Wenn Politik das Spiel überschattet

Vor allem von deutscher Seite wird versucht, die politische Komponente aus dem EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Griechenland herauszuhalten. Allerdings ist dieser Versuch nur mäßig erfolgreich. Das liegt auch daran, dass die Griechen durchaus einen politischen Aspekt in dieser Partie erkennen können und wollen. Eigentlich ist das schade, denn dies könnte das ohnehin angespannte Verhältnis beider Völker weiter belasten.

Von Sebastian Binder  

Holger Badstuber windet sich sichtlich ungemütlich auf dem Podium der DFB-Pressekonferenz in Danzig. Da war sie wieder, die Frage, die er nicht beantworten kann, darf, will. Ob er verstehe, dass das Spiel Deutschland gegen Griechenland auch eine politische Dimension habe, vor allem für die Griechen, hatte ein kecker Journalist in den Raum geworfen. DFB-Pressesprecher Harald Stenger zuckte kurz, hoffentlich kann sich sein Schützling an die vorher einstudierten Worte auf diese Frage erinnern. „Wir konzentrieren uns rein auf das Sportliche“, sagte Badstuber denn auch brav und die Erleichterung ob dieser Antwort war seinem Pressesprecher deutlich anzusehen. Natürlich wird diese Frage im Vorfeld des EM-Viertelfinales zwischen den Griechen und den Deutschen noch ein paar Mal gestellt werden und natürlich werden die Journalisten darauf keine spektakulären Antworten bekommen. Was erwarten sie auch? Dass Bastian Schweinsteiger sagt: „Wir Deutschen sind auf jeden Fall wütend, dass wir den faulen Griechen so viel Geld zahlen müssen. In diesem Spiel werden wir sie dafür bestrafen.“ Lächerlich. Der DFB hat seine Spieler auf diese Fragen natürlich vorbereitet und die Antwort auf große politische Fragen soll stets „Kein Kommentar“ lauten.

Mit Sicherheit ist das besser so. Denn was wollen die Journalisten hören? Soll ihnen der 22-jährige Badstuber die komplexe Situation in Griechenland erklären, soll er einen qualifizierten Kommentar zum Wahlergebnis abgeben und was dieses umgekehrt für die Sparprogramme bedeutet, soll er eine klare Analyse der Befindlichkeit der Griechen, die aufgrund von Entlassungen und Gehaltskürzungen mehr und mehr in Armut abgleiten, liefern? Wie gesagt, das kann von einem Fußballer, der in der heilen Welt des deutschen Profisports lebt, schlicht und ergreifend nicht erwartet werden. Und so gab den klügsten Kommentar in dieser Sache auch Bundestrainer Joachim Löw ab: „Ich habe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Vereinbarung: Sie redet mir nicht in die Mannschaftsaufstellung hinein und ich rede ihr nicht in ihre Politik rein.“ Sicherlich war dieser Satz ebenso einstudiert, aber er hatte immerhin eine clevere Komponente mit einem gewissen Wortwitz.

Die deutschen Spieler und Verantwortlichen wollen dieses Spiel also partout nicht unter einem politischen Aspekt sehen, das gilt ebenso für einen Großteil der deutschen Bürger. Warum auch? Was hätten wir davon, wenn wir die Hilfszahlungen an Griechenland in Verbindung mit diesem Fußballspiel bringen würden? Aus deutscher Perspektive ist dieser Gedanke absolut schwachsinnig. Wechselt man nun aber in die griechische Perspektive, sieht das schon etwas anders aus. Dass das griechische Volk momentan keine einfache Zeit durchlebt, wäre wohl eine krasse Untertreibung. Es soll an dieser Stelle auch gar nicht um die Gründe für diesen Zustand gehen, sondern es soll einfach nur als Fakt festgestellt werden. Als einen der Hauptschuldigen für die schwierige Situation in ihrem Land sehen viele Griechen leider Deutschland. Kanzlerin Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble werden als Unterdrücker wahrgenommen, die durch ihre harten Sparvorgaben die Krise und damit das Leiden des griechischen Volkes verschärfen. Der griechische Boulevard schürt diese Ressentiments in der Bevölkerung, indem er die beiden deutschen Politiker immer wieder in Naziuniformen auf die Titelseiten hebt. Es ist unfair, nicht nur gegenüber den beiden Hauptbetroffenen, sondern gegenüber allen Deutschen, dass die heutige deutsche Politik wieder mit dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht wird. Das Trauma der deutschen Invasion Griechenlands 1941 mit den folgenden Verbrechen an der griechischen Zivilbevölkerung sitzt verständlicherweise immer noch tief. Dennoch versucht die deutsche Politik im Jahr 2012 nicht, die Griechen ein zweites Mal zu unterjochen, sondern ihnen zu helfen, ob sie das nun glauben wollen oder nicht. Die Darstellung der Deutschen als „expansionswütige Nazis“ zerstört viel von dem Vertrauen und der Freundschaft, die über die letzten Jahrzehnte zwischen beiden Völkern gewachsen sind, nicht zuletzt durch das Wirken der griechischen Gastarbeiter in unserem Land, die mittlerweile unsere Mitbürger sind. Dabei soll selbstverständlich nicht unterschlagen werden, dass auch der deutsche Boulevard seinen Teil zu dieser unerfreulichen Entwicklung beigetragen hat, indem er die Griechen immer wieder als „faules, korruptes Volk“ dargestellt hat.

Fußball hat die Kraft, Menschen unterschiedlicher Länder zu verbinden. Es erscheint allerdings fraglich, ob seine Kraft auch für dieses Spiel ausreicht. Die deutschen Bürger wollen den EM-Titel, nicht mehr und nicht weniger. Für dieses Ziel ist Griechenland ein Stein von vielen, der aus dem Weg geräumt werden muss. Auf der anderen Seite kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mancher griechische Bürger ein wenig Rache will, an diesen „überheblichen Deutschen“, für die desolate Lage im eigenen Land. Denn die Griechen wissen wahrscheinlich, dass die Deutschen eine Niederlage im EM-Viertelfinale weit mehr schmerzen würde, als die Zahlung weiterer Milliardensummen, die ohnehin jenseits aller Vorstellungskraft des Durchschnittsbürgers liegen.

Irgendwie sind das alles keine schönen Gedanken und es beschleicht einen die Hoffnung, dass sie nicht zutreffend sind. Dass es nur um ein Fußballspiel geht, das keine weiteren Gräben zwischen Deutschen und Griechen aufreißt. Dass es sich um ein rein sportliches Kräftemessen handelt und die politische Auseinandersetzung auf einem anderen Spielfeld ausgetragen wird. Allein daran glauben mag man nicht so recht.

Vielleicht sollte DFB-Kapitän Philipp Lahm auf der Danziger Pressekonferenz daher folgendes sagen: „Wir Deutschen wollen natürlich eine Runde weiterkommen, aber wir wünschen dem griechischen Volk alles Gute für seine Zukunft. Ein Fußballspiel kann und darf nicht als Indikator für das Verhältnis zweier Völker zueinander missbraucht werden.“ Vielleicht wäre mit dieser Aussage schon viel gewonnen…

Foto: DFB-Kapitän Philipp Lahm vor der griechischen Flagge

Copyright (Philipp Lahm): Steindy zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (GNU-Lizenz)

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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