Politik in Weisheiten

Wer versteht Politik wirklich? Ein einfaches, wohlbekanntes Wort, das dennoch unendlich komplex, unendlich undurchschaubar ist. Es ist daher an der Zeit, einige der vermeintlich klügsten Köpfe der Weltgeschichte zu Wort kommen zu lassen, um dem Laien dieses “Phänomen” zu erklären. Natürlich sind sich die Damen und Herren in ihren Ansichten nicht immer einig. Doch möglicherweise ist es genau das, was Politik bedeutet. Oder auch nicht.

Von Sebastian Binder  

Politik, vielleicht das komplexeste Themenfeld, über das man in der schnelllebigen Welt des Heute schreiben kann. Die Zeichen der Zeit verändern sich im Sekundentakt, was gestern Wahrheit war ist morgen Lüge, was früher falsch scheint später richtig. Ist es daher überhaupt sinnvoll, das Wort „Politik“ definieren zu wollen? Was dachten die alten langbärtigen Griechen auf der Akropolis, als sie über Dinge sprachen, „die die Stadt betreffen“? Wäre es heute nicht klüger über Politik „als Dinge, die uns alle betreffen“ zu reden? Wie politisch ist diese Welt überhaupt? Oder besser: Wie politisch sollte sie sein? Kann man ein unpolitisches Leben führen und trotzdem glücklich sein? Oder erliegt man in diesem Fall einer Illusion, denn die Welt um einen herum wird von der Politik geprägt und somit ist ein unpolitisches Leben überhaupt nicht möglich, selbst wenn sich manch einer das einzureden versucht? Wie nähert man sich dem „Phänomen Politik“ nun, wie kann man diesem einfachen Wort, das jeder kennt, und doch die wenigsten erklären können, auf die Schliche kommen? Womöglich ist es am schlauesten, wenn man Menschen, die eine gewisse Bildung vorzuweisen zu haben oder sich zumindest durch eigene Erfahrungen in der Materie auskennen (sollten), zu Wort kommen lässt. Hier ist er also, ein Kanon weiser Sprüche, eine Diskussionsrunde, die so niemals stattgefunden hat:

Natürlich wäre es schön, wenn es in dieser Diskussion um Wahrheiten, die hinter der Politik und ihren Akteuren stehen, gehen würde, doch bereits hier muss der irische Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw sein Veto einlegen: „Für Politiker ist es gefährlich, die Wahrheit zu sagen. Die Leute könnten sich daran gewöhnen.“ Der Physiker Carl Friedrich von Weiszäcker, Bruder des früheren Bundespräsidenten, pflichtet ihm bei, denn: „Der Politik ist eine bestimmte Form der Lüge fast zwangsläufig zugeordnet: Das Ausgeben des für eine Partei Nützliche als das Gerechte.“ Nun gut, dass Politik nicht ohne Makel ist, haben wir nun begriffen, aber dass Demokratie die beste Staatsform ist, darin sind sich doch wenigstens alle Anwesenden einig, oder? Der knorrige englische Ex-Premierminister Winston Churchill ist bereit, wenigstens teilweise zuzustimmen: „Demokratie ist die schlechteste Staatsform, ausgenommen alle anderen.“ Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith sieht das etwas entspannter: „Demokratie ist wie Sex. Ist sie gut, ist sie sehr gut. Ist sie nicht so gut, ist sie immer noch ganz gut.“ Das bringt sogar Bernard Shaw zum Lachen, denn selbst er weiß: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“

Bevor die älteren Herren nun noch weitere Weisheiten in dieser Richtung absondern, wird es Zeit, das Rad ein wenig weiter zu drehen. Was macht denn nun einen guten Politiker aus? „Die bescheidenen Menschen wären die berufenen Politiker, wenn sie nicht so bescheiden wären.“ Diese Stimme gehört dem deutschen Aphoristiker Ernst R. Hauschka und wie nicht anders zu erwarten, wird er sofort von Altkanzler Konrad Adenauer in die Schranken gewiesen: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden sie auch ernst genommen.“ Es verwundert etwas, dass der amerikanische Regisseur Orson Welles dem „Alten“ in dieser Hinsicht zustimmt. „Beliebtheit sollte kein Maßstab für Politiker sein. Wenn es auf die Popularität ankäme, säßen Donald Duck und die Muppets längst im Senat“, sagt er und kann ein Citizen-Kane-artiges Grinsen nicht unterdrücken. Nachdem sich sein Landsmann so eloquent geäußert hat, fühlt sich nun auch der frühere US-Lenker Bill Clinton bemüßigt, seinen Beitrag zur Debatte zu leisten: „Stimmt, denn ein Präsident ist wie ein Friedhofsverwalter. Er hat eine Menge Leute unter sich, aber keiner hört zu.“ Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer wendet sich angewidert ab. „Mit Verlaub, Herr Präsident. Sie sind ein Arschloch.“ Die Situation droht nun zu eskalieren. Adenauer steht zu seiner westlichen Bündnistreue und will auf Fischer losgehen. Auch Churchill scheint gute Lust zu haben, es den Deutschen noch einmal zu zeigen. Gerettet wird die Geschichte, wie so oft, durch eine Frau. „Wenn sie in der Politik etwas gesagt haben wollen, wenden sie sich an einen Mann. Wenn sie etwas getan haben wollen, wenden sie sich an eine Frau.“ Der funkelnde Eiserne-Lady-Blick Margret Thatchers lässt die vermeintlichen Kombattanten wieder auf ihre Plätze sinken. Von Angela Merkel meint man für den Bruchteil einer Sekunde ein zustimmendes Nicken zu erkennen, doch hält sie sich noch zurück, um zu sehen, wie sich die Lage entwickelt.

Die Diskussion verläuft langsam, aber sicher im Sande. Ist es denn nicht möglich, sich dem Politikbegriff einigermaßen intelligent und gesittet zu nähern? „Alles ist möglich, selbst dämliche Fragen wie Ihre“, murmelt Fischer, immer noch sichtlich aufgewühlt. „Ich hätte gerne ein Regierungssystem, in dem die, die etwas tun wollen, an der Macht sind – und die, die gerne reden, in der Opposition sitzen“, gibt Edward Heath, ein weiterer britischer Ex, zu Bedenken. „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“ Otto von Bismarck straft den senil vor sich hinbrabbelnden früheren Zonendiktator Erich Honecker mit Nichtbeachtung und sagt stattdessen: „Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der Herren Professoren sich einbilden, sondern eine Kunst.“ Niemand will so recht widersprechen oder zustimmen, was vielleicht am mächtigen Schnauzer des vermeintlichen Deutschlandverstehers liegt, und vielleicht ist es auch an der Zeit, die Diskussion zu beenden.

Haben wir nun etwas gelernt? Außer, dass sich in der Politik alle einig sind, sich nicht einig zu sein, und Demokratie den Versuch bedeutet, sich irgendwie doch noch zu einigen? Wahrscheinlich nicht. Beenden wir das ganze doch mit einem Satz von Albert Einstein: „Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“ Damit lässt es sich doch einigermaßen leben, oder?

Foto: Die Akropolis als Wiege der Politik und ihrer Weisheiten

Copyright: Fantasy; zur Verfügung gestellt von Wikimedia Commons

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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One thought on “Politik in Weisheiten

  1. Es ist schön, wenn wir über Politik sprechen, aber noch wichtiger wäre es, sich tatsächlich zu engagieren und mitzuwirken und aktiv am politischen Leben teilzunehmen. Nur dann können wir auch Veränderungen herbeiführen.

    Renate

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