Wohin des Weges, FC Bayern?

Die Saison 2012/2013 wird eine spannende Reise für den FC Bayern München. Bislang hat sich das Starensemble von der Isar ganz ordentlich präsentiert. Vor allem die Neuzugänge scheinen zu funktionieren. Allerdings könnte sich dies im Laufe der Spielzeit paradoxerweise noch zum Problem entwickeln. Das Ziel ist ganz klar der Bruch der schwarz-gelben Vorherrschaft in Deutschland. Der Weg dorthin wird allerdings steinig.

Von Sebastian Binder  

Es hätte schlimmer kommen können, ganz bedeutend schlimmer sogar. Viel wurde in letzter Zeit beim FC Bayern München gemunkelt: Wie haben die Spieler die katastrophale Vize-Saison 2011/2012 verkraftet? Steckt das verlorene Champions-League-Finale immer noch in den Köpfen? Wie haben insbesondere die deutschen Nationalspieler die letztlich enttäuschende EM verarbeitet? Wenn man all die herbeigeschriebenen Traumata im Vorfeld zusammen nahm, musste man fast Angst haben, dass die Bayernspieler über die Maßen verstört auf den Platz schleichen würden, niemand will den Ball haben, bloß keine Verantwortung übernehmen, nicht dass eine furchtbare Erinnerung der Vorsaison wieder zurückkommt. Wie gesagt, so schlimm kam es dann doch nicht.

Die ersten beiden Pflichtspiele wurden überzeugend gewonnen, 2:1 im Supercup gegen die bayerische Nemesis der letzten beiden Jahre Borussia Dortmund, 4:0 im DFB-Pokal gegen den auf Zerstörung spielenden Jahn Regensburg. Der Sieg gegen den BVB dürfte vor allem für das Selbstvertrauen gut gewesen sein nach zuletzt fünf Niederlagen in Folge gegen die Truppe von Jürgen Klopp. Der Erfolg im Pokal machte deutlich, dass die Bayern auch Spiele gegen unterklassige Gegner ernst nehmen, anders als die Bundesliga-Kollegen aus Hoffenheim, Bremen oder Hamburg. Von Trauma-Fußball war bei den Münchnern also nichts zu spüren.

Natürlich ist das Bayern-Spiel noch weit davon entfernt, als perfekt zu gelten. Das zeigte insbesondere die zähe erste halbe Stunde gegen Regensburg. Hier kam tatsächlich die Erinnerung an die letzte Saison wieder hoch: Ein tief stehender Gegner, der einzig und allein darauf aus ist, den Spielfluss des Teams von Jupp Heynckes zu unterbinden. Die Bayern hatten, wie schon des öfteren in der Vorsaison, Probleme mit diesem Konzept. Franck Ribéry und Arjen Robben wirkten eher genervt denn inspiriert, Thomas Müller agierte in seinen Aktionen häufig unglücklich und auch Toni Kroos konnte auf der Sechs dem Spiel keine entscheidenden Impulse verleihen. Und so entwickelte sich das allzu bekannte Bild. Die Bayern spielten mit massivem Ballbesitz in Handball-Manier um den Regensburger Strafraum herum, ohne aber zu zwingenden Torchancen zu kommen. Eine Einzelaktion von Ribéry musste somit herhalten, um das 1:0 in der 32. Minute durch Neuzugang Mario Mandzukic einzuleiten. Wer aber nun dachte, dass die Münchner in der zweiten Halbzeit vielleicht noch ein zweites Tor nachlegen, um den Vorsprung dann routinemäßig zu verwalten, wie man es als FC Bayern gegen einen unterlegenen Gegner eben macht, sah sich getäuscht.

Denn in der zweiten Hälfte folgte der große Auftritt des Xherdan Shaqiri. Für den leichtes Fieber habenden Ribéry zur Pause eingewechselt, sorgte der 19-jährige Neuzugang sofort für mächtig Wirbel. Zuerst hämmerte er in der 60. Minute einen direkten Freistoß unhaltbar in das Regensburger Gehäuse und viele Bayern-Fans dürften erleichtert aufgeatmet haben. Kann es sein, dass durch Shaqiri eines der größten Mankos der letzten Jahre, die Ungefährlichkeit bei direkten Freistößen, behoben wird? Es hatte den Anschein, denn nachdem zuvor Robben und Kroos auf diese Weise gescheitert waren, zeigte der junge Schweizer den beiden Etablierten, wie man es richtig macht. Doch Shaqiri ruhte sich keineswegs auf diesen Lorbeeren aus, sondern leitete mit einem Traumpass in die Schnittstelle das 3:0 durch Mandzukic (80.) und mit einem genialen Lupfer das 4:0 durch Claudio Pizarro (88.) ein. Man muss daher nicht lange diskutieren, wer der Spieler des Spiels war. Dass es dem früheren Superstar des FC Basel zudem nicht an Selbstvertrauen mangelt, demonstrierte er nach der Partie: „Man hat gesehen, dass ich nicht einfach der Kleine aus der Schweiz bin. Ich will die Mannschaft verstärken. Das ist mir gelungen.“ So sieht es derzeit aus und sollte Shaqiri in dieser Form weiter spielen, müssen sich die Stammkräfte Ribéry, Robben, Kroos und Müller warm anziehen, wenn sie sich demnächst nicht auf der Bank wiederfinden wollen.

Das Beste aus bayerischer Sicht gegen Regensburg war möglicherweise die Erkenntnis, dass die Neuzugänge bislang sehr gut funktionieren. Shaqiri und Mandzukic zeigten eine beeindruckende beziehungsweise sehr ordentliche Leistung, der als Joker für die Schlussphase verpflichtete Pizarro füllte seine Rolle perfekt aus. Auch der von Borussia Mönchengladbach gekommene Abwehrspieler Dante hat in der Vorbereitung bislang überzeugt und scheint durchaus eine Alternative zum nicht immer hundert Prozent konzentriert wirkenden Jerome Boateng in der Innenverteidigung zu sein. Sollte nun mit dem Spanier Javier Martinez noch der 40-Millionen-Euro-Königstransfer gestemmt werden, haben die Bayern eine Mannschaft, die vor allem auf nationaler Ebene schwer zu schlagen sein dürfte. Doch man kann an der Aufzählung dieser Namen bereits erkennen, was wohl das größte Problem der Bayern in dieser Saison sein wird: Unruhe. Denn keiner der Genannten wird sich damit zufrieden geben, längere Zeit auf der Bank zu sitzen. Ribéry und Robben schon gar nicht, doch auch ein Kroos, Müller, Bastian Schweinsteiger oder Mario Gomez werden die Rolle als Bankdrücker, sollte sie ihnen blühen, nicht lange stillschweigend akzeptieren. Wer die Münchner Medienlandschaft kennt, weiß, dass sich auf diese Art sehr schnell große Störfeuer kreieren lassen, die in jedem Fall unnötigen Wirbel in das Team hinein tragen werden. Für Trainer Heynckes und den neuen Sportchef Matthias Sammer wird also eine der Hauptaufgaben sein, ihre Stars bei Laune zu halten, auch wenn sie nicht in der Startelf stehen. Wer sich ein wenig mit der Geschichte des FC Bayern auskennt, ist sich allerdings bewusst, dass dieser Versuch in der Vergangenheit nicht erst einmal gescheitert ist.

Dennoch haben die Bayern ihre Hauptschwäche der Vorsaison, den zu dünn besetzten Kader, kompensiert und somit steht einem neuerlichen Angriff auf die momentane Dortmunder Vorherrschaft im deutschen Fußball nichts mehr im Wege. Doch auch die Westfalen haben sich nicht unerheblich verstärkt, vor allem die Verpflichtung von Deutschlands Fußballer des Jahres Marco Reus war der Transfercoup der Saison. Die Fußballfans dürfen sich also auf ein heißes Meisterschaftsrennen freuen, in dem auch der FC Schalke 04 und möglicherweise eine Überraschungsmannschaft, wie es zuletzt die Gladbacher waren, ein Wörtchen mitreden wollen. Es wartet somit eine äußerst spannende Saison 2012/2013 und ganz ehrlich: Es könnte schlimmer sein.

Foto: Der Mannschaftsbus des FC Bayern München

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