Worte der Fassungslosigkeit

Der 19. Mai 2012, möglicherweise der dunkelste Tag in der Münchner Fußballgeschichte. Der FC Bayern verliert das Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen Chelsea London. Unverdient, absolut unverdient. Und doch fragt niemand mehr danach. Fußball ist in den seltensten Fällen gerecht. Diese Nacht in Fröttmaning hat es einmal mehr bewiesen. Zurück bleibt eine bayerische Mannschaft, die an Tragik kaum zu überbieten ist.

Von Sebastian Binder  

Dieses Geräusch. Dieses Geräusch als der Ball gegen den Pfosten klatschte. Als der Ball gegen den Pfosten klatschte und wieder in den Sechzehner zurücksprang. Dieses Geräusch. Dieses Geräusch wird sich auf ewig in die Seele der Spieler, der Verantwortlichen, der Fans des FC Bayern München einbrennen. Ungläubig verfolgte Bastian Schweinsteiger den Ball, wie er durch den Strafraum kullerte. Durch den Strafraum kullerte anstatt im Netz zu zappeln. Dann kamen die Tränen. Dass Didier Drogba Chelsea London mit dem letzten Elfmeter zum Champions-League-Sieg schoss, es war fast unwichtig, unwirklich. Was bleiben wird, wird dieser eine Elfmeter sein. Schweinsteiger, läuft, verzögert, schießt… und dann dieses Geräusch. Was danach geschah, war fernab jeder Realität. Die tanzenden blauen, die liegenden roten Gestalten, es schien nichts mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Man könnte nun versuchen, nach Worten für dieses Gefühl zu suchen: Schockzustand, Realitätsverlust, Angststarre, was auch immer. Nichts davon trifft zu. Es war wie in einem bösen, einem bitterbösen Traum und so mancher im Stadion, auf den Fanfesten, vor den Fernsehgeräten wird sich gewünscht haben, nun aufzuwachen, bitte lass mich aufwachen, man habe genug gelitten, bitte. Stattdessen tauchten die Bilder auf, Bilder von blauen Gestalten, die die silberne Trophäe in die Höhe reckten, als hätten sie sie tatsächlich verdient. Das Ende mit Schrecken, es wollte nicht kommen.

Der FC Bayern hatte dieses Spiel gewonnen. Dreimal gewonnen, um genau zu sein. Er hatte es gewonnen durch das 1:0 von Thomas Müller. Er hatte es gewonnen durch den Strafstoß in der Verlängerung. Er hatte es gewonnen durch den gehaltenen Elfmeter von Juan Mata. Dreimal befanden sich die Münchner an diesem psychopathischen Abend in der Allianz Arena auf der Siegerstraße. Drei verfluchte Male. Dreimal scheiterten sie. Scheiterten… ja, woran eigentlich? An ihren Nerven? Am Schicksal? An diesem jähzornigen Wesen namens Fußballgott? Oder doch an diesen so cleveren wie unerbittlichen blauen Gestalten aus London? Das unfassbare Element dieser Geschichte lässt keine Antwort zu. Heute nicht, morgen nicht, vielleicht niemals. Was bleiben wird, ist die Zahl „Drei“. Diese Zahl wird die Mannschaft des FC Bayern lange Zeit verfolgen. Diese Mannschaft des FC Bayern der Saison 2011/2012, die als die tragischste in die Analen der stolzen Münchner Historie eingehen wird. In drei großen Spielen hatte sie die Chance, den Titel zu erringen. In drei großen Spielen scheiterte sie. Zweimal an Dortmund, einmal an London. Zwei plus eins macht drei. Die Zahl „Drei“ als Fluch des FC Bayern.

Der 19. Mai 2012 ist ein wunderschöner Tag in München. Die Sonne lächelt freundlich aus dem blauen bayerischen Himmel und die Stadt atmet, atmet Fußball, mit jedem Zug pulsiert er in ihren Lungen. Der Marienplatz, der Viktualienmarkt, der Olympiapark, sie alle leuchten rot-weiß, von einigen blauen Farbtupfern abgesehen, die dennoch siegessicher toleriert werden. Finale dahoam, endlich dahoam, wer noch nie Zuversicht gesehen hat, in München kann er sie an jeder Ecke, in jedem Gesicht an diesem Tag bewundern. Die Sonne verschwindet langsam, die Arena beginnt zu leuchten, die Straßen leeren sich und dann erklingt die Pfeife von Pedro Proenca. Der Ball rollt und rollt und Bayern dominiert und dominiert. Doch es will nicht fallen, das Tor für die Münchner, das längst hochverdient wäre, es will einfach nicht fallen. Die 83. Minute, Toni Kroos zirkelt den Ball von der linken Strafraumkante auf den langen Pfosten. Da ist Müller, Müller, Müller drückt den Ball mit dem Kopf auf den Boden, er springt ab, springt an die Unterlatte, Cech, Cech ist nicht dran, Tor, Tor, Tor. Ein Schrei, hunderttausend Schreie, die Stadt explodiert, Euphorie, nur noch Euphorie. Ruhig bleiben, knapp zehn Minuten noch, zittern, ganz klar. Was macht Van Buyten auf dem Feld? Egal. Diese Ecke noch, 88. Minute. Vorsicht Drogba, Drogba, nein, nein, nein. München schweigt, fassungsloses Schweigen, dieses Tor von Chelsea, nichts hat darauf hingedeutet, sie hatten keine Torchance, keine einzige, oder? Wie viele Ecken hatte Bayern in diesem Spiel? Was ist dabei herausgekommen? Wie viele Ecken hatte Chelsea in diesem Spiel? Was ist dabei herausgekommen? Die Fußballwelt, nie erschien sie so unfair wie an diesem Abend in München. Dieser Abend, diese Nacht des 19. Mai, sie sollte noch die ein oder andere Pointe bereithalten. Pointen, die für die Münchner Fans so bitter sind, dass sie eigentlich nicht in Worte gekleidet werden können, sollen, dürfen.

Der FC Chelsea ist der unverdienteste Champions-League-Sieger seit langer, langer Zeit, womöglich aller Zeiten. Und doch wird niemand danach fragen. Zum ersten Mal wurde der Name London in den silbernen Pott graviert, ausgerechnet an diesem 19. Mai in München. Er wird für immer auf diesem Pokal bestehen bleiben. Er wird die Spieler, Verantwortlichen, Fans des FC Bayern auf ewig an diesen lauen Abend in Fröttmaning erinnern. Ein rot-weißer Traum, der zu einem blauen Alptraum wurde. Fast wünscht man sich, Bayern wäre früher gescheitert. Die Schmach, die Demütigung, die Niederlage, nie hätte sie so bitter geschmeckt wie an diesem 19. Mai. Der Fußball ist grausam. Jeder weiß das. Es hätte nicht dieses Spiels als Beweis bedurft. Dieses Finale wird nicht aus der Münchner Fanseele zu tilgen sein. Diese unwirklichen Bilder voller Fassungslosigkeit. Diese Bilder und dieses Geräusch. Das Klatschen. Das Klatschen des Balls. Das Klatschen des Balls gegen den Pfosten. Dieses Geräusch. Dieses verfluchte Geräusch.

Foto: Die Allianz Arena als Symbol der Trauer

Copyright: Guido Radig zur Verfügung gestellt auf Wikimedia

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