Das Frustbook

Früher war es schwer, seinem politischen Frust Gehör zu verschaffen. Doch Facebook sei Dank, endlich gibt es ein Medium, über das man einmal so richtig ablästern kann. Diese Möglichkeit wird von Kommentatoren auf den Fanseiten der Parteien auch gerne genutzt. Doch Vorsicht, Frustkommentator ist nicht gleich Frustkommentator. Man muss hier zwischen verschiedenen Gattungen unterscheiden. Eine Typologisierung.

Von Sebastian Binder  

Man darf von der deutschen Politik enttäuscht sein. Natürlich, das ist das gute Recht eines jeden Einzelnen in einer Demokratie, in der freie Meinungsäußerung herrscht. Es läuft so einiges falsch in der deutschen Politiklandschaft, keine Frage, und daher ist es nur logisch, dass sich eine Menge Leute darüber aufregen. Ob sie das dann zurecht oder zu unrecht machen, sei einmal dahingestellt. Früher war es schwer, seinen politischen Frust an die handelnden Akteure weiterzugeben. Wer schrieb schon gerne Briefe an irgendwelche offiziellen Behörden? Wie oft hatte man die Gelegenheit, einem führenden Politiker in einem Gespräch die Meinung zu sagen? Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei, denn heute gibt es endlich ein Medium, mit dem man seinem Frust schnell, direkt und deutlich Luft machen kann: Facebook. Es ist skurril bis lustig, beängstigend bis erheiternd, was man in den Kommentaren von Facebook-Fanseiten, etwa bei denen der CDU oder der SPD, so alles liest. Auffällig ist dabei aber vor allem eines: Lob für die Parteien oder ihre Politiker kommt in der Regel nicht besonders häufig vor. Stattdessen wird gestänkert, gepöbelt, angeklagt und verurteilt, was das Zeug hält. Es scheint, als hätten die Politikfrustrierten oder solche, die es gerne werden wollen, mit Facebook endlich eine Möglichkeit gefunden, durch die sie ihren Ärger kanalisieren können. Doch Vorsicht, Politikfrustrierter ist nicht gleich Politikfrustrierter. Man muss hier sehr sauber differenzieren. Daher sollen an dieser Stelle einmal drei Typen des frustrierten Facebook-Kommentators vorgestellt werden, der mit der deutschen Politik so gar nicht einverstanden ist. Übrigens: Im Folgenden wird zwar der Lesbarkeit wegen die maskuline Form verwendet, doch selbstverständlich gelten diese Kriterien auch für die Spezies der Facebook-Kommentatorinnen.

Der Halbwissende

Korrekt müsste es eigentlich heißen: Der Halbwissende, der nicht weiß, dass er nur die Hälfte weiß, und sich somit für allwissend hält. Oder eben die Kurzform: Der Halbwissende. Der Halbwissende speist seinen Wissensschatz in der Regel aus Boulevardmedien oder wenigstens ihren Überschriften. Er weiß somit, dass zum Beispiel die Griechenland-Rettung so gar nicht in Ordnung ist, auch wenn er nicht erklären kann, wie der ESM genau funktioniert. Was er hingegen weiß, ist, dass es in jedem Fall um sein Geld als Steuerzahler geht, das von den deutschen Politikern schamlos mit sinnlosen Rettungspaketen verbrannt wird. Wenn er kommentiert, klingt das in der Regel so: „Den Griechen schmeißen wird das Geld hinterher, aber in Deutschland fehlen die Mittel für Schulen. Na schönen Dank, bin ich der einzige, dem auffällt, dass hier irgendetwas schief läuft?“ Hin und wieder vergisst er beim letzten „dass“ auch das zweite „s“, denn selbst wenn er sich bemüht, in korrektem Deutsch zu schreiben, so ist auch er nicht von der grassierenden Dass/das-Schwäche gefeit. Er betrachtet das Kommentieren auf entsprechenden Facebook-Seiten als seine Bürgerpflicht, schließlich muss jemand diese abgehobene Politikerkaste mal darauf aufmerksam machen, dass es so nicht weitergehen kann. Der Halbwissende ist zudem historisch gebildet. Um das zu zeigen, zitiert er des öfteren alte Wahlkampfaussagen der Parteien und konterkariert sie mit den vermeintlichen Zuständen des Heute. Meist versieht er diese Kommentare mit einem „Ha“ oder „Erinnert ihr euch?“, um zu beweisen, wie verlogen die Politik doch ist. Auch wenn er frustriert ist, bemüht sich der Halbwissende dennoch, sachlich und nicht wütend zu kommentieren, denn das würde seinem wissenden Anspruch zuwiderlaufen. Sauer wird er eigentlich nur, wenn niemand auf seine intelligenten Kommentare reagiert, dann kann er wirklich richtig böse werden und Sätze wie „Na, dazu fällt euch wohl nichts mehr ein!“ sind keine Seltenheit. Doch keine Sorge: Einmal auf „Gefällt mir“ geklickt und der Halbwissende hat sich schnell wieder beruhigt.

Der Verschwörungstheoretiker

Der Verschwörungstheoretiker ist eine besonders interessante Spezies der Facebook-Kommentatoren. Er ist sich bewusst, dass er in einem gigantischen Universum aus Lüge und Hinterhältigkeit gefangen ist, in dem nichts so ist, wie es zu sein scheint. Das gilt natürlich vor allem für die Politik. Der Verschwörungstheoretiker weiß, dass Politiker in Wahrheit nur Marionetten sind, die einzig und allein die Interessen von Großkapital, Megakonzernen und ihren Lobbyisten vertreten. Die Tragik seiner Existenz liegt darin, dass die meisten Menschen das einfach nicht kapieren wollen und ihn daher eher belächeln denn ernst nehmen. Dennoch lässt er sich davon nur selten irritieren. Er hat sich den Kampf für die absolute Wahrheit auf die Fahne geschrieben und diesen verfolgt er bei Facebook mit erbitterter Konsequenz. Seine Postings hören sich in der Regel so an: „Die Banken benutzen ihr Kapital zur Ausbeutung der kleinen Menschen. Durch die Anhäufung von immer mehr Geld wollen sie die Arm-Reich-Schere vergrößern, die ihnen im Endeffekt immer größere Macht verleiht. Die Politiker und Bürger werden mit dem Begriff „systemrelevant“ in Geiselhaft genommen, dabei ist dieses „System“ von den Banken selbst erfunden worden. Das System besteht somit aus einer aufoktroyierten Interessenverflechtung, deren Netz letztlich nur Macht und Wohlstand einer kleinen Gruppe garantieren soll. Ist das noch niemandem aufgefallen? Aufwachen, Deutschland!“ Da er sich in der Regel eines komplizierten Sprachduktus bedient, bekommt er für seine Weisheiten häufig viele Gefällt-mir-Klicks, nicht zuletzt vom Halbwissenden. Gerne verlinkt er in seinen Postings zudem Texte und Videos, die seine Thesen unterstützen sollen, um allen zu zeigen, dass immer mehr Menschen die einzig wahre Wahrheit durchschaut haben. Wie er selbst eben. Denn er weiß leider auch, dass Leute, die die absolute Wahrheit kennen, manchmal ganz schön einsam sind.

Der Alleshasser

Er ist der Klassiker auf Facebook-Seiten und er treibt sich nicht nur, aber eben auch auf Politik-Seiten herum. Der Alleshasser ist schon lange nicht mehr zur Wahl gegangen, was würde es bringen bei diesem korrupten Haufen, und beschränkt sein politisches Wirken darauf, der Politik via Facebook mitzuteilen, für wie idiotisch er das alles hält. Das Thema an sich spielt dabei gar keine so große Rolle, „Hauptsache dagegen!“ und „Alles Vollpfosten!“ reichen dem Alleshasser als Begründung für seine Postings. Er ist der König der Frustrierten, die Stimme der Ultra-Verdrossenen und er legt keinen Wert darauf, das vor irgendjemandem zu verheimlichen. In seinen Postings wird er gerne deutlich, um nicht zu sagen „überdeutlich“: „Die scheis Politker stopfen sich ma wieda schön die taschen voll, das sie nur auf iren schnitt kommen, wärend andere leute 50 Stunden in der woche arbeitn und trozdem ihre scheis miete nicht zalen können. Ihr kotzt mich alle so dermasen an, ich kanns gar keinen sagen.“ Grammatik und Orthographie sind dem Alleshasser normalerweise egal, wichtig ist, dass die Botschaft in seinen Kommentaren ankommt, da kommt es auf ein Komma mehr oder weniger auch nicht mehr an. Fuchsig, um nicht zu sagen „scheiswütend“, wird er allerdings, wenn seine Kommentare von den Administratoren gelöscht werden („Darf ma bei disem scheis Facebook jetz gar nix mer schreibn? Meinungsfreiheit am arsch, haha!“). Das hindert ihn allerdings nicht daran, in seinen nächsten Kommentaren wieder ähnlich meinungsstark aufzutreten. Schließlich ist es bei aller Schikane schön zu sehen, dass man nicht der einzig Frustrierte im Internet ist. Ist doch so, oder?

Foto: Screenshot der CDU-Fanpage vom 23. August 2012

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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