Lichtenhagen

Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 gehören zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Proteste gegen Sinti und Roma eskalierten, Häuser wurden angegriffen und in Brand gesteckt, es gab schwere Auseinandersetzungen zwischen Mob und Polizei. Eine schwer verdauliche Geschichte, die an dieser Stelle aus der Perspektive einer fiktiven Person erzählt wird. Eines Zuschauers, der nichts getan und sich trotzdem schludig gemacht hat, auch wenn er das nie wirklich begreifen wollte.

Von Sebastian Binder  

Samstag, 22. August 1992

Der 22. August 1992 ist ein heißer Samstag in Rostock-Lichtenhagen. Obwohl es schon kurz nach 19 Uhr ist, ist die drückende Schwüle immer noch zu spüren. Das T-Shirt von Uwe Z.* klebt an seinem Körper. Eigentlich sollte er vor dem alten Ventilator in seiner kargen Zwei-Zimmer-Wohnung sitzen und sich ein kühles Bier genehmigen, aber dann hat er sich doch entschlossen, nach draußen zu gehen. Er hat in der Ostsee-Zeitung gelesen, dass heute eine „Interessengemeinschaft Lichtenhagen“ eine Demonstration veranstaltet, um auf die unhaltbaren Zustände mit den Sinti und Roma aufmerksam zu machen. Eigentlich hat Uwe nichts gegen Ausländer, ganz und gar nicht, solange sie sich gut integrieren und sich hier ordentlich verhalten, kann er sogar sehr gut mit ihnen leben. Aber was diese Zigeuner in den letzten Wochen und Monaten hier abgezogen haben, ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Sie verrichten ihre Notdurft im Freien, liegen betrunken in den Hauseingängen und sollen es sogar auf den spärlichen Grünflächen miteinander getrieben haben. Kann man das glauben? Verhält man sich so, wenn man irgendwo zu Gast ist? Uwe hat es zwar nicht selbst gesehen, aber er hat es gehört, und zwar von Leuten, denen er vertraut. Langsam muss man als Einheimischer richtig Angst haben, wenn man im Dunkeln draußen herumläuft. Das empfindet nicht nur Uwe so. Als er vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber, oder ZAst, wie die Leute sie nennen, ankommt, hat sich schon eine riesige Menschenmenge davor versammelt. Das „Sonnenblumenhaus“, wie dieser trostlose Plattenbau genannt wird, scheint sich wortwörtlich im Belagerungszustand zu befinden. Die Stimmung ist aufgeheizt bis feindselig, das wird Uwe bereits nach wenigen Minuten klar. Er sieht, wie junge Leute Pflastersteine aus dem Gehsteig herausbrechen und sie auf das Sonnenblumenhaus schleudern, immer wieder skandieren sie dabei „Ausländer raus“. Von den zahlreichen Schaulustigen werden diese Aktionen wohlwollend aufgenommen, immer wieder ist Applaus zu hören. Auch Uwe klatscht hin und wieder mit, wenn ihm eine Parole besonders gut gefällt. Er kann nichts Schlimmes dabei erkennen, sollen die Leute von der Staatsmacht ruhig einmal sehen, dass die Lichtenhagener sich nicht alles bieten lassen. Er holt sich gerade ein Bier an einem der zahlreichen Imbissstände, die weitsichtige Leute organisiert haben, als die Polizei eintrifft. Ein verschreckter Haufen grün gekleideter Beamter stellt sich dem wütenden Mob entgegen. Dass das nicht gut gehen kann, wird Uwe schnell klar. Die Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei eskalieren und Uwe beschließt, sich auf den Nachhauseweg zu machen. Vielleicht geht das dann doch etwas zu weit. Außerdem ist er ziemlich müde.

Sonntag, 23. August 1992

Am Sonntag hört Uwe im Radio, dass die Ausschreitungen in der Nacht nicht nur ein bisschen, sondern richtig eskaliert sind. Wahrscheinlich ging die größere Aggressivität von den jungen Leuten aus, aber auch die Polizei war sicherlich nicht unschuldig an der Eskalation, da ist sich Uwe sicher. Am frühen Nachmittag macht er sich wieder zum Sonnenblumenhaus auf. Er weiß selbst nicht so genau, warum eigentlich, aber als gebürtiger Rostocker empfindet er es irgendwie als seine Pflicht, heute an diesem Ort zu sein. Mittlerweile haben sich vor dem ZAst wieder zahlreiche junge Leute eingefunden. Viele tragen Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel. Uwe kennt diese Leute, in den Medien werden sie „Skinheads“ oder „Neonazis“ genannt. Für Uwe sind es hingegen vor allem frustrierte Jugendliche, die ein Ventil für ihren Ärger suchen. Er kann das in gewisser Weise verstehen, auch er hat von blühenden Landschaften bislang wenig gesehen. Die Parolen, die diese Leute grölen, sind ihm zwar suspekt, aber warum sollte er sie darauf hinweisen? Pubertierende sind schwer von irgendetwas zu überzeugen, aber irgendwann werden sie es auch lernen. Am späten Nachmittag fliegen wieder Steine und Flaschen gegen das Sonnenblumenhaus, einige Skinheads versuchen scheinbar, in das Gebäude nebenan einzudringen. Uwe weiß, dass dort die Vietnamesen wohnen. Gegen die Fidschis hat er eigentlich nichts, sie sind angeblich fleißige Arbeiter, wie er von einem Bekannten gehört hat. Geht diese Sache vielleicht langsam zu weit? Uwe kennt das Wort „Pogrom“, im Geschichtsunterricht wurde es ihnen oft genug unter die Nase gerieben. Aber ist das hier das Gleiche? Sicherlich nicht, versucht sich Uwe einzureden, aber ein leiser Zweifel bleibt in seinen Gedanken haften. Als er die Wasserwerfer der Polizei anrücken sieht, beeilt sich Uwe, heim zu kommen.

Montag, 24. August 1992

Uwe steht etwas verloren auf dem Platz vor dem Sonnenblumenhaus, auf dem sich mittlerweile eine Art Volksfest abspielt. Eigentlich wollte er nicht kommen, aber ein Bekannter hat ihn mitgeschleppt und, ehrlich gesagt, was hätte Uwe auch sonst zu tun? Die ZAst ist bereits evakuiert, was Uwe in gewisser Weise mit Erleichterung registriert, auch wenn er das seinem Bekannten nicht sagt. Die Sonne geht langsam unter und Uwe ist sich sicher, dass sich diese Versammlung bald auflösen wird. Schließlich wurde das Ziel, die Sinti und Roma zu vertreiben, doch erreicht, oder? Das glaubt Uwe immer noch, als er den ersten Molotowcocktail gegen das vietnamesische Wohnheim fliegen sieht. Flammen stechen aus den unteren Etagen, mit jedem weiteren Molotowcocktail wird das Johlen der Menge lauter. Jetzt muss aber Schluss sein, denkt Uwe erschrocken, das geht jetzt wirklich eindeutig zu weit. Wo ist die Polizei, wenn man sie mal braucht? Uwe kann weit und breit keine Beamten erkennen. Er überlegt kurz, ob er zur Telefonzelle gehen und einen Notruf absetzen sollte, aber entscheidet sich dann doch dagegen. Irgendjemand wird das bestimmt schon gemacht haben. Das Haus brennt weiter, aber auch von der Feuerwehr ist nichts zu sehen. Sind noch Leute in dem Gebäude? Uwe hofft, dass dem nicht so ist. Irgendwie fühlt er sich hilflos, sein Bier schmeckt ihm nicht mehr. Ohne sich von seinem Bekannten zu verabschieden, geht Uwe langsam nachhause. Der Lärm, das Grölen, das Zerbersten von Glasscheiben wird allmählich leiser, am Horizont sind nur noch schwache Lichtkonturen in den Schatten der Nacht zu erkennen. Uwe kann lange nicht einschlafen. Ein seltsames Gefühl zirkuliert durch seinen Körper, durch seine Gedanken, aber er kann nicht genau sagen, woher es kommt. Schämt er sich etwa? Obwohl er nichts gemacht hat? Schämt er sich etwa dafür? Das kann eigentlich nicht sein, oder?

Mittwoch, 22. August 2012

Nach den Hitzewellen der letzten Tage ist das Wetter heute eigentlich ganz angenehm, vielleicht regnet es später sogar noch, was Uwe als Erleichterung empfinden würde. Langsam geht er durch Lichtenhagen, gestützt auf seinen Stock, den er seit einer Hüftoperation für längere Spaziergänge braucht. Er weiß, wo er hingeht, wenn auch nicht, warum. Das Sonnenblumenhaus sieht heute fröhlicher aus als damals, keine Frage. Scheinbar wird gerade eine Gedenkveranstaltung oder Ausstellung oder sonst etwas vorbereitet. Uwe hat davon im Radio gehört. 20 Jahre ist diese merkwürdige Geschichte nun her, 20 Jahre, in denen stets ein Schatten über Lichtenhagen zu hängen schien. Uwe gefällt das alles nicht, kann man die Vergangenheit nicht endlich einmal Vergangenheit sein lassen? Haben die Einheimischen nicht schon genug für das gebüßt, was vor 20 Jahren ein paar Chaoten angerichtet haben? Uwe will gerade kehrt machen, als eine Fernsehreporterin mit Mikrofon auf ihn zugelaufen kommt. „Entschuldigung, dürfte ich Ihnen kurz ein paar Fragen stellen?“ Bevor Uwe etwas antworten kann, fährt sie bereits fort: „Sind Sie gebürtiger Lichtenhagener?“ Uwe nickt zögerlich. „Wie haben Sie die Ausschreitungen damals erlebt?“ „Ich…ich habe zu dieser Zeit gar nicht in Rostock gewohnt“, stottert Uwe. „Tut mir leid, junge Frau, aber ich muss jetzt weiter.“ Und damit lässt er die Reporterin stehen. Warum hat er das gesagt? Uwe findet beim besten Willen keine Antwort darauf.

Foto: Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen

Copyright: mc005 zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (GNU-Lizenz)

* Die Figur des Uwe Z. ist frei erfunden. Sie dient der Erzählung der Ereignisse, die sich zwischen dem 22. und 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen abgespielt haben, als illustrierendes Element, um das Geschehen aus einem ebenso subjektiven wie fiktiven Blickwinkel wiederzugeben. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind keineswegs beabsichtigt und einzig dem Zufall geschuldet. Anmerkung des Verfassers

 

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *