Deutschland – Elektronischland

Es ist immer so eine Sache mit elektronischer Musik in Deutschland: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Die, auf die letzteres zutrifft, können das Lesen nun getrost einstellen. Der Rest jedoch kann hier vielleicht ein, zwei neue Sachen entdecken: Hat Format: B tatsächlich eine Vorliebe für bärtige Frauen? Was haben Monkey Safari eigentlich in der Kurpfalz zu schaffen? Und ist Super Flu tatsächlich überflüssig? Es ist nicht einfach, all diese komplexen Fragen in einem Artikel zu beantworten, doch man kann es zumindest versuchen.

Von Sebastian Binder 

Es wird gerne gestritten in der deutschen Elektroszene. Und zwar hauptsächlich darum, wie die Musikrichtung einer Band, eines Liedes zu bezeichnen ist. House, Hard House, Deep House, Fidget House, Dutch House, Techno, Techstep, Minimal, Minimal Techno, Schranz, Trance, Dance, Eurodance, ehrlich, was soll’s? Natürlich, der Deutsche kategorisiert gern, das Leben in Schubladen, ein Katalog, in dem es nach preußischer Ordnung zugeht. Braucht man das tatsächlich? Gibt es wirklich Leute, die sagen: „Deep House find’ ich super, aber Minimal zum kotzen.“? Sollte es nicht schlicht und ergreifend darum gehen, ob es sich um gute oder schlechte Musik handelt? Muss man auf alles ein Schildchen kleben nach dem Motto „So wird das genannt, und wehe, ihr haltet euch nicht dran“? Wem es Spaß macht, der soll es so handhaben, an dieser Stelle wird darauf verzichtet. Denn ganz ehrlich: Spielt es eine Rolle, ob Format: B nun eher Techno, Monkey Safari vielleicht House oder Super Flu dann doch Minimal produziert? Sicherlich nicht.

Eines haben alle drei jedenfalls gemeinsam: Sie stehen für feinste elektronische Musik aus deutschen Landen. Fernab des Chartmülls, wo, David Guetta sei Dank, mittlerweile auch jeder zweite Track auf ein elektronisches Beatfundament setzt, entwickelt sich in Deutschland nun seit mehreren Jahren eine Elektroszene, die ihren Sound nicht nach Chartpositionen, sondern nach Stil ausrichtet. Das Gute ist, dass das gelingt und die zuvor genannten Bands sind drei perfekte Beispiele für diese Entwicklung. Ja, jetzt ist es Zeit für den Aufschrei: „Aber es gibt doch noch unzählige andere geile Elektrobands in Deutschland!“ Richtig, doch irgendwo muss man schließlich anfangen. Also, Vorhang auf für:

Format: B

Nun gut, wenn man über elektronische Musik in Deutschland schreibt, muss man in deren Mekka beginnen. Der Fokus richtet sich daher auf die Stadt der alternativlosen Alternativen, der Freaks und Andersartigen, der Zappler und Ck-Sprecher. Die Stadt, die aufgrund nicht verschriebener Medikamente niemals zu schlafen scheint: Berlin. In diesem seltsamen Konvolut aus Tresoren, Hainen und Rosen hat das 2005 gegründete Duo Format: B seine Homebase. Bürgerlich hören die beiden Jungs auf die biblischen Namen Franziskus Sell und Jakob Hildenbrand, doch besonders kirchlich mutet ihr Sound eigentlich nicht an. Laut einem Interview mit Dein Freund Paul ist ihr Künstlername durch eine Computerpanne ihres Nachbarn entstanden („Man müsse dringend Format:/B machen…“ Alles klar? Alles klar.). Wenn man einen ersten Eindruck ihres frühen Sounds haben möchte, dann sollte man sich das brillante „Rabbit Hunt“ anhören. Man kann das arme Häschen förmlich sehen, wie es von der formatierten Basswalze verfolgt wird, nur um spätestens ab der dritten Minute gänzlich überrollt zu werden. Wem dieser, für Tierschützer vielleicht nicht ganz korrekte, Titel zusagt, der sollte mit „Vivian Wheeler“ weitermachen. Ob der Name wirklich etwas mit Format: B’s Vorliebe für bärtige Frauen zu tun hat, sei einmal dahingestellt. Fest steht, dass der Beat ebenso grimmig anmutet wie es sonst nur eine Frau mit Vollbart hinbekommt. Doch auch die neuen Sachen wissen zu überzeugen, wie Franziskus und Jakob mit ihrem 2011 erschienenen Album „Restless“ bewiesen haben. Ob es nun um Socken und Sandalen oder die Mädchen vom Land geht, hinhören lohnt sich auf jeden Fall. Kein Wunder also, dass die beiden auch als Liveact enorm gefragt sind, und das gilt nicht nur für dunkle Berliner Keller, sondern mittlerweile weltweit. Von Lüdenscheid bis Mexiko Stadt, von Greifswald bis Sao Paolo, von Betzdorf bis Seoul, Format: B dreht seine Runden, frei nach dem Motto: „Was nicht basst, wird bassend gemacht.“ Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

Monkey Safari

Raus aus der Hauptstadt und hinein in die vermeintliche Provinz, genauer gesagt nach Halle. Hier treiben seit längerer Zeit zwei Brüder ihr Unwesen, die auf den exotischen Namen Monkey Safari hören. In einem Interview mit Banq erzählen die beiden, dass der Name „bei einem konstruktiven Besäufnis“ entstanden ist. Nun ja, Verwunderung sieht anders aus. Wenn man sich dem affigen Sound nähern möchte, der wohl irgendwo zwischen poetischer Melodik und kalkuliertem Wahnsinn liegt, dann sollte man sich ein Lied zu Gemüte führen, das ironischerweise „Berlin“ heißt. Ohne den beiden Jungs zu nahe treten zu wollen, aber man muss schon ein bisschen krank im Kopf sein, wenn man das Volkslied „Ein Jäger aus Kurpfalz“ auf Elektro trimmt. Und das auf so geniale Art und Weise, dass man, je nach Gehörgangslage, entweder „Jäger aus Kurpfalz“ oder eben „Berlin“ versteht. Erbförster Friedrich Wilhelm Utsch und Johann Kasimir von der Pfalz-Simmern werden sich sicherlich mit einem groovenden Schauern in ihrem Grab umdrehen. Doch selbstverständlich haben sich die beiden fleißigen Äffchen nicht auf diesen ungefähr 250 Jahre alten Lorbeeren ausgeruht, sondern eine Vielzahl starker Tracks nachgelegt, z.B. das besonders edle „Balkonia“. Dass sie nicht nur im Studio, sondern auch an den Plattentellern eine gute Figur abgeben, wird dem geneigten Hörer spätestens klar, wenn er sich den äußerst frischen „Monkeybird Mix“ auf der Zunge zergehen lässt. Auf der Landkarte mag Halle vielleicht Provinz sein, doch dank der Monkeys ist es im elektronischen Dschungel eine äußerst lohnenswerte Safari.

Super Flu

Raus aus der Provinz und hinein nach… Moment, wir bleiben in der Provinz? Super Flu kommen auch aus Halle? Verdammt, was ist denn los in Margot Honeckers Stadt? Scheinbar einiges. Egal, zunächst einmal zum Bandnamen. Der versierte Hypochonder würde bei einem derartigen Namen natürlich sofort seine Atemschutzmaske aufsetzen, doch zum Glück kann wiederum Freund Paul hier für Aufklärung sorgen. Denn der Name kommt nicht aus dem Englischen, sondern dem Französischen und bedeutet so viel wie „Überflüssig“ oder „Unwichtig“. Nun, keines dieser beiden Attribute trifft auf den Sound von Feliks und Mathias zu, was einem schnell klar wird, wenn man sich das ebenso minimalistische wie antreibende „Lyla Licks Chestnuts“ anhört. Sie selbst bezeichnen ihren Stil übrigens als „christlichen Death Metal“ mit einem „tropischen“ Einschlag. Ahh ja. Was man sich darunter vorzustellen hat, wird einem bewusst, wenn man sich den Mitschnitt ihres psychopathischen Auftritts auf dem Palazzo-Kutter ansieht. Und spätestens mit ihrem durchziehendem Album „Heimatmelodien“, das sicher auch beim Musikantenstadl für Freude sorgen würde, haben sie sich in die erste Liga der deutschen Elektrovögel produziert. So, zum Abschluss noch eine Runde „Didschn“, was immer das bedeuten soll, aber dann ist es auch mal gut mit Halle.

Ach so, was will unser dieser Text denn nun eigentlich sagen? Ganz einfach: Deutschland – Elektronischland.

Foto: Copyright Super Flu

 

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