Das Flimmern des Fegefeuers

Wie würde wohl jemand reagieren, wenn er heute zum ersten Mal deutsches Fernsehen schaut? Was würde der Betroffene zu dieser Mischung aus Doku-Reality-Casting-Resteverwertung-Müll sagen? Würde derjenige tatsächlich glauben, dass er sich im Land der Dichter und Denker befindet? Oder würde er hoffen, dass das alles nur ein Alptraum ist?

Sebastian Binder sieht mit den Augen eines Unwissenden…  

Nur ein Druck auf den weichen Knopf des Plastikbretts. Der Bruchteil einer Sekunde vergeht und plötzlich breitet sich ein grelles Flimmern auf dem eigentlich viel zu großen Bildschirm aus. Das ist es also, über das so viele Leute reden, schreiben, nachdenken. Dieses merkwürdige Etwas, das schon so oft Anlass von Kontroversen, Medium großer Momente, Überträger von Freude, Leid und Hass war, dieses seltsame Gebilde, das auch heute immer noch eine nicht zu begreifende Form von Relevanz besitzt. So sieht es also aus: Das deutsche Fernsehen. Für den Unwissenden birgt es eine nicht zu leugnende Faszination, sich diesem Medium zu nähern. Was finden die Menschen in diesem Land an den tanzenden Bildern, die sich aus der Mattscheibe in die heimischen Zimmer ergießen? Spaß? Zerstreuung? Scham? Der Hang zum Selbstmasochismus? Alles zusammen? Oder bleibt es schlicht ein Rätsel? Was gibt es also zu sehen in der deutschen Ferne, die so nah wirkt und doch so ungreifbar anmutet?

Vormittags

Information, irgendwie zumindest. Es gibt anscheinend Sender, auf denen ununterbrochen Nachrichten kommen. Das wirkt zu anfangs nicht schlecht, doch nach einer gewissen Zeit stellt man fest, dass sich diese Nachrichten ständig wiederholen. Alle Viertelstunde. Immer und immer wieder die gleichen Berichte. Nach gut einer Stunde kann man das komplette Programm auswendig. Ermüdend, aber gut, es könnte schlimmer sein. Was läuft sonst? Amerikanische Comedy-Serien. Brillant gemacht, aber schlecht synchronisiert. Jedem, der das Original aus dem Internet kennt, stellen sich nach kurzer Zeit die Nackenhaare auf. Dieses Wortspiel wurde vergeigt, diese Pointe in den Sand gesetzt. „Wingman“ wird mit „Co-Pilot“ übersetzt? Meine Güte, wer hat sich das denn bitte ausgedacht? Barney Stinson ist im deutschen Fernsehen nur eine unlustige Karikatur seiner amerikanischen Wortgewaltigkeit, fehlt nur noch, dass „How I Met Your Mother“ mit „Wie ich deine Mutter begrüßen durfte“ übersetzt wird. Kann man nicht irgendwie auf die englische Originalfassung umschalten? Nein? Dann weg damit. Man könnte das als ersten echten Rückschlag beim Fernsehkonsum betrachten, doch der Unwissende hat bislang keine Ahnung davon, welcher Alptraum ihn tatsächlich noch erwarten wird. Denn der Vormittag neigt sich dem Ende entgegen und mündet direkt in die Hölle des Fernsehnachmittags.

Nachmittags

Drei Worte, die an sich nicht sonderlich bedrohlich klingen, doch am Ende dieses Nachmittags wird man sie zu hassen gelernt haben: Doku, Reality, Soap. Zunächst herrscht beim Unwissenden beim Betrachten des Bildschirms lediglich ein Gefühl vor: Fassungslosigkeit. Was zum Teufel passiert hier gerade? Wer sind diese Menschen, die diese hirnverbrannten Geschichten inszenieren? Und was um alles in der Welt hat das mit der Dokumentation der Realität zu tun? Der Vorhang geht auf: Eine scheinbar glückliche Familie. Doch natürlich nur scheinbar. Denn der entsetzte Vater muss schließlich feststellen, dass seine Vorzeigeehefrau nachts heimlich als Prostituierte arbeitet. Doch damit nicht genug: Auch der Schwiegervater gehört zu ihren Kunden. Der nette Sohn ist in einem anderen Leben zu allem Überfluss auch noch heroinsüchtig und, man ahnt es bereits, sein richtiger Vater ist selbstverständlich der freiende Schwiegervater. Der verzweifelt vor sich hin wimmernde, bis vor einer halben Stunde noch glückliche Familienvater nimmt sich am Ende den Strick und fertig ist die perfekte Nachmittagsunterhaltung. Klar wird selbst dem Unwissenden nach sieben Sekunden klar, dass dieses Schmierentheater gestellt ist und mit der Realität ungefähr so viel zu tun hat wie Daniela Katzenberger mit Quantenphysik. Und doch wirft diese Erkenntnis deutlich mehr Fragen auf als sie beantwortet. Denn warum um alles in der Welt sollte man Laiendarsteller absurde Geschichten nachspielen lassen, deren Drehbücher ungefähr das Niveau eines Donnerbalkens haben? Warum gibt es Menschen, die sich nicht zu schade sind, ihre Gesichter für diesen Schund zur Verfügung zu stellen? Was halten die Produzenten solcher Körperverletzungen wohl von ihrem Publikum? Und schließlich die beklemmendste aller Fragen: Wer sieht sich diesen dampfenden Haufen Mist freiwillig an? Erleichterung macht sich breit: Natürlich, es ist der 1. April und die Fernsehmacher haben sich einen besonders makabren und geschmacklosen Scherz mit dem Publikum erlaubt. Mit einem Seufzer blickt der Unwissende auf seinen Kalender und ein eiskalter Schauer läuft seinen Rücken hinab. Es ist nicht der 1. April, das ist kein Witz. Nein, es ist tatsächlich das, was dem deutschen Fernsehzuschauer als Unterhaltung verkauft wird. Zumindest versteht der Unwissende nun den Zusammenhang des dritten Worts: Soap, Seife. Denn die braucht er nun, um sich nach dieser grauenvollen Realitätsvorstellung den Schmutz von Körper und Seele zu waschen. Ist das hier nicht das Land der Dichter und Denker? Vielleicht wäre es mal wieder an der Zeit, bei Goethe und Schiller Abbitte zu leisten.

Abends

20 Uhr, mit zitternden Fingern und einem nagenden Unwohlsein im Magen, wird auf die Öffentlich-Rechtlichen geschaltet. Tagesschau, wichtige Informationen, seriös und ansprechend verpackt. Zum ersten Mal an diesem langen Tag kommt sich der Unwissende nicht völlig verarscht vor. Doch sobald die Nachrichten vorbei sind, ändert sich die Szenerie. Hysterisch grinsende Rentner singen und klatschen auf der Mattscheibe, stammeln irgendwas von Bergen und Liebe, und wie schön, Heimat, Tusch, auf der Weide strahlt die Sonne. Angstschweiß rinnt von der Stirn in die Augen und kurzzeitig hat man die Hoffnung, dass die Netzhaut verätzt wird, nur um dieses kranke Spektakel nicht länger ansehen zu müssen. Mit allerletzter Kraft schafft man es, den Kanal zu wechseln. Doch Erlösung will sich nicht einstellen. Überall wird gecastet, überall. Sänger, Topmodels, Ehefrauen, Hunde, Schauspieler, Sänger, Models, Stimmen, Tänzer und die besten aller besten Sänger. Warum? Warum nur? Was zur Hölle haben all diese talentlosen Gestalten im Fernsehen verloren? Wer sind diese nervtötenden Vögel, die sich selbst als Jury bezeichnen, und so tun, als hätten sie Ahnung von singen, modeln, tanzen, Stimmen imitieren. Eine 17-Jährige missbraucht gerade irgendein Lied von Britney Spears und selbst wenn man mit der grauenhaften Britney nicht viel anfangen kann: Das hat selbst sie nicht verdient. Für einen kurzen Moment hofft man, dass die Jury diese Parodie einer Sängerin ordentlich auseinandernimmt, doch stattdessen erzählen sie irgendwas von „Bühnenpräsenz“ und „Ausstrahlung“ und „Geile Moves“. Fast ist man versucht, zurück zur Zombieveranstaltung aus irgendeinem Stadel zu schalten. Stattdessen wird der Unwissende aufgefordert, nun für seinen Favoriten anzurufen, damit dieser auch garantiert der nächste Mega-Hyper-Super-Pop-Wahnsinnsstar wird. Wer ist denn bitte so verrückt und ruft für diese talentbefreiten Möchtegerns auch noch an? Wer? Wer nur?

Gerade noch rechtzeitig merkt der Unwissende wie sich seine Hand um die Fernbedienung krallt, um sie in den Bildschirm zu schleudern. Für einen kurzen Moment hält er das sogar für eine ausgezeichnete Idee. Doch schließlich gewinnt die Vernunft und er drückt lediglich den Aus-Knopf. Eine Woge der Erleichterung durchströmt seinen Körper. Verstört legt er sich in sein Bett und versucht zu schlafen. Zu schlafen und zu vergessen. Und vielleicht wacht er morgen auf und ist der festen Überzeugung, dass das alles nur ein Alptraum war. Ein furchtbarer, schrecklicher, quälender Alptraum.

 

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