Ein olympisches Bombastspektakel

Krachend, leuchtend, funkelnd, so wurden sie eröffnet, die Olympischen Spiele 2012 in London. Die Eröffnungsfeier hatte einige interessante Momente parat, vor allem in musikalischer Hinsicht. Und auch Überraschungen waren nicht zu knapp: Von einer ironischen Queen hin zu Drogenabhängigen bis zu einem fast unnervigen ZDF-Kommentator war eigentlich alles mit dabei. Der olympische Geist macht’s möglich.

Von Sebastian Binder  

Damit sind sie also eröffnet, diese Olympischen Spiele 2012 oder die Spiele der XXX. Olympiade, wie es für Freunde lateinischer Zahlen korrekt heißt. Wild und hart und unverdrossen und einfallsreich wurde im Vorfeld spekuliert, wie die Eröffnungsfeier in London wohl aussehen wird. Würde die Queen das olympische Feuer mit einem steifen Lächeln entzünden oder doch David Beckham die Fackel mit einer scharf geschnittenen Flanke von rechts Richtung Entzündungsbottich bolzen? Würden Harry Potter und Mary Poppins die Industrielle Revolution überleben und am Ende mit Peter Pan an den Steilküsten Irlands „Danny Boy“ singen? Würden die Schafbauern tatsächlich verstehen, was ihnen Dizzee Rascal sagen will, wenn er laut „Bonkers“ ins Stadion brüllt? Ist James Bond tatsächlich Fan der Sex Pistols und wie oft geht Elizabeth II. eigentlich Fallschirmspringen, vielleicht in einer Art „Bohemian Rhapsody“, wenn man Queen fragt? Würde Regisseur Danny Boyle die Eröffnungszeremonie zu einer Mischung aus Trainspotting und Slumdog Millionaire machen, einem Drogentrip auf dem Weg zu Reichtum aus der Unterschicht? Kann man es überleben, die Kommentare von Wolf-Dieter „Poschi“ Poschmann und seiner beiden „Experten“ fast vier Stunden lang ungeschützt anzuhören? Nun, alle und keine und manche dieser Fragen wurden beantwortet bei dieser pompösen, glamourösen, voluminösen Veranstaltung.

Eröffnungsfeiern sind immer Spektakel. Dieses eherne Gesetz ist mittlerweile irgendwo festgeschrieben, auch wenn niemand so recht weiß, warum eigentlich. Grundsatz dabei ist, dass die olympische Anfangsshow immer bombastischer, cooler, stilvoller und vor allem: anders als die des vorherigen Ausrichters sein muss. Aus dieser Perspektive betrachtet, war es kein dummer Schachzug der Organisatoren, das Regiemastermind Boyle für diese, zugegebenermaßen nicht unkomplizierte, Aufgabe zu verpflichten. Und dieser brannte, ganz wie es sich für einen Oscarpreisträger gehört, ein wahres Feuerwerk (im übertragenen und wahrsten Sinne des Wortes) an Ideen ab. Selbst für Leute, die mit derartigen Bombastinszenierungen eigentlich nichts anfangen können, waren ein, zwei Hingucker dabei, man lernte ein wenig über die Geschichte des Vereinigten Königreichs, auch wenn die dunkleren Kapitel wohlweislich ausgespart wurden. Mahatma Gandhi war ebenso wenig zugegen wie vermummte IRA-Kämpfer und auch Rupert Murdoch wurde vorsorglich ausgespart, auch wenn er möglicherweise irgendwo heimlich mitgehört hat. Stattdessen konzentrierte sich Boyle auf Wiesen, Schlote und Internet, damit kann schließlich jeder etwas anfangen und die Zuschauer bleiben amused, not confused. Deutlich interessanter als der geschichtliche war ohnehin der kulturelle Teil der Zeremonie. Okay, mit Paul McCartney, Joanne K. Rowling und Rowan Atkinson konnte man vielleicht noch rechnen, aber wer hätte gedacht, dass auch der Sexpistolero Johnny Rotten, das Wunderkind Keith Flint oder Trainspotting-Chefjunkie Ewan McGregor ihre Aufwartung machen würden, wenn auch nur als Einspieler?

Ein olympischer Soundtrack

Das Beste an dieser Feier war ohnehin die Musik. Schmerzhaft wurde in diesem Moment dem deutschen Musikliebhaber wieder bewusst, wie weit uns die Inselbewohner in musikalischer Vielfalt und Klasse doch voraus sind. Es war möglicherweise der coolste Schachzug von Boyle, dass er nicht nur die üblichen Verdächtigen wie die Beatles oder die Rolling Stones vom Stapel ließ, sondern dass auch die Sex Pistols, Prodigy und dann, vielleicht am unerwartetsten, Underwold mit ihrer Psychohymne „Born Slippy“ durch das weite Rund krachten. Als dann auch noch Dizzee Rascal rappend in der Mitte der Veranstaltung auftauchte, dürfte sich so manches etwas gesetztere Staatsoberhaupt verstört zu seinem Sitznachbarn gewendet haben. Man stelle sich vor, was die hippen deutschen Organisatoren aus dieser Nummer gemacht hätten: Herbert Grönemeyer hätte den Steiger gerufen, während Xavier Naidoo von diesem nicht ganz so leichten Weg fabulieren würde und Marianne und Michael fröhlich Richtung Alpen schunkeln. Gruslig, aus diesem Grund: Chapeau, Herr Boyle!

Die Sensation des Abends, zumindest aus Mediensicht, war aber natürlich eine andere: Man wusste bereits, als man die Sequenz sah, wie die Schlagzeilen der Medien am nächsten Tag aussehen werden. Die Queen, ja, Elizabeth II. höchstpersönlich, dient sich Daniel Craig als Bond-Girl an und springt mit ihm aus einem Hubschrauber direkt in die Eröffnungsfeier. Ja, zugegeben, so viel Selbstironie hätte man dem Inbegriff britischer Überkorrektheit, der Queen, gar nicht zugetraut, doch wusste Boyle natürlich auch, dass es hauptsächlich dieser Einspieler sein würde, der im Gedächtnis bleibt. Gut kalkuliert, keine Frage. Ob das nun wirklich so lustig und spektakulär war, wie im Allgemeinen kolpotiert wird, sei einmal dahingestellt.

Ach so, dann gab es auch noch den Einmarsch der Sportler, die zäheste, aber selbstverständlich notwendige Komponente dieser Show, auch wenn sich der durchschnittliche Fernsehzuschauer wohl des öfteren gedacht hat: „Oh Mann, sind wir erst bei F? Wo ist eigentlich St. Vincent und die Grenadinen?“ Zum Glück hatte das Fernsehen diese Frage vorausgesehen und zeigte in bester Google-Maps-Manier immer wieder die Lage von Ländern, die auch so manchem Erdkundelehrer ein Fremdwort sein dürften.

Überhaupt das Fernsehen. Natürlich ahnt man erstmal nichts Gutes, wenn das ZDF ankündigt, dass der „Poschi“ diese Eröffnungsfeier runterkommentieren wird. Viele Fußballfans empfinden schon 90 Minuten mit dem „Poschinator“ als Zumutung, wie soll man dann erst knapp vier Stunden überstehen? Doch siehe da, der Wolf-Dieter hat seine Sache ganz ordentlich gemacht, man hatte in den wenigsten Fällen das Bedürfnis, den Ton abzustellen und stattdessen nochmal „Born Slippy“ auf YouTube laufen zu lassen. Poschmann war gut vorbereitet und hatte auch seinen Hang zu unlustigen Kalauern weitestgehend unter Kontrolle. Von seinen beiden Co-Kommentatoren kann man das allerdings nicht behaupten. Katrin Boron und Christian Keller standen ihm zur Seite, zwei Namen, die eher in den Kenntnisbereich von Sportexperten fallen. Trotzdem kann man es natürlich erahnen: Beides ehemalige Olympiateilnehmer, sie eine ziemlich erfolgreiche Ruderin, er ein eher mäßig erfolgreicher Schwimmer. Dass ehemalige Athleten allerdings noch längst keine guten Kommentatoren abgeben, zeigte dieser Abend mal wieder überdeutlich. Während Boron, aus welchen Gründen auch immer, des öfteren von ihrer Karibikkreuzfahrt fantasierte, fühlte sich Keller scheinbar dazu berufen, jeden einzelnen Schwimmer jedes einzelnen Landes vorzustellen, was auch auf Dauer nicht unbedingt spannender wird. Fast wünschte man sich Oliver Kahn zurück, wie er in genervtem Tonfall auf die naiv-dämlichen Fragen von Katrin Müller-Hohenstein antwortet.

Am Ende wurde dann schließlich noch das größte, mythenumrankteste, sagenumwobenste Geheimnis gelüftet: Wer entzündet das olympische Feuer? Genau an dieser Stelle wurde mit den Knallern gebrochen. Sieben Nachwuchssportler trugen die Fackel durchs Stadion und entflammten das Feuer aller Feuer, das sich inmitten der Arena wie Phönix aus der Asche erhob. Sympathisch, aber unspektakulär. Vielleicht hätte Regisseur Boyle lieber Prinzessinnen-Schwester Pippa Middleton für diesen Job verpflichten sollen, die mit engem, wohlausgeschnittenem Kleid und hohen Schuhen den Weg zum Feuerbottich entlangstöckelt und mit wohldosiertem Sexappeal der olympischen Flamme Leben einhaucht. Das wäre doch nochmal ein echter boulevardesker Knaller gewesen. Naja, man kann nicht immer alles haben. In diesem Sinne: Lasst die Spiele beginnen.

Foto: Das Londoner Olympiastadion

Copyright: Matt Deegan zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

 

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