Ach, Lothar…

In der neuen Dokusoap “Lothar – Immer am Ball”, blamiert sich Lothar Matthäus nicht nur selbst bis auf die Knochen, er wird von VOX auch auf bitterste Art und Weise vorgeführt. Der frühere Weltfußballer hat beim Spiel mit dem Boulevard selten ein glückliches Händchen bewiesen, doch diese gruslige Nummer ist ein neuer Tiefpunkt. Es tut beinahe weh, mitansehen zu müssen, wie sich das frühere Sportidol in diesem Dickicht aus Banalität und Posse verheddert. “Traurig”, anders kann man es nicht beschreiben. Ein Brief an den Lothar von einem ehemaligen (!) Bewunderer.

Von Sebastian Binder  

Lothar, ich war immer ein großer Fan von Dir. Du kommst in meiner ersten bewussten Fußballerinnerung vor, dem WM-Finale 1990. Ich sehe Dich noch vor mir, wie Du den Pokal küsst und ihn mit einem Lächeln in die Höhe reckst, wissend, dass Du und Deine Mannschaft gerade etwas Großartiges vollbracht habt. Seit diesem Zeitpunkt warst Du fast eine Art Held meiner Jugend. Wenn mir meine Eltern ein neues Deutschland-Trikot zum Geburtstag geschenkt haben, wussten sie, dass darauf nur eine Nummer geflockt sein darf: Die 10, Deine Nummer. Ich wollte das nur klargestellt haben, bevor ich nun schreibe, was ich leider schreiben muss.

Ich habe mir Deine neue Personality-Dokusoap (oder wie man diese peinlichen Formate auch immer nennt) „Lothar – Immer am Ball“ angesehen und ich muss sagen, es war nur schwer zu ertragen. Ich war einige Male kurz davor, den Fernseher auszuschalten oder die Fernbedienung in das Gerät zu schleudern, doch ich habe mich beherrscht. Nicht wegen Dir, Lothar, sondern nur wegen diesem Text. Dass derartige Dokusoaps keine Sternstunden des Fernsehens sind, wissen wir nicht erst seit Dir. Vielleicht hättest Du Dir vorher mal besser den gruslig-peinlichen Auftritt Deines früheren Mitspielers Stefan Effenberg bei RTL angesehen. Vielleicht hättest Du dann gewusst, was Dich bei VOX erwarten wird. Es war mir eigentlich immer egal, was Du in Deinem Privatleben machst. Ich lese keine Bild, keine Bunte, keine Lifestyle-wer-ist-grade-in-der-Bussi-Bussi-Gesellschaft-angesagt-Magazine. Von daher interessierte es mich auch nicht, ob Deine Freundin zehn Jahre jünger ist als Du oder ihre Nachfolgerin nur halb so alt wie ihre Vorgängerin ist. Und darum war mir schon klar, dass es ein Fehler ist, „Lothar – Immer am Ball“ anzuschauen, bevor ich auf VOX geschalten habe. Warum ich es trotzdem getan habe? Ich könnte nun irgendetwas von einer selbstmasochistischen Veranlagung erzählen, doch die Wahrheit ist: In diesem Moment kann ich es beim besten Willen nicht mehr sagen. Zu spät, die Bilder sind in meinem Kopf. Vielleicht hilft mir dieser Text, sie irgendwie wieder loszuwerden.

Mir war immer bewusst, Lothar, dass Du kein zweiter Immanuel Kant bist und dass Du auch keinen Doktortitel in Quantenphysik hast. Wie auch, schließlich hast Du Dein ganzes Leben lang Fußball gespielt, von dieser Raumausstatter-Geschichte mal abgesehen. Ich erwarte von Dir nicht die Weltformel oder die Lösung des menschlichen Kriegsdilemmas, ganz und gar nicht. Es gibt gebildete Leute und es gibt weniger gebildete, so ist die Menschheit nun einmal und das ist völlig in Ordnung. Doch weißt Du, was ich nicht mag, Lothar? Ich mag es nicht, wenn Leute denken, dass sie alle anderen Menschen an ihren weisen Ergüssen teilhaben lassen müssen, obwohl sie eigentlich nichts zu sagen haben. Diese Eigenschaft kann ich an Menschen absolut nicht ausstehen. Diese Leute können in ihrer eigenen, kleinen, beschränkten Welt gerne erzählen, was sie wollen, aber es nervt mich unendlich, wenn diese Menschen dann ein Sendungsbewusstsein entwickeln, weil sie glauben, dass auch andere von ihrem gigantischen Wissensschatz profitieren könnten. Das ist nicht explizit auf Dich bezogen, Lothar, aber doch mal ein schöner Gedanke, über den es sich zu reflektieren lohnt, oder? Wenn es hilft, kannst Du Dir dazu auch ein bisschen Sand in den Kopf stecken, das saugt unnötiges Gehirnwasser auf.

Aber zurück zu Deiner Sendung. Mir ist nicht ganz klar, was Du mir mit diesem Werk eigentlich mitteilen willst. Dass der Lothar ein super-schickes Jetset-Leben führt? Supermodelfreundin („Ich mag‘s, wenn andere Männer gucken, das macht mich stolz“), roter Teppich („Alles ganz professionell mit den Fotografen, und so“) und Skifahren in Zermatt („Siehst Du das Matterhorn, nicht, na, dann pack ich mal `ne Viertelstunde meinen Koffer aus…“). Ganz großes Kino, wirklich, Lothar, da kann man als kleiner, unbedeutender Durchschnittsmensch richtig neidisch werden. Aber ich weiß, dass Du ja eigentlich ganz nett bist, also kann das Neidhervorrufen bei den Deutschen nicht das primäre Ziel dieser Sendung sein, oder? Ich weiß auch, dass Du Dich vor allem in Deutschland unterschätzt und missverstanden fühlst. Hast Du am Ende gar gedacht, dass Du mit dieser grotesken Schmierenkomödie Dein Image aufpolieren kannst? Dass Uli Hoeneß sieht, dass der Lothar immer am Ball ist und Dich fragt, ob Du vielleicht der Nachfolger von Jupp Heynckes beim FC Bayern werden willst? Nicht im Ernst, oder? Du hast Dich immer beschwert, dass kein Bundesligaverein dem Trainer Lothar Matthäus eine Chance gibt. Soll ich Dir sagen, warum das so ist? Es liegt nicht an Deinen Trainerqualitäten und schon gar nicht an Deinen Verdiensten als Spieler. Es liegt an Deiner Nähe zum Boulevard, an Deiner Selbstinszenierung hierzulande, die leider stets in die falsche Richtung läuft.

Du denkst sicherlich, dass das hauptsächlich die Schuld der bösen deutschen Medien ist. Das ist einerseits richtig, doch lass mich einmal eine alte Fußballerweisheit zitieren: Zu einem Spiel gehören immer zwei Mannschaften und in Deinem Fall war der Gegner einfach stärker, cleverer als Du und Du hast Dich damit selbst ins Abseits manövriert. Und deshalb wird es für Dich schwierig bis unmöglich werden, einen Job als Bundesligatrainer zu bekommen. Nicht, weil die Vereinsverantwortlichen den Trainer Matthäus nicht schätzen, sondern weil sie die Boulevardfigur „Loddar“ nicht mögen. Du hast Dir oft genug beim Spiel mit dem Boulevard die Finger verbrannt, Lothar, und ich hatte immer gehofft, dass Du aus Deinen Fehlern lernen wirst, dass Du irgendwann wieder die respektierte Sportpersönlichkeit sein wirst, die Du aufgrund Deiner Verdienste um den deutschen Fußball eigentlich sein müsstest. Vielleicht nicht ganz Franz Beckenbauer, aber zumindest eine Lightversion von ihm. Als Spieler und Trainer Weltmeister, letztlich war es doch das, wovon Du immer geträumt hast, oder, Lothar? Nun, der Deutschen liebstes Kind, ihre Fußballnationalmannschaft, wirst Du ganz sicher nicht mehr in die Hände bekommen, so viel steht fest. So tragisch es ist, das musst Du Dir auch selbst zuschreiben, Lothar, manchmal ist weniger mehr, nicht nur auf dem Platz, sondern auch in den Medien.

Das alles ist schon unerfreulich genug, aber weißt Du, was mich an Deiner Dokusoap eigentlich am meisten stört? Wie bitter Du Dich hast vorführen lassen. Wahrscheinlich hat Dir VOX bei den Dreharbeiten nichts von ihrem zynischen Off-Kommentar erzählt, der alles, was Du tust („Der Joghurt und die Linien“) mit hämischer Stimme ins Lächerliche zieht. Du weißt, wie Dich das aussehen lässt, oder? Ich schreibe es jetzt mal lieber nicht. Neben den nichtssagenden bis dämlichen Dialogen ist es tatsächlich das, was diese Sendung so unerträglich macht. Du beweist einen klaren Moment in dieser Soap, als Du sagst: „Oft werden die Texte von den Journalisten so zusammengeschnitten, dass es schlecht aussieht.“ Tja, hättest Du diesen Moment der Erkenntnis nur mal auf das Team von VOX angewandt, vielleicht wärst Du noch rechtzeitig aus dieser Nummer herausgekommen.

Ich hoffe für Dich, dass diese VOX-Geschichte der letzte Tiefpunkt in Deinem Umgang mit den Medien war, dass irgendwann wieder Deine sportlichen Erfolge und nicht das Alter Deiner Lebensgefährtin für Schlagzeilen sorgen werden. Das hoffe ich wirklich, glaub‘ mir, Lothar. Es hat mir keinen Spaß gemacht, diesen Text zu schreiben, aber ich musste ihn loswerden, weil er mir auf der Seele brannte. Irgendwie ist das alles sehr schade, Lothar, wirklich, wirklich schade…

Foto: Lothar Matthäus in Sofia

Copyright: Biso zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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2 thoughts on “Ach, Lothar…

    • Da kann ich nur zustimmen. Wie gesagt, es tat mir in der Seele weh, zu sehen, wie Lothar Matthäus, ein Fast-Idol meiner Jugend, sich so zum Affen macht. Daher auch dieser Text…

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