Die ungreifbare Krise

Die Euro-Krise schwelt und schwelt, in den Medien kursieren Bedrohungsszenarien, ein Rettungsgipfel jagt den nächsten, ein vermeintlicher Lösungsvorschlag verdrängt den vorherigen. Und doch hat der Laie längst kapituliert vor dieser Krise. Kein normaler Mensch kann sie mehr erklären, kann Ursachen und Wirkungen benennen oder gar sagen, wie ein Ende dieser Krise aussehen könnte. Die Komplexität der Euro-Krise ist so groß, dass man als Normalsterblicher alle damit zusammenhängenden Faktoren längst nicht mehr überblicken kann.

Von Sebastian Binder  

Laut Duden bezeichnet das Wort „Krise“ eine „schwierige Situation, Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“. Es entbehrt derzeit nicht einer gewissen Ironie, dass dieses Wort auf das altgriechische Verb „krinein“ („trennen“, „unter-scheiden“) zurückgeht. Die Geschichte der Menschheit hatte schon immer etwas für Ironie übrig, das war vor 5000 Jahren so, das ist heute so und das wird auch in 1000 Jahren noch so sein.

Hier ist es also, das Europa des Jahres 2012, mitten in der Krise. Doch von welcher Krise redet man hier überhaupt? Es geht um den Euro, Schulden, Neuverschuldung, Arbeitslosigkeit, Banken, Stabilität, Fiskalität, um Pakte, Pakete, Schirme, um Geheimtreffen, Gipfel, Beschlüsse, Finanzkonstrukte, um Wut, Populismus, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, ums Sparen, Wachsen, Investieren, um Geld, Zusammenbrüche, Wahlen, Regierungswechsel, um Misstrauen, Führung, Rettung, Weigerung, um Wirtschaft, Vertrauen, um Europa, um Alles. Gibt es irgendeinen Menschen auf diesem Planeten, der diese Krise, der Einfachheit halber meist als „Euro-Krise“ bezeichnet, noch durchblickt, versteht? Kann irgendjemand ernsthaft sagen: Das und das ist der momentane Stand der Dinge, wenn das und das nicht getan wird, wird das und das passieren? Kann irgendjemand noch den Verlauf dieser Krise rekonstruieren, ihre Ursachen zu hundert Prozent benennen, die gegenwärtigen Maßnahmen zusammenfassen, Wirkungen und Effekte beschreiben, Zukunftsprognosen abgeben, die nicht nach dem Würfelprinzip entstanden sind? Gibt es einen normalen Menschen, der nicht gerade den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen hat, der das tatsächlich kann?

Krisen sind immer komplex, ihre Ursachen sind meist umstritten, ihre vermeintlichen Lösungen sowieso. Doch die Euro-Krise hat auf diesem Segment eine neue Dimension erreicht, ihre Komplexität ist so hoch, dass allein der Versuch einer Erklärung bereits oft in eine eigene (Sinn-)Krise mündet. Der Laie weiß, dass es derzeit primär um Griechenland geht. Das Land hat in der Vergangenheit zuviele Schulden gemacht, die es nun nicht mehr bedienen kann und aus diesem Grund hätte es auch nie in die Währungsunion aufgenommen werden dürfen. Das ist noch der einfachste Teil an der Geschichte. Der Laie weiß zudem, dass Griechenland eine Menge Geld aus diversen Quellen benötigt, um vielleicht irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Der Laie weiß drittens, dass es für die Griechen nur zwei Optionen gibt: Entweder sie werden mit fremden Kapital unter harten Sparvorschriften gerettet oder sie scheiden aus der Währungsunion aus, mit möglicherweise unkalkulierbaren Folgen für die gesamte EU oder sogar die Weltwirtschaft. Unter Umständen weiß der Laie auch noch, dass auch Spanien und Italien aufgrund ihrer Staatsverschuldung alles andere als gut dastehen und dass der Eurozone in absehbarer Zeit ein „Griechenland Reloaded“ blühen könnte, dessen Dimensionen noch um einiges größer sein dürften. Dieses Laienwissen mag im ersten Moment banal klingen, doch letzten Endes ist es das, was der normale Bürger zu dieser europäischen Krise sagen kann.

Europa war immer ein Kontinent der Krisen. Jahrtausende lang haben sich die Völker gegenseitig mit Kriegen überzogen. Die Ursachen waren Machtstreben, religiöse Verblendung, Erbfeindschaften, menschliche Gier, Revanchismus, rassistische Wahnvorstellungen. Die Wirkungen waren Hass, Leid, Tod. Die Folgen waren Massengräber, neuer Hass, neues Leid, neuer Tod. Vor 67 Jahren konnte dieser Teufelskreis nach der ultimativen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges endlich durchbrochen werden und nach dem Ende des Kalten Krieges schien es beinahe so, als wäre die Zeit der Krisen in Europa erst einmal vorbei. Und in gewisser Weise war, ist sie das auch. Wir befinden uns zum Glück nicht mehr im Europa des Jahres 1939, im Europa des Jahres 1914. Krisen führen nicht mehr zwangsläufig auf die Schlachtfelder. Die Menschen sind aufgeklärter, die Staatslenker besonnener, man definiert sich eher als großes Ganzes denn als separatistisches Einzelnes. Europa steht auf dem friedlichsten Fundament seiner Geschichte und doch muss es heute lernen, dass es selbst dieser Umstand nicht vor Krisen schützt.

Die Krisen der Vergangenheit, so verheerend sie auch waren, hatten einen Vorteil gegenüber der heutigen Krise. Sie waren greifbar. Auch der Laie verstand irgendwann, was Krieg bedeutet, wer gegen wen kämpft, was die Konsequenzen von Sieg und Niederlage sind, wie Leben und Sterben definiert werden. Die Euro-Krise des Jahres 2012 hingegen ist für den durchschnittlichen Menschen völlig ungreifbar. Sie schwebt scheinbar irgendwo in einer Zwischenwelt, die nichts mit der Realität zu tun hat, obwohl sie doch Realität ist, Realität sein sollte. Das Unwirkliche dieser Krise wird verstärkt durch die Geldsummen, die in der Öffentlichkeit kursieren, und bei denen der Zusatz „Fabel“ eine haarsträubende Untertreibung wäre. Natürlich hat diese Krise auch reale Züge, die steigende Arbeitslosigkeit in den am stärksten betroffenen Ländern, die damit verbundene Wut, die Verzweiflung gegenüber der eigenen Situation, der Populismus der Europagegner, die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Politiker. Und doch fällt es schwer, all das in einen großen Zusammenhang zu bringen, zu sagen „Das ist die Realität, bitte verändert sie“. Stattdessen regiert Hilflosigkeit, man möchte helfen, man möchte zumindest das Richtige sagen, keine falschen Unterstellungen verbreiten, doch was ist in dieser Krise noch richtig, was ist falsch, warum verschwimmt alles in einem undurchdringlichen grauen Schleier, in dem jede Orientierung verloren geht?

Krisen sind immer Zeiten der Vorwürfe, aber selbst in diesem so einfachen anmutenden Bereich kommt man in dieser Krise nicht weiter. Wem soll man Vorwürfe machen? Den Griechen, weil sie nicht richtig gespart haben? Den Banken und Hedgefonds, weil vielleicht der Raubtierkapitalismus an allem schuld ist? Den Politikern aller Länder, weil sie viel reden, viel beschließen und die Lage letztlich doch nicht in den Griff bekommen? Uns selbst, weil wir scheinbar nicht verstehen, was tatsächlich vor sich geht? Was bringen all diese Vorwürfe? Nur derjenige, der tatsächlich die ultimative Lösung dieser Krise in der Hinterhand hat, ist eigentlich berechtigt, den Anderen Vorwürfe zu machen. Nur hat die Zeit bereits gezeigt, dass es diesen Jemand nicht gibt.

Ich würde nun gerne schreiben: Das und das ist der momentane Stand der Dinge, wenn das und das nicht getan wird, wird das und das passieren. Doch dieser Jemand bin ich nicht. Stattdessen verliere ich mich in dieser unwirklichen Zwischenwelt aus Schulden, Neuverschuldung, Arbeitslosigkeit, Banken, Stabilität, Fiskalität, aus Pakten, Paketen, Schirmen, aus Geheimtreffen, Gipfeln, Beschlüssen, Finanzkonstrukten, aus Wut, Populismus, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, aus Sparen, Wachsen, Investieren, aus Geld, Zusammenbrüchen, Wahlen, Regierungswechseln, aus Misstrauen, Führung, Rettung, Weigerung, aus Wirtschaft, Vertrauen, Europa, schlicht, aus Allem. Und das ist die Realität.

Foto: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main

Copyright: Eric Chan zur Verfügung gestellt auf Wikimedia und Flickr

Bearbeitung: Sebastian Binder

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