Zerstört, enttäuscht, geplatzt

Wieder einmal hat es nicht sollen sein, wieder einmal ist Deutschland am großen Ziel gescheitert. Die DFB-Elf verliert das EM-Halbfinale mit 1:2 gegen Italien und alle Titelträume sind dahin. Die Italiener zeigten dem jungen deutschen Team gnadenlos auf, was ihm noch fehlt: Reife. Besonders bitter ist, dass sich ausgerechnet in diesem Spiel ein Manko gerächt hat, das sich zuvor schon wie ein roter Faden durch die ganze EM gezogen hat.

Von Sebastian Binder  

Da ist es also wieder, dieses nur allzu vertraute Gefühl. Man kennt es aus den Jahren 2006, 2008, 2010. Dieses Gefühl zerstörter Hoffnungen, enttäuschter Erwartungen, geplatzter Träume. Oder zusammengefasst: Diese unendliche, sinnlose Leere, an die man sich als deutscher Fußballfan in den letzten Jahren tragischerweise schon fast gewöhnt hat. Auch im Jahr 2012 macht sie wieder ihre Aufwartung, auch im Jahr 2012 muss man irgendwie mit ihr klarkommen.

Die Erwartungshaltung an die deutsche Nationalmannschaft ist bei großen Turnieren zu recht immer hoch. Alles andere als der Titel ist, man muss es leider so deutlich sagen, eine Enttäuschung. Und so ist auch die Europameisterschaft 2012, man muss es leider so deutlich sagen, eine Enttäuschung. Natürlich war die Erwartungshaltung vor Turnierbeginn bei Spielern, Verantwortlichen, Medien und Fans riesig. Doch die Mannschaft hat diese Erwartungen durch ihre brillanten Auftritte in den letzten zwei Jahren selbst geschürt, die Mannschaft sei „reif“ für den Titel war allenthalben zu hören. Doch möglicherweise ist dieses Wort genau der Knackpunkt. Vielleicht fehlte ihr genau diese Cleverness, Coolness, Abgezocktheit oder zusammengefasst „Reife“ für den endgültigen Triumph. Am Ende stehen das DFB-Team und all seine Fans wieder mit leeren Händen da und dürfen sich das Finale in Kiew mit zwei Mannschaften am Fernseher ansehen, die einfach cleverer, cooler, abgezockter und reifer als sie selbst waren. Oder namentlich: Spanien und Italien.

Jeder, der sich nur ein bisschen mit Fußball auskennt, hatte es befürchtet. Dass ihr größtes Manko diese deutsche Mannschaft irgendwann einholen, dass es sich irgendwann rächen würde. Dieses Manko heißt „mangelnde Chancenverwertung“ und es zog sich wie ein roter Faden durch das ganze Turnier. Die Rache kam in Form elf blauer Spieler, die dem DFB-Team eine Sache unmissverständlich klar machten: „Wir werden es nicht über 90 Minuten verhindern können, dass ihr zu Torchancen kommt. Aber wenn ihr diese drei, vier Gelegenheiten, die wir zulassen müssen, nicht nutzt, dann werdet ihr als Verlierer vom Platz gehen.“ Am Ende stand es in Warschau 2:1 für Italien und die Deutschen schlichen als Verlierer vom Platz. Vor allem in der ersten Halbzeit zeigte die Squadra Azzurra Deutschland, wie konsequente Chancenverwertung aussieht: Zwei Möglichkeiten Balotelli, zwei Tore Balotelli. Im Endeffekt war das Spiel nach dem Gewaltschuss des italienischen Enfant Terrible in der 36. Minute entschieden. Einen Zwei-Tore-Rückstand gegen eine starke Verteidigung wie die der Italiener aufzuholen, ist eigentlich unmöglich. Und doch waren auch in der zweiten Halbzeit die Chancen für das DFB-Team da, doch mehr als der zu späte Anschlusstreffer durch Mesut Özils Elfmeter in der 92. Minute sprang nicht mehr heraus.

Bundestrainer Joachim Löw hatte mit seiner Mannschaftsaufstellung in den vorangegangen Spielen nicht nur überrascht, sondern stets auch richtig gelegen. Vom „goldenen Händchen“ war allerorten die Rede. Doch ausgerechnet gegen Italien verwandelte sich dieses goldene in ein Quecksilber-Händchen. Warum nicht der über weite Strecken des Turnieres indisponierte Bastian Schweinsteiger, sondern der gegen Griechenland bärenstarke Marco Reus von Toni Kroos ersetzt wurde, erschließt sich nur den Wenigsten. Löw begründete dies nach dem Spiel mit einer erhofften „Stärkung des Zentrums“. Diese Finte entpuppte sich während des Spiels allerdings als der sprichwörtliche Griff in die Porzellanschüssel. Nicht nur, dass das Zentrum keinen besonders „gestärkten“ Eindruck machte. Zu allem Überfluss wurden den Italienern durch diese „Zentrumskonzentration“ große Freiräume auf ihrer linken Angriffsseite gelassen. Die logische Konsequenz war, dass beide Treffer Italiens über diese Seite eingeleitet wurden. Löw handelte und versuchte diesen Fehler in der zweiten Hälfte durch die Hereinnahme von Reus zu korrigieren, doch da war es bereits zu spät.

Überhaupt hatte man den Eindruck, dass die Löw-Elf noch ein paar Stunden hätte weiterspielen können und dennoch kein Tor aus dem Spiel heraus erzielt hätte. Es gibt diese Tage, an denen einfach nichts funktioniert, an denen nicht nur einer oder zwei, sondern fünf oder sechs Spieler nicht ihren besten Tag erwischen, an denen alles gegen die eigene Mannschaft läuft und an denen der gegnerische Stürmer ein Tor erzielt, das er bei zwanzig Versuchen genau einmal macht. Das Spiel gegen Italien war so ein Tag für Deutschland, bitter, dass es ausgerechnet das EM-Halbfinale sein musste.

Am Ende bleibt also wieder ein Turnier, in dem es um den Titel ging, in dem die Möglichkeit zum ganz großen Triumph gegeben war. Keine Mannschaft war bei dieser EM übermächtig, jede Mannschaft war schlagbar. Leider eben auch die deutsche. Man könnte sich nun damit trösten, dass das DFB-Team die jüngste Mannschaft im ganzen Turnier war, ihre große, goldene Zeit erst noch kommen wird. Diese Hoffnung ist sicherlich berechtigt. Doch irgendwie hat man das Gefühl, dass man diesen Satz schon einmal gehört hat. Im Jahr 2006, 2008 oder 2010 zum Beispiel.

Foto: Ein Bildnis der Leere

Copyright: Sebastian Binder

 

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