Kommt zusammen, was nicht zusammengehört?

Sportliche Großereignisse stehen immer auch im Schatten der Politik. Das war in der Vergangenheit so und im Jahr 2012 ist es nicht anders. Das Formel-1-Rennen in Bahrain hat diese komplexe Diskussion bereits angedeutet. Während der EM wird sie sich hinsichtlich der politischen Verhältnisse im Gastgeberland Ukraine noch verschärfen. Wie ist es also um das Verhältnis von Politik und Sport bestellt und was bedeutet das für den vermeintlich richtigen Umgang damit?

Von Sebastian Binder  

Diese Frage wird nicht zum ersten Mal aufgeworfen und sie wird ganz sicher nicht zum letzten Mal gestellt werden: Wie politisch kann, darf, muss Sport sein? Spätestens seit den Olympischen Spielen 1936 im nationalsozialistischen Deutschland sollte klar geworden sein, dass großen Sportereignissen immer auch eine politische Komponente inne wohnt, ob dies nun explizit gewollt ist oder eher stillschweigend in Kauf genommen wird. Und auch im Jahr 2012 flammt die Debatte um die Wirkung, um den Gebrauch, aber auch den Missbrauch von Sport für politische Zwecke wieder auf. Bereits der Formel-1-Grand-Prix in Bahrain wurde äußerst kontrovers diskutiert. Darf sich die Glitzer- und Glamourwelt des Rennzirkus in einem Land feiern lassen, in dem es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Regierungssoldaten und Regimegegnern kommt, in dem Folter und Unterdrückung der Opposition scheinbar zum Tagesgeschäft gehören? Ist es vertretbar, wenn die deutschen Stars um Sebastian Vettel und Michael Schumacher lächelnd mit den despotisch regierenden Herrschern des Landes posieren? Natürlich, es gibt die These, dass der Sport an sich immer unpolitisch ist, was eine Stufe weitergedacht bedeuten würde, dass auch die Sportler als unpolitische Akteure betrachtet werden müssen. Das Posen mit den Herrschern wäre somit nur eine Art Höflichkeitsgeste, die man aus Freundlichkeit seinen Gastgebern gegenüber ausführt. Doch so einfach ist es nicht. Wenn sich Sportstars, die generell weltweit eine deutlich höhere Popularität als Politiker genießen, mit eben jenen ablichten lassen, so fördern sie dadurch auch das Image der Politiker. Und damit wird aus einer vielleicht unpolitisch gemeinten Geste doch wieder eine politische.

Die Deutschen mögen die Formel 1, keine Frage, doch sie mögen sie nicht annähernd so gern wie die schönste Nebensache der Welt: Fußball. Vielleicht ist die Phrase „schönste Nebensache der Welt“ mittlerweile sogar schon überholt, denn nicht selten heißt es heutzutage: „Hauptsache Fußball“. Und hier ist man bereits mitten im Problem: Es herrscht eine riesige Vorfreude auf die EM 2012. Die deutsche Mannschaft gehört neben Spanien und Holland zu den Topfavoriten und die Fans in der Heimat freuen sich bereits auf rauschende Public-Viewing-Nächte, Feiern in den Straßen, schlicht auf ein großes, landesweites Fest. Daher passt es vielen gar nicht, dass plötzlich nicht mehr die EM als Sportereignis, sondern vielmehr die politischen Verhältnisse im Gastgeberland Ukraine im Fokus stehen. Doch das ist nicht das Problem, sondern vielmehr ein Vorteil, denn nun ist auch der eigentlich unpolitische Fußballfan beinahe gezwungen, sich mit den schwierigen politischen Verhältnissen in der früheren Sowjetrepublik auseinanderzusetzen. Mit dem autoritären Regierungsstil des Präsidenten Viktor Janukowitsch, der damit verbundenen Unterdrückung der Opposition im Land und dem fragwürdigen Umgang mit der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko. Es schadet nicht, wenn Leute, die sich sonst nur für das Treten gegen einen Ball interessieren, sehen, dass es hinter der funkelnden Fassade des Großereignisses noch eine dunklere, komplexere Realität gibt.

Wie gesagt, das ist nicht das eigentliche Problem. Die erschütternden Bombenanschläge in der Stadt Dnjeprpetrowsk haben zum einen plötzlich Fragen nach der Sicherheit der anreisenden Fußballfans aufgeworfen. Auch wenn sich UEFA-Präsident Michel Platini sofort bemühte, alle Bedenken zu zerstreuen, so bleibt doch die Angst, dass es im Zuge der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu weiteren Attacken kommen könnte. Dass der Sport ein weiteres Mal zu politischen Zwecken missbraucht wird. Die zweite Frage ist, wie sich die deutschen Spitzenpolitiker während der EM gegenüber der ukrainischen Regierung verhalten werden. Bundespräsident Joachim Gauck hat bereits ein erstes Zeichen gesetzt und seinen geplanten Besuch in dem Land abgesagt. Doch was würde passieren, wenn die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich das Finale am 1. Juli in Kiew erreicht? Würde Kanzlerin Angela Merkel, die sich bei Spielen der Nationalelf gerne als klatschend-begeisterter Edelfan den Fernsehkameras präsentiert, dieses Megaevent aus politischen Vorbehalten ebenfalls boykottieren? Oder würde sie sich doch neben Janukowitsch auf die Ehrentribüne setzen, damit auch die Fans in der Heimat sehen können, dass ihre Regierungschefin mit ihnen mitfiebert, mitleidet? Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat in der Bild am Sonntag bereits einen indirekten Boykott der EM-Spiele in der Ukraine gefordert: „Im Zweifelsfall sollte man da nicht hinfahren.“ Wie genau ein derartiger „Zweifelsfall“ aussieht, ließ er allerdings offen. Dennoch: „Solange in der Ukraine Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt werden, kann es keinen normalen Umgang mit dem Land geben.“

Nun wird sich dieser Zustand bis zur EM wohl kaum noch ändern. Wie sieht also der richtige Umgang mit dem Land aus? Ein Zeichen durch Boykott setzen? Hinfahren, deutliche Worte an die Regierung richten, und hoffen, dass man durch seinen Besuch die ukrainische Regierung nicht doch aufwertet? Es wird ein Drahtseilakt für die deutsche Politik, so viel steht jetzt schon fest. Es liegt aber auch in der Verantwortung der Medien, insbesondere der übertragenden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, seriös und präzise über etwaige Missstände in dem Land zu informieren. Und nicht zuletzt, man muss fast sagen: leider, auch in der Verantwortung der Nationalspieler. Sie werden ebenfalls nicht darum herumkommen, sich zur Lage in diesem Land zu äußern. Es bleibt zu hoffen, dass sie der DFB in dieser Hinsicht einigermaßen instruieren wird, damit es nicht zu peinlichen Äußerungen wie jüngst von Sebastian Vettel in Bahrain („Ich habe noch niemanden gesehen, der eine Bombe geworfen hat, das ist ein großer Hype“) kommt. Denn auch die Meinung der als Sportler angereisten Spieler wird dann zum Politikum werden. Ob ihnen oder ob uns das gefällt, ist dabei zweitrangig. Denn sportliche Großereignisse haben heute immer auch eine politische Komponente. Ob das nun gut oder schlecht ist, spielt gar keine so große Rolle. Es ist schlicht und ergreifend die Realität.

Foto: EM-Stadion in Kiew

Copyright: Илья Хохлов zur Verfügung gestellt auf Wikimedia Commons

 

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