Bolt Marley

Usain Bolt ist ein Idol auf Jamaika. Doch ist es legitim, ihn in puncto Heldenverehrung auf der Karibikinsel in einem Atemzug mit Bob Marley zu nennen? Hinkt dieser Vergleich nicht sogar ganz gewaltig? Ja und nein. Natürlich trennt diese beiden Ikonen ihres jeweiligen Metiers eine ganze Menge, aber was ihren Popularitätsstatus und ihr Auftreten betrifft, sind zwischen beiden durchaus einige Parallelen zu erkennen.

Von Sebastian Binder  

Wie es sich wohl anfühlt, ein Held zu sein? Sicherlich eine seltsame Erfahrung, in deren Spektrum die meisten Menschen auf dieser Welt niemals vordringen werden. Usain Bolt ist in seinem Heimatland Jamaika ein Held, vielleicht sogar über dessen Grenzen hinaus. Der 25-Jährige hat bei den Olympischen Spielen in London die Konkurrenz über 100 Meter in 9,63 Sekunden deklassiert und ihr gezeigt, dass es nur einen schnellsten Mann auf dieser Welt gibt, ihn selbst. „Bolt is a legend“, titelte der Jamaican Observer daraufhin und fasste damit die Befindlichkeit der meisten Jamaikaner in Worte. Jamaika, diese Insel in der Karibik, die für die meisten Menschen auf der Welt vor allem für zwei Sachen steht: Schnelle Leute und Reggae. Oder anders ausgedrückt: Usain Bolt und Bob Marley. Beide genießen sie höchste Anerkennung in ihrem Land, beide sind sie Helden, mit denen sich ihre Heimat nur allzu gerne schmückt. Natürlich hat der Musiker Marley derzeit noch einen anderen Status als Bolt. Er ist eine Ikone in seinem Land, von der Verehrung allenfalls noch von „Jah“ persönlich übertroffen. Doch Bolt ist auf dem Weg, ebenfalls diesen Ikonenstatus zu erreichen, mit schnellen Schritten ist er in den letzten fünf Jahren auf dem jamaikanischen Heldenolymp angekommen.

Marley wird als politischer Mensch wahrgenommen, auch wenn er mit jamaikanischer Parteipolitik an sich nicht allzu viel tun hatte. Seine politischen Ansichten speisen sich eher aus den Texten seiner Musik, die sich gegen Rassismus, gegen Unterdrückung wendeten, an Frieden und Gerechtigkeit appellierten. Diese strikt politische Attitüde fehlt Bolt definitiv, vielleicht muss man sagen: noch. Denn der Supersprinter ist erst 25 Jahre alt, wer kann schon sagen, ob er nach seinem Karriereende nicht auch politische Ambitionen entwickelt, Vitali Klitschko lässt grüßen. Doch man hat den Eindruck, dass den jamaikanischen Reggaestar nicht zuletzt seine politische Haltung zu der Legende gemacht hat, die er heute ist. Marley wird auch immer ein bisschen als Rebell wahrgenommen, als jemand, der sich gegen bestehende, verkrustete Verhältnisse aufgelehnt hat und das geht weit über das Konsumieren von Marihuana hinaus. Bolt als Rebellen zu bezeichnen, wäre wohl etwas übertrieben. „Unkonventionell“ trifft es sicher eher. Er konsumiert im Gegensatz zu Marley (wahrscheinlich) kein Marihuana, auch wenn stets der Verdacht im Raum steht, dass er seinem Körper stattdessen andere Substanzen zuführt.

Was die beiden in jedem Fall verbindet, ist ihr ausgeprägtes Showtalent. Wenn Marley auf der Bühne in seinen einzigartigen Tanzstil verfiel, dann wurde jedem Konzertbesucher klar, dass er hier Teil von etwas ganz Besonderem ist. Wenn Bolt die Tartanbahn betritt, die Kamera ihn in Großaufnahme zeigt, er kurz vor dem Start signalisiert, dass er die Gegner jetzt in Grund und Boden laufen wird, dann weiß jeder Eventbesucher, dass er hier Teil von etwas ganz Besonderem ist. Beiden ist das Talent gemein, ihre Fans in ihren Bann zu ziehen, so dass alles, was um sie herum passiert, plötzlich Nebensache, vielleicht sogar nicht mehr existent ist. Beide standen und stehen bei ihren Auftritten stets im absoluten Mittelpunkt des Geschehens, sie sind die Hauptdarsteller, der Grund, warum sich die Menschenmassen an diesem Ort, zu dieser Zeit zusammengefunden haben. Sowie Marley seinen Zuhörern eine Gänsehaut über den Rücken jagte, wenn er mit traurig-gebrochener Stimme den „Redemption Song“ auf seiner Akustikgitarre spielte, so lässt Bolt die Zuschauer in Ekstase verfallen, wenn er nach 30 Metern in unwiderstehlicher Art und Weise das Tempo anzieht und man spätestens nach 50 Metern weiß, dass er das Rennen nicht mehr verlieren kann.

Wahrscheinlich ist es falsch, Marley und Bolt miteinander zu vergleichen, denn letztlich ist es die gute alte Äpfel-und-Birnen-Geschichte. Bob Marley konnte nicht sonderlich schnell laufen und Usain Bolt hat sich bislang noch nicht als begnadeter Reggaekünstler hervorgetan. Zudem würden es Marley-Jünger womöglich als Majestätsbeleidigung betrachten, wenn man einen Leichtathleten mit dem Reggae-Gott auf eine Stufe stellt. Auf der anderen Seite würden Bolt-Fans wohl nur verwundert mit dem Kopf schütteln, denn was hat ein Sänger, dessen Musik vor allem mit Entspannung assoziiert wird, mit dem explodierenden Energiebündel Usain zu tun? Vielleicht nichts, vielleicht so manches. Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen, beide haben es an die Spitze ihres Metiers geschafft. Beide sind und waren überzeugte Jamaikaner, beide werden von der Politik als Aushängeschilder für den kleinen Inselstaat präsentiert. Ob sie deshalb Helden sind? Definiert man den Heldenstatus nach der jeweiligen Lebensleistung, so kann man diese Frage möglicherweise bejahen. Kann man hingegen weder mit Reggae noch mit Leichtathletik etwas anfangen, so wird man diese Frage sicherlich verneinen. Fest steht, dass sie beide schillernde Persönlichkeiten sind, die man kaum ignorieren kann, auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Leute, wenn sie nach ihren Assoziationen hinsichtlich Jamaika gefragt werden, zuerst mit „Usain Bolt und Bob Marley“ antworten werden. Bolt Marley. Dieses seltsame jamaikanische Heldenwesen…

Foto: Usain Bolt nach seinem Olympiasieg in Peking 2008

Copyright: Pixeltoo zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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