Die Macht der Überschriften

Da hatte Sueddeutsche.de einen ganz schönen Knüller zu vermelden: “Lewandowski wechselt zum FC Bayern”. Welch eine Geschichte, der Dortmunder Topstürmer geht unmittelbar nach dem Pokalfinale zum unterlegenen Rivalen nach München. Doch irgendetwas scheint bei dieser Meldung nicht zu stimmen. Hat sich die SZ etwa einen verspäteten Aprilscherz erlaubt? Ja und Nein. Sie hat vor allem eine geniale Überschrift kreiert.

Von Sebastian Binder  

Zugegeben, mir ist auch kurz das Herz stehengeblieben als ich auf die Sportseite von Sueddeutsche.de klickte und mich in dicken Lettern plötzlich folgende Überschrift ansprang: „Lewandowski wechselt zum FC Bayern“. „Was für ein Coup“, schoss es mir unvermittelt durch den Kopf. Am Samstag demütigte der polnische Angreifer des BVB noch die Münchner mit drei Toren im Pokalfinale und zwei Tage später wird dann sein Wechsel in die bayerische Landeshauptstadt verkündet. Ein weiterer Geniestreich von Uli Hoeneß. Das typische Bayern-Prinzip: Wird ein Gegner in der Bundesliga zu stark, wird er durch Spielerkäufe der Festgeldkonto-Bayern systematisch geschwächt. Bremen, Stuttgart und Co. können ein Lied davon singen. Doch hier würde sogar die sportliche Seite stimmen: Robert Lewandowski als Back-up für Mario Gomez oder mit ihm zusammen gar als brandgefährliche Doppelspitze? Es könnte schlimmer sein. Doch noch bevor ich die Meldung genauer las, mischten sich erste Zweifel in meine Gedanken.

Hatte der BVB Lewandowski nicht gerade noch für unverkäuflich erklärt? Würde der Pole tatsächlich erst einmal die (vorläufige) Nummer Zwei hinter Gomez geben? Folgt vor großen Transfers des FC Bayern nicht immer erst ein brodelndes Gerüchtefeuer, siehe Manuel Neuer, siehe Gladbachs Dante? Warum habe ich eigentlich auf keiner anderen Seite etwas davon gelesen? Mir wurde klar, irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Ich klickte also auf die Meldung und Ernüchterung machte sich breit: Es geht nicht um den Dortmunder Topstürmer, sondern um Gina Loren Lewandowski (ja, ich hatte den Namen auch noch nie gehört). Die amerikanische Nationalspielerin wechselt in der kommenden Saison vom 1. FFC Frankfurt zur Damenmannschaft des FC Bayern München. Nichts gegen Frauenfußball, aber die Meldung hatte sofort ihre Brisanz verloren. Zugegeben, ich kenne Frau Lewandowski nicht, ich weiß nicht, ob sie für den FFC Frankfurt einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie ihr männlicher Namensvetter für die Borussia aus Dortmund. Allerdings zeugt diese Erkenntnis, abgesehen von meiner eigenen Ignoranz, vor allem von den verschiedenen Stellenwerten von Männer- und Frauenfußball. Wäre es tatsächlich um den Mann Lewandowski gegangen, so wäre auf allen Sportseiten der Aufmacher klar gewesen, die Zeitungen wären in den nächsten Tagen voll von dieser Geschichte, möglicherweise hätte die ARD sogar einen speziellen Brennpunkt gesendet. Stattdessen nutzt Sueddeutsche.de die Meldung zu einem, zugegebenermaßen witzigen, Text, bei dem trotzdem zwischen jeder Zeile durchschimmert: „Haha, reingelegt, ihr Pfeifen. Habt wohl gedacht, es geht um den superspannenden Männerfußball, stattdessen präsentieren wir euch einen nicht ganz so brisanten Frauenwechsel und ihr fallt auch noch darauf rein.“ Und auch ich musste zähneknirschend zustimmen: „Okay, erwischt. 1:0 für die Süddeutsche.“

Interessant ist, dass fast 13.000 Leute diesen Artikel auf Facebook empfehlen. Zum Vergleich: Normalerweise bringen es Topmeldungen auf Sueddeutsche.de auf ungefähr 1.000 Facebook-Empfehlungen, wenn überhaupt. Warum also schafft die Lewandowski-Meldung 13-mal so viele? Die Erklärung ist ganz einfach: Wegen der Überschrift. Viele Leute werden sich wohl gedacht haben: „Ich poste das mal auf Facebook und meine Freunde werden denken: ‘Wow, das ist mal ‘ne Nachricht.’ Wenn sie den Artikel dann gelesen haben, kann ich schreiben: Haha, verarscht.“ Klingt vertraut, oder?

Wer sich ein bisschen im Boulevard- aber auch im Online-Journalismus auskennt, weiß: Überschriften sind die halbe Miete. Ist die Überschrift gut, spannend, anziehend, sexy, verwirrend, doppeldeutig, witzig, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Artikel auch geklickt wird. Dieses Kalkül werden sie wohl auch in der Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung auf den Schirmen gehabt haben. Der Erfolg gibt ihnen recht. Ich würde fast darauf wetten, dass dieser Artikel an jenem Tag der meistgeklickte im Sportressort, vielleicht sogar auf der ganzen Homepage war. Nicht weil die Meldung besonders interessant war, sondern einzig und allein wegen der Überschrift. Wenn man das positiv sieht, dann kann man das als „brillanten Schachzug“ werten. Negativ gesehen ist es nichts anderes als Bauernfängerei. Man kreiert eine Überschrift, von der man genau weiß, dass sie falsche Erwartungen weckt, und lacht sich ins Fäustchen, wenn man mit diesem billigen Trick massenweise Klicks generiert.

Aber egal, kein Grund sich künstlich darüber aufzuregen. Ich gönne den Leuten von der SZ ihren Überschriften-Coup, denn wie wusste schon der dauerlustige Roberto Blanco: „Ein bisschen Spaß blablabla, jeder weiß, wie es weitergeht…“ Mich würde daher eher interessieren, wie die Überschrift auf Sueddeutsche.de lautet, sollte Robert Lewandowski tatsächlich von Dortmund nach München wechseln. „Lewandowski wechselt zum FC Bayern. Nein, diesmal der richtige, männliche, der vom BVB.“ Gefällt mir ehrlich gesagt nicht ganz so gut. Aber bestimmt fällt den SZ-Redakteuren in diesem (ja, unwahrscheinlichen) Fall etwas Neues ein. Und bis dahin können sich die Bayernanhänger ja darüber freuen, dass zumindest ein(e) Lewandowski in ihrem Kader steht.

Foto: Screenshot des entsprechenden Artikels auf Sueddeutsche.de

Copyright: Sueddeutsche.de

 

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