Vom Wabern der Bassline

Dubstep hat in den letzten zehn Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Vom Untergrundtipp aus London in die weite Welt des Musikkommerz. Viele Heads der ersten Stunde finden es gar nicht lustig, dass mittlerweile sogar Britney Spears auf Dubstep-Beats setzt. Doch dem Internet sei Dank, man kann als echter Fan auch heute noch richtigen Dubstep hören, wenn man nur lange genug danach sucht.

Von Sebastian Binder  

Dubstep ist eine seltsame Musikrichtung. Sie gehörte lange zum Abgefahrensten, was die Klänge dieser Welt zu bieten hatten. Ältere Menschen würden Dubstep, richtigen Dubstep, wohl mehrheitlich als basshaltigen Krach bezeichnen und möglicherweise war das auch die Vision, die den Gründern dieses Genres damals im London der frühen 00er-Jahre vorschwebte. Hervorgegangen aus den Stilrichtungen Garage und Two Step experimentierten die Pioniere um Hatcha, Skream und Benga, um nur einige zu nennen, im Londoner Stadtteil Croydon mit Einflüssen aus Reggae und Dub. Darunter legten sie eine drückende, wabernde Bassline und so kristallisierte sich langsam, aber sicher die Musikrichtung Dubstep heraus. Dubstep entwickelte sich einige Jahre im Untergrund, einem größeren Publikum wurde er erstmals im Jahr 2006 bekannt. Skream veröffentlichte seinen Burner-Track „Midnight Request Line“ und auf dem für sein musikalisches Gespür bekannten Sender BBC Radio 1 wurde das mehrstündige Special „Dubstep Warz“ gesendet. Hier performten unter anderem Kode9, Coki und Vex‘d an den Turntables und in der Folge wuchs die Aufmerksamkeit, die dem Dubstep-Genre widerfuhr, auch über die Grenzen der Insel hinaus.

Natürlich passierte Dubstep danach das, was bereits zahlreichen anderen neuen, innovativen Musikrichtungen passiert ist, wenn sie in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Eine stetige Kommerzialisierung setzte ein und der Sound wurde mehr und mehr verwässert, also auf Massentauglichkeit getrimmt. HipHop und House können nicht nur ein Lied von dieser Leidensgeschichte singen. Diese vermeintliche Weiterentwicklung des Dubstep nennt sich Wonky und „zeichnet“ sich dadurch „aus“, dass die Bassline, die eigentlich das zentrale Element jeder Dubstep-Produktion sein sollte, in den Hintergrund tritt und stattdessen komplexen Geräuscharrangements weicht. Bekanntester Vertreter dieser neuen Richtung ist Skrillex. Der Amerikaner wird von vielen Heads der ersten Stunde für den Untergang des originalen, rohen, minimalistisch-geprägten Dubstep verantwortlich gemacht. Spätestens seit dem einsetzenden Erfolg von Skrillex, also um das Jahr 2010, ist Dubstep damit endgültig in der Welt des Musikkommerz angekommen. Es ist ein seltsames Gefühl für viele frühe Fans dieser Musikrichtung, wenn ihnen plötzlich von Lieschen Schmidt etwas über Drops und Breaks erzählt wird. Aber wundern darf man sich darüber nicht, wenn sogar Rusko, der früher mit Krachern wie „Jahova“ von sich reden machte, mittlerweile Tracks für Britney Spears produziert. Spätestens mit der in Großbritannien wahnsinnig gehypten Sängerin Katy B ist Dubstep endgültig in den Niederungen des Chartmülls angekommen.

Doch glücklicherweise gibt es diese geniale Erfindung namens Internet und mithilfe dieses Mediums ist auch heute noch möglich, Dubstep zu hören, der nicht einer Kommerz-Gehirnwäsche unterzogen wurde. Butch Clancy ist ein sehr guter Vertreter dieser Richtung. Mit seinem brillanten Track „Russian Lullaby“ zeigt er, dass es durchaus möglich ist, weiterhin sehr guten Dubstep zu produzieren, der zwar komplex ist, aber die Wurzeln dieses Genres nicht verrät. Freunden eines irren Drops, ein weiteres Merkmal von gutem Dubstep, sei Bratkilla mit seiner verstörenden Nummer „Love and Care“ ans Herz gelegt. Sukh Knight lehnt sich mit seinem Sound eher an die Urspünge des Dubsteps an, etwa mit seinen anschiebenden Tracks „Jinglist“ oder „Ganja Dub“. In die etwas härtere Ecke des Dubstep gehen dagegen Barbarix, etwa mit ihren Nummern „Sewer Grime“ oder „Attack of the Nightmare Orchestra“. Wer allerdings eher auf entspanntere, ruhigere, fernöstliche Klänge mit einem Hauch Nostalgie steht, dem seien Plasticians „Japan“ oder Caspas „Cockney Violin“ ans Herz gelegt. Auch Trolley Snatcha, Stenchman oder Doctor P haben feine Tracks im Angebot. Letzterer ist zwar auch stark in die Sell-Out-Ecke abgedriftet, doch seine älteren Sachen wie der „Vampire Dub“ oder sein starker Remix von Plan Bs, zugegebenermaßen ebenfalls etwas kommerziellem, „Love goes down“ sorgen auch weiterhin für gute Laune.

Dubstep mag mittlerweile als Werbemusik von großen Autoherstellern benutzt werden, doch gibt es immer noch Künstler und Djs, die sich den Wurzeln und Idealen dieser Musik verpflichtet fühlen. Man sollte als früher Dubstep-Fan also noch nicht sofort die Flinte ins Korn werfen. Natürlich dreht sich dem echten Dubstep-Hörer erst einmal der Magen um, wenn Katy Perry plötzlich auf wabernde Basslines setzt. Aber es empfiehlt sich, diese Geschmacksverirrungen einfach zu ignorieren, sich stattdessen vor YouTube zu setzen und nach richtigem Dubstep zu suchen. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl und etwas Know-How wird man schnell fündig werden. Die Computerboxen werden einen bald verfluchen, wenn sie mit letzter Kraft versuchen, die wabernde Bassline zu kontrollieren. Selbiges gilt übrigens für Nachbarn…

Foto: Dubstep-Pionier Skream an den Turntables

Copyright: john.puddephatt zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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