als den „Gefährder des Weltfriedens“. „Sarkasmus“ wäre in diesem Zusammenhang wohl der Euphemismus des Jahrhunderts. Natürlich wusste Grass, dass dieser Vorwurf kommen würde und so flocht er in seinen Text das „Verdikt Antisemitismus“ ein, quasi als prophetische Vorhersehung, um Kritikern seiner Worte bereits vorab den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eines hat der Schriftsteller dabei allerdings übersehen: Es ist im heutigen Deutschland durchaus erlaubt, Israel zu kritisieren, ohne sofort als Antisemit zu gelten. Man muss den israelischen Umgang mit den Palästinensern, Vergeltungsluftschläge und Todeskommandos des Mossad nicht gutheißen, auch als Deutscher nicht. Die historische Schuld der Deutschen ist unbestritten, sie ist in unseren Gedanken verankert und die meisten Menschen in diesem Land erkennen diese Schuld an und wissen um die Verantwortung, die mit ihr einhergeht. Das bedeutet nicht, dass wir allen Entscheidungen der israelischen Politik unreflektiert oder schweigend zustimmen müssen.

Grass hat recht, die Wahrscheinlichkeit eines israelischen Luftschlags gegen die iranischen Atomanlagen ist hoch, die Folgen einer solchen Aktion für die Region unabsehbar. Doch was ist die Alternative? Alles deutet darauf hin, dass der Iran die Bombe bauen will, auch wenn Grass das als „Vermutung“ abtut. Die Vermutung geht dabei allerdings weniger in Richtung „Ob“, sondern vielmehr in Richtung des „Wann“. Was würde passieren, wenn ein Fanatiker und Judenhasser wie Mahmud Ahmadinedschad tatsächlich den Finger am roten Knopf haben würde? Ist diese Vorstellung für die Welt und ihren vermeintlichen Frieden wirklich erfreulicher? Es gibt selbstverständlich noch den dritten Weg, Iran durch Verhandlungen zum Verzicht auf Atomwaffen zu bewegen, doch dieser Weg mündet mittlerweile direkt in den Abgrund, auch wenn es vielleicht noch die vage Hoffnung gibt, irgendwie doch eine wacklige Brücke schlagen zu können. Es bleibt also die Wahl zwischen „Pest“ und „Cholera“ und manchmal ist man als einfacher Mensch froh, dass man nicht in der Haut der Personen steckt, die diese Entscheidung treffen müssen.

Es ist Grass’ gutes Recht, die nukleare Bewaffnung Israels zu kritisieren. Genauso wie es unsere Pflicht ist, die nukleare Bewaffnung aller Atommächte zu verurteilen. Es gehört wohl zu den Paradoxa des menschlichen Daseins, dass wir uns Waffen halten, mit denen wir unsere gesamte Existenz hundertfach auslöschen können. Aber das ist nicht das Anliegen des Dichters. Stattdessen benutzt er den Hinweis auf die „Nicht-zu-kontrollierende Atommacht Israel“ dazu, das Land auf eine Stufe mit der „Nicht-zu-kontrollierenden Vielleicht-bald-Atommacht Iran“ zu stellen. Wenn man um die komplizierte Situation im Nahen Osten weiß, dann ist dies wohl die „Verkürzung“ des Jahrhunderts. Hier zeigt sich, warum sich Grass dem Schreiben und nicht dem Rechnen zugewandt hat, denn die Gleichung „Israel plus Atomwaffen ist ebenso gefährlich wie Iran plus Atomwaffen“ geht nicht auf. Diese These verkennt den historischen wie realpolitischen Kontext der Situation und löst bei Nahost-Experten, die sich seit Jahrzehnten um Lösungen des Konflikts bemühen, zurecht Kopfschütteln aus. Es wäre schön, wenn man an dieser Stelle in einfachen Worten das Problem benennen und auf diese Weise, vielleicht in Gedichtform, zu einer Lösung kommen könnte. Dass dies allerdings nicht möglich ist, dazu muss man kein Nahost-Experte sein. Es bleibt zu hoffen, dass die entscheidenden Akteure in diesem Strudel aus „Hass, Vergeltung, neuer Hass, neue Vergeltung“ sich besinnen, wie Menschen von Angesicht zu Angesicht miteinander reden und irgendwann der Gewalt ein Ende setzen. Ein frommer, blauäugiger Wunsch, keine Frage, doch welche Alternative hat der friedliebende Mensch?

Am Ende bleibt die Frage, was uns Grass eigentlich sagen will. Hat er irgendetwas anderes zu bieten als populistische Ressentiments gegen Israel? Der Weltfrieden ist gefährdet? Wenn man sich all die Konflikte, das Leid, die Gewalt, die tagtäglich diese Welt beherrschen, ansieht, dann wundert man sich fast, dass ein Wortkünstler wie Grass diese Buchstaben überhaupt zu Papier bringt. So etwas wie den Weltfrieden gibt es nicht, hat es nie gegeben, ein Blick in die Geschichte der Menschheit verdeutlicht das. Vielleicht soll das Gedicht eine Warnung vor dem Dritten Weltkrieg sein, doch auch dazu taugt es eigentlich nicht. Albert Einstein hat zu diesem Thema bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, doch im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ Und so bleibt schlussendlich nur die eine Vermutung: Günter Grass wollte sich selbst mal wieder ins kollektive Bewusstsein der Deutschen schreiben, aufrütteln, provozieren, Debatten entfachen, so wie er es früher gerne getan hat. Das ist ihm durchaus gelungen. Ob ihm die Richtung dieser Debatte allerdings gefällt, darf bezweifelt werden, und das hat er sich selbst zuzuschreiben. Die Deutschen brauchen keinen obersten Mahner, der mit erhobenem Zeigefinger krude Thesen absondert, als hätte er als Einziger das Licht der Weisheit erblickt. Die Menschen in diesem Land sind intelligent genug, sich selbst ein Urteil zu bilden und können dabei auf naives Schwarz-Weiß-Gemale verzichten. Vielleicht sollte Grass seine eigene Zwiebel noch einmal häuten. Möglicherweise stellt er dann fest, dass unter der so einleuchtend erscheinenden ersten Schicht sich eine komplexere Realität verbirgt, die sich nicht in ein paar Zeilen zusammenfassen lässt. Auch das musste mal gesagt werden.

Foto: Günter Grass auf der Frankfurter Buchmesse 2007

Copyright: Hans Weingartz zur Verfügung gestellt auf Wikimedia Commons

 

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