Deutscher HipHop: Niedergang oder Quo vadis?

Es gibt wohl kaum eine Musikrichtung, die so umstritten ist wie deutscher HipHop im Jahr 2012. Zu Beginn des Jahrtausends begann die Gangster-Attitüde in den hiesigen Rap einzuziehen und viele Fans der ersten Stunde wandten sich angewidert ab. Im dritten Teil der Geschichte des deutschen HipHop geht es um den Fortgang dieser Musik in den letzten zehn Jahren. Wurde wirklich alles schlechter oder ist die Entwicklung nur folgerichtig?

Von Sebastian Binder  

Deutscher HipHop ist nicht mehr das, was er einmal war. Niemand wird die Richtigkeit dieser Aussage bestreiten. Die Frage ist, ob er heute besser oder schlechter ist als früher. HipHop-Jünger der ersten Stunde, die den Aufstieg und die vermeintlich goldene Zeit des hiesigen HipHops miterlebt haben, würden sagen: “Deutscher HipHop ist heute nur noch peinlich. Pseudo-Gangster rappen über ihr ach so hartes Leben auf der Straße, mit dem einzigen Ziel, ihren Fans möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen.” Die jüngere Generation, die Advanced Chemistry wahrscheinlich für ein Schulfach und Doppelkopf für ein Kartenspiel hält, würde hingegen sagen: “Deutscher HipHop ist heute so, wie er immer hätte sein müssen: Hart, aggressiv, nah am realen Leben. Die Rapper von früher waren doch alles Würstchen, die vor den heutigen HipHop-Stars angsterfüllt davonlaufen würden.” Besser oder schlechter also? Einigen wir uns vorerst einmal auf “anders”.

Man könnte nun zahlreiche Faktoren nennen, warum deutscher Rap heute, im Jahr 2012, so ist wie er nun einmal ist. Aber die vielleicht prägendste Komponente und somit möglicherweise der Auslöser für diese Entwicklung war die Gründung des Labels Aggro Berlin. Im Jahr 2001 entschlossen sich der Graffiti-Artist Specter und seine Mitstreiter Spaiche und Halil ein HipHop-Independent-Label aus dem Boden zu stampfen. Als erste Künstler wurden die damals noch weitgehend unbekannten Berliner Rapper Sido, Bushido und B-Tight unter Vertrag genommen. Nach ersten Veröffentlichungen wie der “Aggro Ansage Nr. 1”, auf der auch erstmals Fler in Erscheinung trat, gelang dem Label mit Bushidos erstem Soloalbum “Vom Bordstein zur Skyline” 2003 der Durchbruch. 2004 folgte dann mit Sidos Album “Maske” und der dazugehörigen Single “Mein Block” die endgültige Etablierung in der deutschen HipHop-Landschaft. Wohin die Reise mit Aggro Berlin gehen würde, wurde spätestens zu diesem Zeitpunkt klar: Gewalt- und kriminalitätsverherrlichende, homophobe und sexistische Texte, die vorwiegend dem Ziel der Provokation dienten. Viele frühere HipHop-Heads, die mit Tracks der RAG oder den Beginnern aufgewachsen sind, konnten sich in der Folge nicht mehr mit deutschem HipHop identifizieren. Dabei sind die genannten Attribute immer Teil der HipHop-Kultur gewesen, insbesondere der amerikanischen. Das Seltsame ist lediglich, dass sie den deutschen Rap erst mit 15-jähriger Verspätung erreichten.

Playlist: Niedergang oder Quo Vadis des deutschen HipHop?

Es wurde schnell klar, dass es für den “neuen” deutschen HipHop eine Fangemeinschaft und somit einen Markt gibt, denn die Verkaufszahlen der Aggro-Veröffentlichungen schossen nach oben. Die früheren Stars der HipHop-Bewegung hingegen, seien es nun die Massiven Töne, Fünf Sterne Deluxe oder Main Concept gerieten langsam in Vergessenheit, auch weil die neuen Sachen nicht mehr das Niveau von früher hatten. Natürlich veröffentlichten Acts wie Samy Deluxe, die Beginner oder Blumentopf beständig neues Material, doch unter HipHop-Hörern der ersten Stunde besteht allgemeiner Konsens, dass diese Scheiben nicht mehr an die Qualität der späten 90er-Jahre heranreichten. Will man es somit drastisch ausdrücken, könnte man sagen, dass die früheren Platzhirsche das Feld der neuen HipHop-Welle überließen und die fortschreitende Entwicklung daher nur folgerichtig war.

HipHop war immer und ist ein Geschäft der Trittbrettfahrer. Es verwundert somit nicht, dass im Dunst des Aggro-Erfolges neue Rapper dieser HipHop-Richtung wie Pilze aus dem Boden schossen, die sich vor allem über ihre vermeintliche Street-Credibility und Ghetto-Theatralik definierten. Die Erfolgsformel war dabei ganz einfach: “Du musst ein hartes Gangsterdasein im deutschen Plattenbau fristen? Dann rap darüber und schon bekommst du schöne Frauen, schnelle Autos und mehr teuren Fusel, als du jemals trinken kannst.” Acts wie Massiv, Kollegah, Alpa Gun oder Farid Bang beherzigten diese Formel und tatsächlich gab ihnen der Erfolg recht. Die Frage, die dabei im Raum steht und die stets über all diesen Künstlern und Gruppen schwebt, ist: “Wie real seid ihr tatsächlich?” Keine Frage, das Leben in Berlin-Neukölln oder im Märkischen Viertel kann hart, perspektivlos, gewalterfüllt sein, aber ist es zu vergleichen mit dem Leben in der Bronx oder in South Central? Sicherlich nicht. Den neuen Rappern haftete und haftet somit oft der Makel “Pseudo” an, der ihnen insbesondere von früheren HipHop-Heads gerne verliehen wird. Das hindert diese Form von HipHop allerdings nicht daran, weiter zu expandieren, wie man etwa am derzeit äußerst angesagten Rapper Haftbefehl und seiner Azzlack-Posse sehen kann.

So trist dies alles für HipHop-Fans der ersten Stunde klingen mag, sie sollten nun nicht den Fehler begehen und deutschen HipHop, wie sie ihn kennen und schätzen gelernt haben, für gänzlich tot erklären. Glücklicherweise hat man durch das Internet heute die Möglichkeit, weiterhin richtig guten deutschen Rap zu hören, wie man ihn aus früheren Tagen kennt, man muss eben ein bisschen länger danach suchen. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang etwa der MC Pan, der mit seinem brillanten Massiv-Diss “Die Gegendarstellung” beweist, dass es auch heute noch möglich ist, intelligente Texte mit starken Beats zu kombinieren. Auch Acts wie Herr von Grau zeigen, dass man den “guten, alten HipHop” noch längst nicht zu Grabe tragen braucht. Zudem gibt es innovative Rapper wie Materia beziehungsweise sein deutlich cooleres Alter Ego Marsimoto, die zeigen, dass deutscher HipHop auch heute von früheren Heads immer noch gefeiert werden kann und darf.

Daneben ist es interessant zu beobachten, wie sich die HipHop-Helden von früher neuen Musikrichtungen zuwenden und dabei durchaus respektablen Sound kreieren. Tobi Tobsen von den Fünf Sternen liefert mit Moonbootica feinen House, Eißfeldt schafft als reggae-funkiger Jan Delay Musik, die sich erfrischend von der deutschen Einheitsbrei-Chart-Masse abhebt und Deichkind zeigen mit ihrem Elektro-Rap vor allem live, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehören.

HipHop ist nicht mehr das, was er einmal war. Ob besser, ob schlechter, dieses Urteil muss jeder HipHop-Fan selbst fällen. Er ist eben anders, den einen gefällt das, den anderen nicht. Die Entwicklung von HipHop in Deutschland kann nicht mehr zurückgedreht werden und das sollte sie auch nicht. Im Jahr 2012 ist dank YouTube, Tape.tv und Co. für jeden Geschmack etwas dabei. Wer auf Gangster-Rap steht, soll sich Gangster-Rap anhören, wer auf eher intelligente Lyrics und ursprünglichere Beats steht, hat auch dafür genug Musik zur Auswahl.

Wer weiß, wie deutscher HipHop in zehn Jahren aussehen wird? Vielleicht ist bis dahin die Gangster-Attitüde verschwunden, vielleicht die Beats-Cuts-und-Raps-Religion zurückgekehrt, vielleicht wird HipHop, wie man ihn kannte, gänzlich von der Elektro-Welle verschluckt. Wer kann das heute schon sagen? Beenden wir die Geschichte des deutschen HipHops mit einem Zitat von Urvater Torch, das wohl alle Fans dieser Musik, seien sie nun alter oder neuer Prägung, unterschreiben können: “Die Bibel ist nur’n Buch, Illuminatus nur’n Roman, Graffiti nur Kunst und Rap nur Musik, doch manchmal der einzige Grund, warum ich dieses Leben lieb.” Ende.

(Hier geht’s zum ersten Teil der Geschichte des deutschen HipHop…)

(Hier geht’s zum zweiten Teil der Geschichte des deutschen HipHop…)

Foto: Sido im Jahr 2003

Copyright: Cascaria zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

Be Sociable, Share!

One thought on “Deutscher HipHop: Niedergang oder Quo vadis?

  1. Guter Artikel again. Objektiv gesehen ist deutscher Hip Hop “anders” geworden. Das muss man so akzeptieren, wenn man nicht gleich lautstark mit dem “nicht mehr so geil wie früher, alles anders, schlechter” Stempel kommen will. Nur finde ich diese ganze Gewalt-Sex-Aggressionen-Schiene mehr als bedenklich. Was das aus den jungen beeinflussbaren Kids macht ist doch klar. Ist eigentlich nur Amerika, zum Glück 15 Jahren später. Denn wäre Hip Hop bei uns auch so gestartet, dann hätte ich mir das nicht angehört. Gerade Hip Hop bietet als eine der wenigen Musikrichtungen sag ich mal richtig lange Geschichten erzählen und somit Message bringen, zum Nachdenken anregen. Genau das muss so sein, denn Pop, Dance und der Großteil der Musik beinhaltet meist nur typische Texte.

    Zeiten ändern sich. Und heute ist ganz anders mit der modernen Technik, ich find’s schade. Dass die alten Herren Fanta 4, Blumentopf, Fettes Brot und Deichkind mittlerweile teils weit vom Hip Hop entfernt agieren ist schade, aber nun mal so wenn man älter wird, man kann nicht ewig den gleichen Stil machen, der Markt verlangt Neues usw. Gott sei Dank finde ich dank Youtube noch viele dieser alten Hip Hop Tracks, die es nur schwer bzw. teuer kaufen lässt. Macht nix, ich hör immer noch die alten Tracks, hab da schon ne hübsche Sammlung im Regal stehen, bin froh, dass es diesen Deutschrap Boom damals gab.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *