Musik, Konsum und ein Hauch Nostalgie

Nicht nur die Musik selbst ist einem ständigen Wandel unterzogen, auch die Form ihres Konsums hat sich in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Denn wer hat in seiner Jugend nicht viele Stunden mit dem Stöbern in CD-Regalen, beim Brennvorgang mit den Kumpels zugebracht? Vom Kassettenrecorder zum CD-Player zur Online-Bibliothek: Eine Wanderung durch die Geschichte der Musik der 90er- und 00er-Jahre, nicht nur für Nostalgiker.

Von Sebastian Binder  

Erinnert sich noch irgendjemand an den Musikkonsum in den finsteren Zeiten des vorigen Jahrtausends? Die 90er Jahre, als Leute, die mittlerweile stramm auf die 30 zugehen, musikalisch sozialisiert wurden? Es war die Zeit, als man mit dem Finger am Aufnahmeknopf seines Kassettenrecorders saß und am Freitag die „Schlager der Woche“ (Bayern) hörte, in der Hoffnung, dass als nächstes ein anhörbares Lied gespielt wird. Es war die Zeit, als Dune etwas von „Hardcore Vibes“ sangen, Peter Steiner zeigte, dass er ein echter „Coolman“ ist oder K2 einen verstörenden Dance-HipHop-Reggae-Landler-Mischmasch zum Besten gaben, zumindest dann, wenn mal wieder die Berge riefen. Diese Lieder, einmal auf das Band der Kassette gebannt, wurden dann während der Woche in der Dauerschleife laufen gelassen, bis sich am nächsten Freitag das Schauspiel wiederholte. Auch wenn die Musik, aus einer heutigen, weiseren, erfahreneren Perspektive betrachtet, eigentlich grober Müll war, so war es doch eine schöne, eine unschuldige Zeit. Man machte sich noch keine Gedanken über Raubkopien, wenn man dem besten Freund seine Lieblingskassette überspielte. Man konnte noch kein Englisch, doch war man nach hundertfachem Konsum in der Lage, die Laute, die der Informer Snow von sich gab, zumindest einigermaßen zu imitieren.

Man wurde älter, das Taschengeld wurde besser, mancher verdiente sich etwas mit Zeitungsaustragen hinzu und der Musikkonsum veränderte sich. Die Zeit der CDs war angebrochen und nun reichte es plötzlich nicht mehr, sich das Zeug aus den Charts, zumeist verbreitet durch die „Bravo Hits“, zu kaufen. Wenn man als „cool“ gelten wollte, war es wichtig, einen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Und der konnte Mitte der 90er Jahre eigentlich nur in eine Richtung gehen: HipHop. Die komischen Pseudorapper von 2Unlimited oder Captain Jack, die man vor kurzem noch gefeiert hatte, waren auf einmal nur noch peinlich. Es musste echter, richtiger HipHop sein und so wurden aus deutschen Mittelschichtskindern Vertreter der amerikanischen Ghettokultur. Der Schritt der Hosen hing tief, die Hoodies waren zu groß, die Caps saßen schief und aus den Boxen der ersten eigenen Stereoanlage dröhnten Wu Tang, 2Pac, Notorious B.I.G., Fugees oder Mobb Deep. Man verbrachte unzählige Stunden seiner freien Zeit mit dem Durchstöbern der CD-Regale in Elektromärkten, in der Hoffnung, etwas zu finden, was einerseits cool ist und andererseits die eigenen Freunde noch nicht kennen. Gebannt lauschte man den Klängen des sich entwickelnden deutschen HipHops, angeführt von der Kolchose aus Stuttgart und der Mongoclikke aus Hamburg, bis eine entnervte Marktmitarbeiterin fragte, ob man nach drei Stunden Anhören die CD nicht vielleicht mal kaufen wolle. Jaja, man überlege es sich nochmal und komme dann darauf zurück. Pubertäre Was-soll’s-Mentalität, wie schön. Hatte man sich dann schließlich doch einmal entschlossen, von seinen hart ersparten D-Marken eine CD zu kaufen, dann lief auch diese wieder in der Dauerrotation. Allerdings nicht das komplette Album, sondern nur die drei, vier Titel, wegen denen man es sich gekauft hatte. Der Rest wurde lediglich als schmückendes, da meist durchschnittliches Beiwerk empfunden.

Ein Brand begann sich auszubreiten. Natürlich im übertragenen Sinne. CD-Brenner schlugen ein wie eine Bombe und auch wenn die Rohlinge anfangs noch unverschämt teuer waren, so kaufte man dennoch meistens lieber zehn Stück davon als eine neue Original-CD. Fröhlich brannte man sich durch die CD-Sammlungen seiner Freunde und konnte sein Glück kaum fassen, wie viel neue, coole Musik man plötzlich am Start hatte. Unrechtsbewusstsein? Mit 17? Bitte. Durch diese nie gekannte Masse an Musik im eigenen Besitz war man in der Lage, seine Hörgewohnheiten zu diversifizieren. Zum HipHop kamen Reggae von Alpha Blondy, Crossover von Rage against the Machine oder Liedermacher wie Joint Venture hinzu. Auch die vorher noch aufgrund der früheren traumatischen Blümchen-Erfahrung abgelehnte elektronische Musik gewann in Form von The Prodigy, Chemical Brothers oder Aphex Twin wieder an Relevanz. Die Dauerrotation im CD-Player wurde nun schon schwieriger, denn man hatte schließlich jede Menge neue Musik und diese wollte auch gebührend konsumiert werden.

Und dann endlich war es soweit, die vorerst letzte Stufe des Musikhörens brach an: Internet. Bereits Napster deutete an, welches Potential in diesem Medium liegt, doch wirklich ausgeschöpft wurde es erst von YouTube. Die merkwürdigen 00er Jahre neigten sich dem Ende entgegen, die früheren Dune-K2-Snow-Hörer mussten sich ernsthafte Gedanken über ihre Zukunft machen und das Hochgeschwindigkeits-Internet revolutionierte den Musikkonsum. Plötzlich war nahezu alles, was je an Musik produziert wurde, jederzeit verfügbar. Man bastelte sich Playlists mit ein wenig Elektro von Andhim, einem Schuss Reggae von Anthony B, einer Spur Hyperdub von Kode9, etwas Alternativem von The Do und natürlich durfte auch ein Hauch HipHop von den 3 Amigos nicht fehlen. Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt, die Vorschlagsspalte von YouTube führte einen immer tiefer in die unglaublichsten Verwinkelungen einer Musikrichtung und auf einmal kannte man Künstler, deren Namen man nicht einmal aussprechen konnte. Selbstverständlich wurde auch die eigene nostalgische Schiene bedient: Man will sich „In Bloom“ von Nirvana anhören? Kein Problem, hier ist das Original-Video, hier eine nachbearbeitete HD-Version, da eine Version mit den Lyrics, dort haben wir 15 unterschiedliche Livemitschnitte, 18 Remixe und 200 Coverversionen. Das alles findet man binnen 16 Sekunden.

So sieht sie also aus, die Realität des Musikkonsums im Heute. Es ist das Paradies für Musikfanatiker, keine Frage. Doch es ist wie mit allem auf dieser Welt: Jedem Segen wohnt auch ein Fluch inne. Denn der fanatische Musikkonsument ist in der heutigen Zeit immer auch ein Getriebener. Immer auf der Suche nach noch besserer Musik, immer die Angst im Nacken, ein brillantes Lied noch nicht entdeckt zu haben. Es bleibt kaum Zeit, sich mit einem einzelnen Lied genauer zu befassen, denn das Wissen, dass es im Netz noch unzählige weitere Lieder von dieser Qualität gibt, lässt einen nicht mehr verweilen. Zieht man sich dann doch mal einen Titel aus dem iTunes-Store oder von Beatport, in dem guten Gefühl, mit dem Geld aus dem ersten richtigen Job ernsthafte Künstler zu unterstützen, bleibt nicht selten ein fader Beigeschmack. Denn das Glücksgefühl, das man früher beim Durchstöbern der eigenen CD-Sammlung oftmals hatte, will sich heute beim Betrachten der iTunes-Bibliothek nicht mehr so recht einstellen. Vielleicht ist dieser Euphorieabklang aber auch nur eine Alterserscheinung, wer weiß? Und doch, manchmal, wirklich nur manchmal, wenn man bei YouTube den fünfzigsten Gema-Hinweis bekommen hat, dass dieses Lied in Ihrem Land leider nicht verfügbar ist und man am liebsten die Maus in den Bildschirm schleudern würde, dann wünscht man sich zurück in die gute, alte Zeit: Als man bei seinen Kumpels noch eine Stunde warten musste, bis die CD endlich fertig gebrannt war. Als man mit 20 Mark im Geldbeutel die Musikabteilung im Elektronikmarkt durchforstete. Als man mit dem Finger auf dem Aufnahmeknopf auf das nächste Lied im Radio wartete. Wie gesagt, das passiert nur manchmal. Und vielleicht ist auch das nur eine Alterserscheinung.

Foto: Zeiten ändern sich (Copyright: Sebastian Binder)

 

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