Die Sage von Norbert dem Klugen

Vor langer, langer Zeit in einem heute kaum noch bekannten Königreich gab es einmal einen Prinzen namens Norbert. Er war klug und bei der Königin wohlgelitten, beharrlich griff er nach immer mehr Macht. Alles schien ihm zu gelingen, doch dann überschattete eine Katastrophe in einem entfernten Land sein bisheriges Wirken. Plötzlich war es um Norbert nicht mehr so gut bestellt. Doch er bekam noch eine letzte Chance: Er sollte Hannelore und ihre Truppen im Westen unterwerfen. Doch statt des Sieges, verlor Norbert die Schlacht und sein Ende war besiegelt.

Sebastian Binder erzählt Die Mär eines Niedergangs  

Es war einmal ein Kronprinz. Norbert der Kluge war sein Name und er lebte im Reich der Alemannen. Viele hielten ihn bereits für den kommenden Regenten dieses ach so strahlenden Landes, doch Norbert, klug wie er nun einmal war, wusste, dass es bis dahin noch viel zu tun geben würde. Der Weg zur Macht ist immer steinig, es gilt, viele Hindernisse zu überwinden, Gegner und manchmal leider auch Freunde müssen auf der Strecke bleiben, wenn am Ende die funkelnde Krone stehen soll. Norbert hatte all dies begriffen, sein Weg an die Spitze verlief schnörkellos, ohne Kompromisse, immer die richtige Entscheidung auf den Lippen. Seine Rüstung strahlte hell im Vergleich zu der seiner Widersacher und während diese in der Gunst der strengen Herrscherin meist schwanden, stieg Norberts Stern höher und höher. Königin Angela die Pragmatische wusste den klugen Norbert zu schätzen und so gab sie ihm die Aufgabe, sich um den Erhalt der Natur in ihrem blühenden Reich zu kümmern. Zunächst schien das ein schöner Auftrag für Norbert zu sein, denn die Alemannen mögen ihre Berge, Wälder und Seen und sie freuen sich, wenn sich jemand um ihren Fortbestand sorgt. Doch dann passierte etwas Unvorhergesehens. Im fernen Land der aufgehenden Sonne kam es zu einer strahlenden Katastrophe und auch im Alemannenreich brach Panik aus. Niemals sollte hier etwas Ähnliches geschehen können und daher mussten alle Gefahrenherde lieber heute als morgen beseitigt werden. Nun gab es aber die paradoxe Situation, dass eben jene Gefahrenherde auch gebraucht werden, um den Alemannen das Leben zu versüßen. Was also tun?

Norbert war sich sicher, dass er auch diese Mammutaufgabe hinbekommen würde. Er würde einfach das wirklich Gefährliche durch weniger Gefährliches ersetzen, wie schwer konnte das schon sein? Schwerer als gedacht, wie Norbert bald feststellte, denn finstere Mächte, die das Zeichen des Lichts vor sich hertrugen, machten ihm das Leben schwer. Der riesige Stamm der Bürokratener pfuschte ihm zudem immer wieder in sein redliches Handwerk und irgendwann schlich sich bei Norbert wohl die Erkenntnis ein, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen sein könnte. Auch Königin Angela war zum ersten Mal nicht zufrieden mit ihrem Naturregenten, doch sie vertraute weiterhin auf dessen Klugheit und dass er das alles irgendwie schon richten werde. Norberts Rüstung strahlte jedenfalls nicht mehr so hell wie früher, das Fundament seiner Macht bröckelte stärker und stärker. Doch er sollte noch eine zweite Chance bekommen, sein angekratztes Ansehen wieder aufzupolieren.

Krieg zog herauf im westlichen Teil des Alemannenreiches. Hannelore die Bodenständige, Teil einer separatistischen Bewegung der Alemannen, wollte ihre Macht in der wilden, grauen Kohleprovinz festigen. Natürlich konnte Königin Angela das nicht zulassen und so schickte sie mit dem klugen Norbert einen ihrer besten Männer in die Schlacht. Er sollte den Sieg erringen, Hannelore und ihre Gefolgschaft unterwerfen und so für Stabilität im ganzen Reich sorgen. Doch Norbert war sich nicht so ganz sicher, wie er an diese schwierige Aufgabe herangehen sollte. Einerseits wäre es schön, der neue Fürst dieser so bedeutenden Provinz zu werden. Doch was wäre im Falle einer Niederlage? Sollte der kluge Norbert etwa der bodenständigen Hannelore als machtloser Lakai dienen, zur Bedeutungslosigkeit verdammt? Das war nicht im Sinne seiner Machtvorstellung und so tüftelte Norbert einen vermeintlich klugen Plan aus: Sollte er die Schlacht um die Kohleprovinz verlieren, würde er einfach zurück in die Hauptstadt gehen und sich weiter der Natur widmen, irgendwann würde Gras über die Sache gewachsen sein und er hätte das Gesicht und seine Macht gewahrt.

Die Schlacht begann und bald zeigte sich, dass Norbert dieser Herausforderung nicht gewachsen war. Anstatt sein Heer zu vergrößern und schlagkräftiger zu machen, schmolz es im Gegenteil mehr und mehr dahin, so dass am Ende die kleinste Regierungsarmee stand, die die Provinz je gesehen hatte. Die Schlagkraft seiner Gegnerin hingegen wuchs und wuchs und bald wurde Norbert klar, dass er hier auf verlorenem Posten kämpfte. In seiner Verzweiflung versuchte er, Königin Angela in die Schlacht hineinzuziehen, doch diese war aufgrund jenes Vorstoßes alles andere als erfreut. Und so stand am Ende eine desaströse Niederlage Norberts des Klugen und seiner Truppen. Geschlagen musste er den überragenden Sieg Hannelores anerkennen, lud alle Schuld auf sich und verschwand aus der Provinz zurück in die Hauptstadt. Doch auch hier wurde er nicht mit offenen Armen und tröstenden Worten empfangen.

Nicht nur Königin Angela war aufgrund Norberts strategischer Fehler bei der Schlachtführung wahrlich verärgert. Horst der Zornige, vom Stamm der ledernen Hosen, eigentlich ein Verbündeter Norberts, meldete sich zu Wort und machte deutlich, dass Norbert nicht nur die Königin, sondern die gesamte Führungselite des Reiches beschädigt hatte. Auch die Minnesänger verspotteten den früher klugen Norbert und dieser musste feststellen, dass er nicht mehr allzu viele Gefährten hatte, die ihm noch treu ergeben waren. Königin Angela die Unerbittliche sah sich zum Handeln gezwungen, denn wie sollte dieser gebrochene Mann sich noch um die Natur und die Gefahrenherde in ihr kümmern können? Sie legte ihm nahe, sich von selbst zurückzuziehen, doch dies verweigerte der stolze Norbert. Daher demonstrierte die Königin ihre ganze Macht und schickte Norbert in die Verbannung, gebrandmarkt mit dem Makel des Gescheiterten. Danach wurde es still um Norbert den Klugen, niemand trauerte ihm hinterher. Die Sage geht, dass er heimlich an seinem Zurückkommen arbeitet, dann, wenn Königin Angela nicht mehr die Macht in ihren Händen hält. Norbert hat sich noch nicht aufgegeben und vielleicht werden die Minnesänger am Ende noch einmal von ihm erzählen.

Foto: Ein Relief Norberts des Klugen

Copyright: Dirk Vorderstraße zur Verfügung gestellt auf Wikimedia Commons

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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