Ja, we love Lloret – Mi tu

Fernsehen muss nicht immer dämlich, niveaulos, hirnverbrannt sein. Dass es auch anders geht, zeigt ProSieben mit seiner neuen brillanten Soap “We love Lloret”. Acht komplexe Charaktere finden sich in besagtem spanischen Urlaubsidyll zusammen und trotzen gemeinsam den Widrigkeiten des Lebens. Das ist Unterhaltung auf höchstem Niveau, selbst Goethe und Schiller würden aufgrund der dramaturgischen Dichte vor Neid erblassen.

Von Sebastian Binder  

Eigentlich dachte ich immer, dass das deutsche Fernsehen heute ein Ort ist, in dem sich hauptsächlich irgendwelche Laiendarsteller und Möchtegern-Sternchen in grenzdebilen Casting-Scripted-Reality-Pseudo-Doku-Formaten präsentieren. Ich dachte schon fast, dass das Fernsehen mit Niveau ein für allemal gestorben ist, dass es heute nur noch darum geht, mit möglichst kostengünstigen Formaten eine möglichst hohe Quote bei der werberelevanten Zielgruppe zu generieren. Ich dachte, dass den Fernsehmachern ihre Zuschauer egal sind, dass sie ihnen einfach irgendwelchen Müll vorsetzen und hoffen, dass die Leute trotzdem am Flimmerkasten hängen bleiben, es gibt ja schließlich sonst nichts zu tun. Tja, so kann man sich täuschen. Asche auf mein Haupt, ich gebe zu, dass ich mich geirrt habe. Ich gebe zu, dass das Fernsehen auch heute noch ein Ort ist, in dem auf höchstem Niveau diskutiert und philosophiert, dialektisch gestritten und analytisch rezipiert wird. Wie ich zu dieser Erleuchtung gekommen bin?

Es war einer dieser tristen Donnerstage gegen halb elf und natürlich hatte ich nichts Besseres zu tun. Ich schaltete also auf meinen Lieblingssender ProSieben und da war es, ein Werk, das auch aus der Feder Goethes, Schillers, Manns stammen könnte, so klar sind seine Figuren gezeichnet, so brillant seine Dialoge formuliert, so komplex die Charakterzüge angelegt, so dramaturgisch verwinkelt ist seine Handlung inszeniert. Für alle, die jetzt immer noch nicht wissen, wovon ich rede: Diese Sternstunde deutscher Hochkultur nennt sich „We love Lloret“ und zeigt das Leben schonungslos offen, mit allen Höhen und Tiefen, seinen Fallen und Glücksmomenten, das Licht und die Dunkelheit. Zugegeben, am Anfang war auch ich etwas skeptisch. Ich dachte: „Kommt mir vor wie ein billiger deutscher Abklatsch des amerikanischen Erfolgsformats ‚Jersey Shore‘.“ Doch weit gefehlt. Natürlich würde der deutsche Dauernörgler möglicherweise die ein oder andere Parallele entdecken, doch je länger man „We love Lloret“ genießen darf, umso klarer wird, welch geniale Eigenständigkeit hinter diesem Format steckt.

Schon der Schauplatz der Handlung lädt zum Träumen ein. Lloret de Mar, neben El Arenal Spaniens idyllischstes Urlaubsörtchen, bei Bildungsreisenden ebenso beliebt wie bei Familien mit Kindern, die einmal in entspannter Atmosphäre ihre spärliche Freizeit genießen wollen. Hier treffen sie also zusammen, unsere acht Protagonisten, die in der malerischen Finca Fiesta den „Partysommer ihres Lebens“ verbringen dürfen. Ling Ling, Jerome, Maikiboy, der Pole, (die) Bauer, Lory Glory, Leo und Emilio. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, dass man es mit Figuren aus einem Drama von Shakespeare zu tun hat. Sie alle stammen aus dem schönen Ruhrpott, dem Herzen Deutschlands, wie wahrscheinlich jeder weiß. Obwohl sie alle noch jung und unbefangen sind, entsprechen sie dabei aber keineswegs dem bösen, bösen Klischee des „Ruhrpott-Assis“, der sich in seinem Leben hauptsächlich auf die drei F‘s konzentriert (Fressen, Feiern und… was war das Dritte noch gleich?). Dies würde nämlich auch dem Plan des Senders zuwiderlaufen, eine Sendung auf höchstem Niveau zu produzieren. Es geht in dieser Show um die zwischenmenschliche Interaktion, um das Entwickeln emotionaler Spannungsbögen. So mag es etwa für Uneingeweihte zunächst befremdlich wirken, dass jeder in dieser Sendung, ob Mann, ob Frau, „Alter“ genannt wird. Doch denkt man etwas länger darüber nach, so wird klar, dass dies ein Statement zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen in diesem Land sein soll, dass es schlichtweg keine Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern gibt und geben darf.

Mancher Kritiker mag monieren, dass in dieser Sendung zu viel Alkohol konsumiert wird. Wer aber nun annimmt, dass dies hauptsächlich dazu dient, das Kopulationsbedürfnis der Protagonisten zu steigern, ist auf dem Holzweg. Tatsächlich geht es nämlich darum, Jugendliche auf die Gefahren des „Komasaufens“ hinzuweisen. Überritualisierte Schockmomente wie etwa das Kotzen in den Pool sollen eine abschreckende Wirkung auf junge Menschen erzielen. Dieser Effekt wird von ProSieben ebenso subtil wie brillant inszeniert und von den Protagonisten absolut authentisch in Szene gesetzt. Des Weiteren wird auch das Unterordnen unter Autoritäten thematisiert. So gibt es die Figur des Don Francis, eine Art Vater oder Leitfigur für die jungen Leute, charakterlich und in der Darstellung angelehnt an Marlon Brandos Don Corleone, der seine Familie mit strenger Hand führt und doch immer ein offenes Ohr für seine Kinder hat. Don Francis vermittelt den Charakterdarstellern Werte, wie etwa, dass man nur durch harte Arbeit gutes Geld verdient, dass die unerschütterliche Leichtigkeit des Seins niemandem in die Wiege gelegt wird. Ihren Höhepunkt erreicht die Sendung aber stets, wenn die Protagonisten in langen Diskussionsrunden die Widrigkeiten des Alltags erörtern. Betrachtet man diese Gespräche oberflächlich, könnte man fälschlicherweise annehmen, dass es nur um weibliche Fahrwerke, männliche Dingdongmaße sowie die gestern Nacht hinuntergeschüttete Menge an hochprozentigen Glücklichmachern geht. Tatsächlich sind diese Gespräche allerdings Ausdruck der erwachenden Sexualität junger Menschen, des Mann-Frau-Geschlechterverständnisproblems, der verwirrenden Welt des Jahres 2012, in die man sich als junger Mensch erst hineinfinden muss.

Zugegeben: Auch ich habe etwas länger gebraucht, um diese komplexen Tiefen tatsächlich zu durchschauen. Mir wurde klar, dass mein Intellekt nicht ausreicht, um all dies sofort zu begreifen und in den richtigen Kontext einzuordnen. Doch nachdem mir das mittlerweile gelungen ist, bin ich der größte Fan dieser Sendung und kann es kaum erwarten, bis es endlich wieder Donnerstagnacht ist und meine kleinen grauen Zellen durch die Lloret-Großdenker auf Hochtouren gebracht werden. Bis dahin höre ich mir meistens fröhlich klatschend den offiziellen We-love-Lloret-Song von Don Francis an und singe glücklich: „Lloret de Mar, Lloret, Lloret, Lloret de Mar…“ Dank dieser Sendung ist es schlichtweg der schönste, intelligenteste Partysommer meines Lebens.

P.S. Ironie aus…

 

Be Sociable, Share!

11 thoughts on “Ja, we love Lloret – Mi tu

  1. haha war echt witzig zu lesen hast du sehr gut geschrieben 🙂 !
    trotzdem sehe ich die sendung sehr gerne, weil man so herrlich abschalten kann und seine grauen zellen eben mal nicht anstrengen muss 😀 🙂

    • Danke fürs Kompliment. Keine Sorge, hab kein Problem damit, wenn Leute diese Sendung anschauen, hab ich ja schließlich auch gemacht 😉

  2. Ich muss zugeben, dass auch ich äußerst schockiert gewesen bin, als ich merkte, dass das Deutsche Fernsehen wieder einmal eine Niveautiefe durchbrochen hat. Dank dir habe aber nun auch ich gemerkt, dass wahrscheinlich mein Intellekt bezüglich meiner analytischen Fähigkeiten einfach nicht ausgereicht haben, um die Komplexität dieser Sendung verstehen zu können. Vielen Dank für diesen Beitrag.

    PS: Hier fehlt eindeutig ein “Share”-Button von Facebook. Einfache “Likes” gehen leider zu schnell unter.

    • Vielen Dank, habe ich doch gerne gemacht. Die Sache mit dem Share-Button habe ich mir so noch nie überlegt, aber ich werde mal darüber nachdenken. Danke für die Anregung!

  3. danke für diesen Beitrag…
    Ich war selber nach dem ABI 2010 eine Woche in Lloret und das waren genau meine Erlebnisse 😉
    Mal sehen ob ich diesen genialen Beitrag in der Pro7 Mediathek finde und in Erinnerung schwelgen darf…

    • Nichts zu danken. Keine Sorge, die Lloret-Großdenker sind im Internet omnipräsent, da lassen sich sicherlich einige Erinnerungen auffrischen 😉

  4. Also, ich sag ma, ich hab ein Einser-Abi, mein Medizinstudium vor kurzem abgeschlossen, lese gerne Kafka, Dante, Molière, Cervantes….und habe die Sendung sehr gerne geguckt!

    Im Gegensatz von den anderen niveaulosen Formaten, war diese eben NICHT gegen Artikel 1 GG verstoßend. Diese Menschend sind kein zu bemitleidenden Kreaturen, die man von der Öffentlichkeit lieber schützen sollte. Sie sind einfach Originale, wie man sie zuhauf in deutschen Großstädten in jeder U-Bahn trifft.

    Ihre Sprüche sind von solcher Simplizität und dennoch voller Originalität, dass ich vor allem bei Jerome häufig schmunzeln musste. Die Pointe (bzw. der Begriff, die Formulierung, der Gesichtsausdruck) ist oft nicht zu erahnen. Anders bei den sog. professionellen “Comedians” im deutschen TV und den Kabarettbühnen des Landes.

    Nein, ganz im Ernst, für mich ist “we love lloret” eine ganz andere Stufe als DSDS, Popstars, Bauer sucht Frau etc. Hier braucht keine Person Mitleid. Keinem wird die Erfüllung seines großen Sängertraumes vorgegaukelt. Einfach 8 junge Ruhrpott-Asis, die Spaß haben. Geil!

    • 🙂 Meine Rechtschreib- und Grammatikfehler sind der späten Stunde geschuldet…obwohl das durchaus amüsant gewesen wäre, wenn sie Absicht wären…

    • Durchaus eine interessante Perspektive, die Du auf diese Sendung hast. Vielleicht werde ich nächstes Jahr mal darüber nachdenken, wenn uns ProSieben sicherlich mit “We love Lloret – reloaded” beglückt 😉

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *