Wallraff und die Doppelmoral

Er ist der oberste Enthüller der deutschen Nation. Derjenige, der den Deutschen zeigt, dass in ihrem Land keineswegs alles eitel Sonnenschein ist, dass Ungerechtigkeit und Unterdrückung hinter jeder Ecke auf den kleinen Mann lauern können. Doch nun wird Günter Wallraff scheinbar von seinen eigenen Moralvorstellungen eingeholt. Vorwürfe stehen im Raum, dass er selbst es mit diesen nicht immer ganz so genau genommen hat, wie er es in seinem Werk von anderen erwartet. Für die Medien natürlich ein gefundenes Fressen, nicht nur für die Springer-Presse.

Von Sebastian Binder  

Es gibt dieses wunderschöne deutsche Wort „Doppelmoral“. Nach der Definition von Irmgard Klammer und Sabine Bauer bedeutet es: „Wenn man bei anderen anprangert, was man selber tut.“ Dieses Wort ist stets ein Vorwurf, denn letztlich heißt es nichts anderes, als dass man den eigenen Maßstäben nicht genügt. Genau diesen Vorwurf muss sich nun einer der obersten Moralisten Deutschlands gefallen lassen: Günter Wallraff. Der 69-Jährige versetzt das Land seit Jahrzehnten in Aufruhr, indem er sich immer wieder unter falscher Identität in deutsche Betriebe einschmuggelt und anschließend in Büchern, Filmen oder Zeitungsreportagen auf etwaige Missstände in den Unternehmen hinweist. Wallraffs Themen sind Unterdrückung, Ausbeutung, Sensationsgier oder Rassismus, große Themen, die er durch seine falschen Identitäten stets am eigenen Leib erfahren, deren zermürbender Maschinerie er sich selbst ausgesetzt hat. Wallraff ist ein Enthüller der Extreme, er recherchiert Themen nicht nur, er erlebt sie als Teil seiner Selbst, und sei es nur als Teil eines falschen Selbst. Als Hans Esser deckte er, getarnt als Reporter, die dubiosen Praktiken der Bild-Zeitung bei der Berichterstattung auf, in denen Fakten und Fiktion oftmals austauschbare Größen waren. Als Türke Ali setzte er sich mit dem häufig herabwürdigenden Umgang deutscher Unternehmen mit Gastarbeitern auseinander. Als dunkelhäutiger Somalier Kwami Ogonno demaskierte er den immer noch breit auftretenden Rassismus in Deutschland. Wichtige Themen, große Themen, die allemal angestoßen werden müssen, über die eine breite Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit dringend geboten ist. In dieser Hinsicht ist die Arbeit Wallraffs aller Ehren wert und ihre Aussage an sich über jeden Zweifel erhaben.

Trotzdem muss man Günter Wallraff nicht mögen. Denn es kommt nicht nur einmal vor, dass man beim Lesen seiner Bücher, beim Ansehen seiner Reportagen, aber auch bei seinen öffentlichen Auftritten diesen leisen Verdacht hegt: Dass es Wallraff in erster Linie um Wallraff geht und erst in zweiter Instanz dann um die von ihm angeprangerten Zustände. Dieser leise Verdacht, dass der Opferdarsteller Wallraff vor allen Dingen ein Selbstdarsteller ist. Wie gesagt, es ist nur ein Verdacht, ein winziger Zweifel und doch kann man ihn nicht völlig von der Hand weisen. Vor allem dann nicht, wenn man sich die Vorwürfe ansieht, die seit kurzem gegen Wallraff im Raum stehen. Der Enthüllungsjournalist wird beschuldigt, seinen früheren Mitarbeiter André Fahnemann jahrelang schwarz beschäftigt, geringe Löhne gezahlt und keine Sozialausgaben abgeführt zu haben. Also all das getan zu haben, was er als Enthüller stets angeprangert hat. Doppelmoral par excellence. Fairerweise muss man zugeben, dass bislang keiner der Vorwürfe bewiesen ist und dass völlig unklar ist, wie hoch der Wahrheitsgehalt in den Aussagen des mehrfach vorbestraften Fahnemann einzuschätzen ist. Dennoch hat das Image Wallraffs in den letzten Tagen und Wochen schweren Schaden genommen. „Der enthüllte Enthüller“ ist derzeit die beliebteste Zeile in der deutschen Medienlandschaft, wenn es um Wallraff geht. Denn schließlich gibt es nichts Schöneres, als einen selbsternannten Moralisten über seine eigenen Maßstäbe stolpern zu sehen. Der Spiegel legte in einer großen Geschichte nach, berichtete darüber, dass Wallraff große Teile seiner Texte möglicherweise gar nicht selbst geschrieben hat und über dubiose eidesstaatliche Versicherungen von Zeugen, die Wallraff und Fahnemann manipuliert haben sollen. Die Moralkeule schlägt dieses Mal also Richtung Wallraff selbst aus und trifft ihn, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten, nicht zu unrecht.

Im Raum steht nun die Frage, was die erhobenen Vorwürfe für Wallraffs Werk bedeuten. Fakt ist, dass seine Glaubwürdigkeit massiv angekratzt ist. Für einen Enthüllungsjournalisten wie ihn, dessen höchstes Gut eben jene Glaubwürdigkeit ist, im Endeffekt ein Desaster. Im Internet kursieren bereits erste Verschwörungstheorien. Eine Schmutzkampagne werde gegen Wallraff geführt, wahrscheinlich lanciert vom Springer-Konzern. Doch so einfach ist es wahrscheinlich nicht. Nimmt man alle bisher publik gewordenen Informationen zusammen, so scheint doch wenigstens ein Fünkchen Wahrheit an der Sache zu sein. Dieses berühmt-berüchtigte Fünkchen, das nicht selten bereits einen Flächenbrand verursacht hat.

Sollte Wallraff tatsächlich angeklagt und verurteilt werden, so dürften seine Tage als oberster Enthüller der Nation gezählt sein. Sein Status als Moralprediger wird sich dann ebensowenig aufrecht erhalten lassen, all seiner Verdienste der Vergangenheit zum Trotz. Womöglich ist es gar nicht mal schlecht, wenn es zukünftig ein bisschen stiller um Wallraff wird. Sein Konzept wirkte in letzter Zeit etwas ausgelutscht, seine Methoden waren des öfteren eher fragwürdig denn investigativ. Vielleicht sollte er sich ein letztes großes Werk vornehmen: Seine Memoiren. Denn interessante Geschichten zu erzählen wird Wallraff haben, so oder so.

Doch wer weiß, möglicherweise ist diese ganze Geschichte ein von Wallraff selbst eingefädelter Coup. Vielleicht will er zeigen, auf welche Art und Weise die bösen Medien systematisch den Ruf eines Menschen zerstören, wenn sie erst einmal Blut geleckt haben. Günter Wallraff als Günter Wallraff, Medienopfer. Es wäre eine nette Pointe in dieser merkwürdigen Geschichte: Die Doppelung der Doppelmoral. Ein echter Wallraff eben.

Foto: Günter Wallraff

Copyright: Dein Freund der Baum zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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