Deutscher HipHop: Die goldene Zeit

Viele HipHop-Fans betrachten die Zeit von Mitte der 1990er Jahre bis ungefähr zur Jahrtausendwende als die beste Phase des deutschen Rap. Nicht zu unrecht, wie sich im zweiten Teil über die Geschichte des deutschen HipHop zeigen wird. Aus Stuttgart und Hamburg kamen brillante Bands und Alben en masse, auch der Ruhrpott machte mit einer Vielzahl starker Künstler auf sich aufmerksam. Es war klar, dass diese Phase der perfekten Beats, Cuts und Raps nicht ewig anhalten konnte, doch ist tatsächlich nur Berlin der Grund dafür?

Von Sebastian Binder  

Es ist immer so eine Sache mit der Worthülse von der „Goldenen Zeit“. Denn letztlich bleibt die Frage, wer eigentlich bestimmt, wann eine Zeit golden, silbern, bronze ist. Die Geschichtsschreiber? Nostalgiker? Retrofreunde? Oder gar rückwärtsgewandte Spinner, die mit der Gegenwart nicht mehr zurechtkommen? Man schwelgt in geschönten Erinnerungen und meist folgt dann ein Satz, der an Dämlichkeit selten zu überbieten ist: „Jaja, früher war alles besser.“ Nun ist dieser Satz, auf die deutsche Geschichte gemünzt, ganz sicher nicht zutreffend. Aber verlieren wir doch das große Ganze mal für ein paar Minuten aus den Augen und konzentrieren uns stattdessen nur auf die Geschichte des deutschen HipHop. Betrachtet man die Phase von Mitte der 90er Jahre bis um die Jahrtausendwende, so würden nicht nur rückwärtsgewandte Nostalgiker sagen, dass diese Phase möglicherweise die beste war, die dem Rap hierzulande je vergönnt war. Es war die Zeit, als die Fundamente für HipHop bereitet waren, die Scheu vor deutschen Texten abgelegt, die Beats und Cuts komplexer oder, generell gesagt, das Niveau höher und höher wurde.

Natürlich ist es unfair, nun mit irgendeiner Band zu beginnen, denn diese Ehre hätte sicherlich so manche Gruppe, so manches Album, so mancher Track verdient. Aber da es hier um Musik geht, zu der man mit dem Kopf nickt, starten wir mit den Massiven Tönen. 1996 erschien ihr wegweisendes Album „Kopfnicker“. Wenn man als HipHop-Fan heute den titelgebenden Song hört, stellt sich neben Genickschmerzen nicht selten eine Gänsehaut ein, denn: „Ein brandneuer Joint von den Massiven ist im Umlauf, 33 1/3 Umdrehungen drauf, 90 Beats pro Minute, gute Ware wird nie umgetauscht…“ Besser kann man es nicht formulieren. Schowi, Ju, Wasi und der 5te Ton lieferten mit dieser Platte ihr Meisterwerk ab, das meist zu inflationär gebrauchte Wort „Klassiker“ ist hier absolut angebracht. Im Umfeld der Massiven begann in der Folge auch die „Kolchose“ zu gedeihen, zu der Acts wie Afrob, Freundeskreis, Skills en masse oder Breite Seite gehörten. Insbesondere der Freundeskreis mit Frontmann Max Herre konnte mit der Single „A-N-N-A“ und dem dazugehörigen brillanten Album „Quadratur des Kreises“ große Erfolge verzeichnen. Aber auch Afrobs Debütalbum „Rolle mit HipHop“, mit dem Überraschungshit „Reimemonster (feat. Ferris MC)“, darf heute getrost als Meilenstein der deutschen Rapgeschichte bezeichnet werden. Die HipHop-Welt im Ländle kochte also, doch auch im hohen Norden war man nicht untätig.

Richtig, es gibt kaum eine Band in der deutschen HipHop-Geschichte, die so umstritten ist wie Fettes Brot. Was soll’s, mit ihrem 1995 erschienen Album „Auf einem Auge blöd“ und dem dazugehörigen Gassenhauer-Allstar-Track „Nordish by Nature“ ging auch HipHop in Hamburg so richtig nach vorne. Das lag in der Folge allerdings nicht so sehr an den dicklichen Broten, sondern eher an Bands wie den Absoluten Beginnern, Fünf Sterne Deluxe, Doppelkopf, Eins Zwo, Samy Deluxe und so weiter und so fort. Das Bo formulierte es in „Dein Herz schlägt schneller“ vom ultrastarken „Sillium“-Album der Fünf Sterne genau richtig: „Denn Dynamite Deluxe, Doppelkopf, Fünf Sterne, ABs und Eins Zwo sind im Norden verantwortlich für ein hohes Niveau.“ Den Standard für dieses Niveau setzten allerdings die Beginner mit ihrem 1998 erschienenen Geniestreich „Bambule“. Selbst 14 Jahre nach Erscheinen klingen die Lieder immer noch so frisch, als wären sie gerade erst gestern produziert worden. Wer das nicht glaubt, kann sich ja mal „Füchse“ oder „Nie nett“ reinziehen. Die Hamburger Rapper bezeichneten sich selbst als „Mongo Clikke“. Vielleicht nicht der intelligenteste Name, doch man wusste stets, dass Qualität geliefert wurde, wenn die „Mongos“ einen neuen Track hervorzauberten. Und so kamen weitere Klassiker aus Hamburg, seien es nun Doppelkopf mit ihrem lyrischen Meisterwerk „Von Abseits“ oder Eins Zwo mit ihrem Kracher „Gefährliches Halbwissen“.

Playlist zur goldenen Zeit des deutschen HipHops

 

Reisen wir weiter nach Westen, in die Welt dunkler Zechen, rauchender Schlote, ehrlicher Arbeit und grauer Betonklötze. Eine raues Gebiet und das färbte auch auf den HipHop dort ab. Die neben Too Strong wohl einflussreichste Gruppierung war zu dieser Zeit die Ruhrpott AG. Zusammengesetzt aus den Bands Raid und Filo Joes lieferten sie 1998 mit „Unter Tage“ ein Album ab, das seinen festen Platz in allen HipHop-Geschichtsbüchern haben sollte. Aphroe und der leider schon verstorbene Galla rappten auf dieser Scheibe Lyrics, die nie zuvor und leider auch niemals danach wieder erreicht wurden. Beim Hören dieses Albums kann man tatsächlich kurzzeitig wieder daran glauben, dass man sich im Land der Dichter und Denker befindet. Doch auch Acts wie Dike, Creutzfeld & Jakob, ABS oder OnAnOn sorgten dafür, dass sich der Pott zu dieser Zeit als drittes Rap-Zentrum neben Stuttgart und Hamburg etablierte.

Auch in München ging währenddessen einiges vorwärts. Neben den Pionieren von Main Concept machten vor allem die Jungs vom Blumentopf von sich reden. Insbesondere mit ihrem Album „Kein Zufall“ zeigten sie, dass aus Bayern nicht nur gutes Bier, sondern hin und wieder auch guter Rap kommen kann. Mit der Single „6 Meter 90“ schufen sie zudem ein geniales Gegenstück zur damals grassierenden Boygroup-Epidemie.

Je länger dieser Text wird, umso klarer wird auch, dass es unmöglich ist, in diesem geringen Umfang alle wichtigen Bands, Alben und schon gar nicht Lieder zu nennen. Daher sei an dieser Stelle ein dickes „Entschuldigung“ an alle Fans und Künstler gerichtet, die sich selbst oder wenigstens ihre bevorzugte Band nicht genannt sehen.

Machen wir daher einen letzten Abstecher in die Stadt, die bislang noch nicht erwähnt wurde. In die Stadt, die für viele Kopfnicker der 90er Jahre symbolisch für den Niedergang des deutschen HipHop steht: Berlin. Es ist interessant zu sehen, dass Berlin trotz seiner Größe von Mitte bis fast Ende der 1990er keine allzu starke Rolle in Rap-Deutschland spielte. Natürlich, es gab damals Westberlin Maskulin um Kool Savas und Taktloss, die im Untergrund durch wüste Battletexte von sich reden machten. Es gab die Anfänge der Sekte um Sido, Bushido und B-Tight, die aber außerhalb der Berliner Stadtgrenzen kaum jemand kannte. Es gab die Spezializtz, die sich für Gras, Becks und Zärtlichkeit einsetzten. Doch rückblickend betrachtet war Berlin, vor allem verglichen mit Hamburg und Stuttgart, alles andere als ein Mekka des deutschen HipHop. Das sollte sich nach der Jahrtausendwende ändern. Zuerst mit Savas und M.O.R. und dann vor allem mit Aggro Berlin. Viele frühere HipHop-Heads sind der Ansicht, dass Aggro Berlin der Anfang vom Ende der goldenen Zeit des deutschen Rap war. Dass statt Wortwitz, intelligenten Texten und schnellen Cuts plötzlich Gangsterimage, Ghettoattitüde und Knastgeruch wichtig waren. So falsch ist diese Einschätzung sicherlich nicht. Doch man sollte vielleicht nicht vorschnell vom Ende des deutschen HipHop sprechen, womöglich ist „Richtungswechsel“ das treffendere Wort. Ob diese Richtung nun aber richtig oder letztlich nur folgerichtig war, darüber wird der dritte Teil der Geschichte des deutschen HipHop Auskunft geben.

Beschließen wir diese Episode über die goldene Zeit mit einer Textzeile aus RAGs „Kopfsteinpflaster“, verfasst von Galla, die das HipHop-Lebensgefühl der damaligen Zeit wohl ziemlich genau beschreibt: „Du ahnst nur was kommt, suchst den Wendepunkt am Horizont, dein Nachrichtendienst wühlt nach Spuren an der Front. Weil Instinkt uns niemals linkt, stehen wir da, wo wir sind: Die goldene Mitte, fand’ den Weg durch’s Labyrinth.“ Galla hatte recht, auch im Hinblick auf die Zukunft: Man ahnte nur, was noch kommen würde, doch dass die labyrinthische Wirklichkeit noch weitaus komplexer sein würde, dass HipHop in diesem Land noch viele Irrwege würde gehen müssen, diesen Wendepunkt am Horizont sah wohl nicht einmal das RAG-Mastermind.

(Hier geht’s zum ersten Teil der Geschichte des deutschen HipHop…)

(Hier geht’s zum dritten Teil der Geschichte des deutschen HipHop…)

Foto: Dendemann, früher MC bei Eins Zwo

Copyright: Sanji zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)


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One thought on “Deutscher HipHop: Die goldene Zeit

  1. Nicer Artikel. Da hab ich ja mal nen Artikel gefunden der nicht 10 Jahre alt ist, also Zeit ne Antwort. Bin auch großer Deutsch Rap Fan der alten Schule, also Mid-90er bis 2002 in etwa, danach verflachte es und auf das Ghetto-Aggro Zeug mit moderneren Beats hab ich irgendwie keinen Bock, auch wenn’s poppiger wird und man statt nem coolen Chorus mit im Idealfall Cuts (großer Fan von Zitaten aus anderen Tracks) irgendnen Feature engagiert ist das nicht das Gleiche.

    Wenn ich dran denke wie keine Ahnung locker-spaßig die Fantas damals unterwegs waren, dann fand ich aber “Außen Top Hits” als auch “Auf Eienm Auge Blöd” von Fettes Brot um einiges besser, mit der “Lauschgift” zB kann ich nix anfangen, “4:99” ist die einzige für mich positive Platte der 4. Da nimmt man sich ernst, Spaßrap geht eigentlich eh nur mit dem Brot und dem Topf klar, so was wie nur als Beispiel Fünf Sterne Deluxe klingt in meinen Ohren unbeholfen und bietet mir nur so Texte die mich nicht kicken. “Bambule” ohne Frage, “Deluxe Soundsystem”, Eins Zwo als auch Doppelkopf, Freundeskreis (aber bitte “Esperanto”). Finde “Die Firma” könnte man auch durchaus erwähnen, das mag mit den Symphonie-Verwurschtelungs-Beats etwas aufgesetzt wirken, aber die beiden Rapper ham lyrisch schon einiges drauf.

    Was ich hier einfach anmerken muss: Die drei österreichischen Crews Texta (Linz) und Total Chaos (Innsbruck) fallen wie praktisch überall durchs Raster. Und das völlig zu unrecht! Lyrisch kann man den nix anhaben, beatstechnisch auch nicht, besonders eben WEIL die unter dem Kommerz Radar fliegen/flogen, ist das einfach ihr shit, thematisch fresh und abwechslungsreich, intelligent und cool. Und auch denke ich über die Grenze verständlich. “Sklaven Der Zeit” von Brotlose Kunst ist auch großteils eine klasse Scheibe, die hab ich noch gar nicht lange. “Medienmedusa” auschecken. Schon klar warum diese Bands nicht jeder kennt, aber es ist schade wenn sie keine Chance bekommen. Texta sind immerhin schon 20 Jahre aktiv und machen immernoch weitgehend alten Hip Hop mit intelligenten Texten.

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