Gema, Geld, Gefahr

Die Gema hat angekündigt, ihr Tarifsystem radikal zu reformieren. Insbesondere für kleinere Clubs würde dies bedeuten, dass sie deutlich mehr zahlen müssen. Eine Katastrophe, denn viele Clubbetreiber könnten die höheren Kosten kaum stemmen. Die Gema gefährdet damit nicht nur die Vielfalt im deutschen Nachtleben, sondern die Lebensentwürfe einer Vielzahl von Künstlern, vor allem aus der Elektroszene.

Von Sebastian Binder  

Musik und Bürokratie, zwei Dinge, die in den wenigsten Fällen zusammenpassen. Auf der einen Seite steht die unendliche Kreativität, auf der anderen die grenzerprobte Regulierungswut. Es ist nur logisch, dass diese beiden Dinge hin und wieder in Konflikt geraten, Feuer und Eis, und die Frage, wer am Ende das stärkere Element ist. In Deutschland ist momentan ein Paradebeispiel dieses stetig schwelenden Konflikts zu beobachten: Der Streit zwischen der Gema und den Clubbesitzern. Die Gema ist auf die brillante Idee gekommen, ihr Tarifsystem radikal umzubauen. Zukünftig soll es nur noch zwei Tarife geben, einen für Live-Musik, einen für Diskotheken. Alles ganz easy und daher eine super Sache, findet die Gema. Eine Unverschämtheit, eine Katastrophe für das deutsche Nachtleben, finden die Clubbetreiber. Zwei Positionen, die sich zurzeit unversöhnlich gegenüber stehen, Musik und Bürokratie im Kampf um Spaß und Geld, das lodernde Feuer der Partynacht gegen das ewige Eis des Bürokratentages.

Wie muss man sich das neue Tarifsystem der Gema eigentlich vorstellen? Stark vereinfacht dargestellt bedeutet es letztlich nichts anderes, als dass die meisten Clubs und Diskotheken künftig mehr zahlen sollen beziehungsweise müssen. Der Spiegel hat kürzlich ein sehr interessantes Beispiel zu diesem Thema gebracht: Steffen Hack, Inhaber des Berliner Elektroclubs „Watergate“, zahlte bislang rund 10 000 Euro jährlich an die Gema für die Musik, die in seinem Laden gespielt wird. Nach dem neuen Tarifsystem müsste Hack ungefähr 1300 Prozent mehr Gebühren zahlen als bisher. Man musste tatsächlich zweimal hinschauen, um es glauben zu können: Nein, nicht 1300 Euro sondern 1300 Prozent (!) mehr Gebühren. Also statt 10 000 Euro würden plötzlich um die 140 000 Euro an Gema-Zahlungen anfallen. Ein schlechter Scherz? Den Clubbesitzern blieb das Lachen schnell im Halse stecken, denn die Gema meinte es todernst. 130 000 Euro zusätzlich im Jahr können vielleicht von stets überfüllten Großraumdiscos gestemmt werden, für kleinere Clubs würde diese neue Regelung hingegen das Todesurteil bedeuten. Und so ging ein Aufschrei durch Berlin, die Stadt, die für ihre kleinen Clubs ebenso berühmt wie berüchtigt ist, als die Gallionsfigur der Untergrundclubszene, das „Berghain“, ankündigte, am 1. Januar 2013 seine Pforten zu schließen, falls die Tarifreform kommt. Was also bezweckt die Gema mit dieser Geschichte?

Weiß eigentlich jemand, was Gema ausgeschrieben bedeutet? Dieses Kürzel steht für „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“, deutscher Bürokratensprech in Reinform also. Im Aufsichtsrat sitzen dabei Leute wie der Ich-wär-so-gerne-Millionär-Prinz Tobias Künzel, Liederonkel Konstantin Wecker und Frank Dostal, der bereits solche Perlen der deutschen Musikkultur wie das „Lied der Schlümpfe“ getextet hat. Theoretisch ist der Zweck der Gema zwar sinnvoll, schließlich geht es darum, Künstlern Tantiemen für das Aufführen ihrer Musik zukommen zu lassen, faktisch kommt aber bei Untergrundproduzenten, sollten sie überhaupt bei der Gema registriert sein, wenig bis nichts an. Für den Bereich der elektronischen Musik bedeutet das, dass man schon David Guetta oder zumindest Paul Kalkbrenner sein muss, um überhaupt von der Gema profitieren zu können.

Die Gema scheint die Lebenswirklichkeit der deutschen Elektroszene stark zu verkennen, was man den genannten Aufsichtsratsmitgliedern dabei nicht einmal vorwerfen kann. Denn Fakt ist, dass nur die allerwenigsten Elektroproduzenten vom Verkauf ihrer Musik leben können. Wie oft verkaufen sich Lieder von deutschen Künstlern dieser Musikrichtung wie René Burgeois, Monkey Safari oder Stereo Express wohl, wenn man Vinyl- und CD-Absatz sowie Downloads zusammenrechnet? Fünfhundertmal, wenn es gut läuft? Tausendmal, wenn es brillant läuft? Im Normalfall zumindest nicht oft genug, als dass man davon ein Leben finanzieren könnte. Diese Künstler sind somit darauf angewiesen, in Clubs auflegen zu können, denn das eigentliche Geld wird auf diese Art und Weise verdient. Was würde aber passieren, wenn die Gema ihre Tarifreform tatsächlich umsetzt? Einige Clubs müssten schließen, die meisten anderen wohl kräftig sparen. Und wen werden diese Sparmaßnahmen zuerst treffen? Das Servicepersonal natürlich, zu dem letzten Endes auch der DJ gehört.

Es ist zwar ein Worst-Case-Szenario, doch durch diese Tarifreform könnte folgende paradoxe Situation entstehen: Die Gema, die ja eigentlich für den Schutz der Künstler eintreten sollte, würde mit ihren neuen Tarifen einen gegenteiligen Effekt bewirken. Weniger Geld bei den Clubbesitzern bedeutet weniger Geld für DJs bedeutet weniger Geld für die Produzenten bedeutet möglicherweise weniger Vielfalt in der elektronischen Musiklandschaft. Wie gesagt, dies wäre der absolut schlimmste Fall und man kann nur hoffen, dass es am Ende nicht soweit kommt, doch völlig von der Hand zu weisen ist dieses Szenario nicht. Besonders tragisch wird das Ganze, wenn man sich vor Augen hält, dass es die Deutschen endlich einmal geschafft haben, in einer Musikrichtung eine Vorreiterrolle zu spielen. Es ist schön zu sehen, wie häufig man in den YouTube-Kommentaren unter entsprechenden Liedern liest: „Best Electro comes always from Germany!“ Endlich hinkt man mal in einer Musikrichtung nicht ständig den Amerikanern und Briten hinterher, sondern produziert selbst die State-of-the-Art-Klänge. Und dann kommt eine deutsche Behörde wie die Gema und gefährdet diesen Zustand ernsthaft. Geht es noch zynischer?

Am Ende bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Gema einsichtig zeigt und den Clubbesitzern wenigstens ein Stück weit entgegen kommt. Im Netz formiert sich mit diesem Hintergedanken breiter Widerstand gegen das Gema-Vorhaben, seit mehreren Monaten gibt es eine Online-Petition und diverse Facebook-Gruppen, auf die sich die Gegner stützen. Die Gema sollte daher nicht nur auf die verstaubten Platten in ihrer Schlagersammlung hören, sondern ebenfalls ein offenes Ohr für die Stimmen des Volkes haben, auch wenn sie nicht bei ihr registriert sind. Es wäre ein schönes Signal der Gema, wenn sie nicht nur die Interessen einiger Großkünstler vertreten würde, sondern durch ein gemäßigtes Tarifsystem zeigen würde, dass ihr auch die unbekannteren, aber deswegen nicht weniger talentierten Musikproduzenten wichtig sind, deren Lebensentwurf durch die neuen Tarife ernsthaft gefährdet wäre. Natürlich geht es bei Kunst (fast) immer auch um Geld, doch eine Organisation wie die Gema sollte sich Gedanken machen, wem sie hier den Vorrang einräumt. Feuer und Eis müssen sich nicht immer bekämpfen. Manchmal können sie auch eine Symbiose eingehen. Wenigstens diese Hoffnung stirbt zuletzt…

Foto: Das Berghain am Berliner Ostbahnhof

Copyright: Nicor zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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