Der Held, der keiner war

Lance Armstrong war einst der schillerndste Radprofi aller Zeiten. Sieben Mal gewann er die Tour de France, doch Zweifel, ob er diese Siege auch rechtmäßig errungen hat, gab es schon lange. Nun sieht es danach aus, als würden dem Amerikaner alle Toursiege wegen Dopings aberkannt. Ein schwarzer Tag für den Radsport, doch davon hat diese Sportart in den letzten Jahren nicht nur einen erlebt.

Von Sebastian Binder  

Die Zeiten, in denen Lance Armstrong als Held, als Idol galt, sind schon lange vorbei. Er wurde zur Ikone des Radsports stilisiert, Rekord-Tour-de-France-Sieger, der Mann der die Konkurrenz bei der Frankreichrundfahrt sieben Jahre hintereinander in Grund und Boden fuhr. Unaufhaltsam, wenn er in den Bergen zum entscheidenden Antritt ansetzte und die Gegner resigniert abreißen lassen mussten. Nicht zu schlagen, wenn er beim Zeitfahren durch die Straßen pflügte und sich die anderen Profis lediglich um die Plätze „Unter ferner liefen“ streiten durften. Ein Held, ein Idol, eine Ikone? Sieht man sich an, was in den letzten Jahren in der „Causa Armstrong“ passiert ist, trifft es wohl diese Bezeichnung besser: Ein Betrüger.

Radsport war einmal ein großer Sport. Er war faszinierend, erbittert, umkämpft, große Sportschlachten wurden in den Alpen, in den Pyrenäen geschlagen, triumphale Siege verschmolzen mit desaströsen Niederlagen und die Welt schaute begeistert auf dieses Spektakel. Wer die Tour gewann, hatte sich zeitlebens unsterblich gemacht. Eddy Merckx, Bernard Hinault oder Miguel Indurain sind allen Sportfans ein Begriff, Jan Ullrich löste nach seinem Sieg 1997 einen regelrechten Radsport-Boom in Deutschland aus. Das Jahr 1997 war vermutlich das letzte, in dem der Radsport hierzulande so etwas wie Glaubwürdigkeit ausstrahlte. Gerüchte um, aber auch Belege für Doping im Radsport gab es schon lange, doch die große Erschütterung fand 1998 statt. Während der Tour 1998 wurden beim Spitzenteam Festina große Mengen an Dopingmitteln gefunden. Der „Festina-Skandal“ offenbarte somit erstmals die Praxis des flächendeckenden Dopings und die Glaubwürdigkeit des Radsports war schlagartig angekratzt. Vielleicht hätte diese Affäre ein Weckruf sein können, vielleicht hätte man durch eine konsequente Aufarbeitung und dem Einleiten entsprechender Maßnahmen das Image des Radsports noch retten können. Vielleicht gab es damals sogar Leute, die tatsächlich daran geglaubt haben, dass nach diesem Skandal alles besser werden würde. Das Gegenteil war der Fall. In der Folge kamen immer mehr Dopingsünder ans Licht, nicht zuletzt unter den Spitzenfahrern. Jan Ullrich, Tyler Hamilton, Alberto Contador, Floyd Landis, Alexander Winokurow, sogar der deutsche „Saubermann“ Erik Zabel gab zu, „einmal“ gedopt zu haben. Über allen steht allerdings der Name Lance Armstrong. 2005 kamen erstmals Vorwürfe durch das französische Magazin L‘Equipe auf, dass bereits bei seinem ersten Toursieg 1999 Spuren von EPO in Armstrongs Urin gefunden wurden. In der Folge wurden immer neue Details veröffentlicht, ehemalige Weggefährten wie Landis und Hamilton schilderten die massiven Doping-Praktiken beim Armstrong-Team US Postal und belasteten den siebenfachen Tourchampion stark. Der Beschuldigte selbst bestritt hingegen alle Dopingvorwürfe und schien sogar bis zuletzt damit durchzukommen, obwohl ihm zum Schluss nur noch die wenigsten geglaubt haben dürften.

Der Wendepunkt in dieser Geschichte kam überraschend. Am 23. August 2012 veröffentlichte Armstrong ein Statement auf seiner Homepage, dass er den gerichtlichen Kampf gegen die gegen ihn erhobenen Dopingvorwürfe aufgibt. Faktisch und vor allem juristisch kommt dies einem Schuldeingeständnis gleich, auch wenn Armstrong dies natürlich keinesfalls so verstanden wissen will. Stattdessen schreibt er von einer „Hexenjagd“, von gezielter Verfolgung, die die amerikanische Antidopingagentur USADA gegen ihn praktiziere, um ihn und sein Image zu zerstören. Er selbst habe sich nichts zuschulden kommen lassen, immer brav seine Dopingproben abgegeben und nie sei etwas gefunden worden. Wie allerdings zum Beispiel das EPO in seine Urinproben von 1999 gekommen ist, dazu findet sich nichts in Armstrongs Statement. Die Konsequenz dieser Entscheidung könnte jedenfalls sein, dass ihm von der USADA alle Tour-de-France-Titel aberkannt werden und Armstrong lebenslänglich gesperrt wird, auch für seine neue Leidenschaft Triathlon.

Die „Causa Armstrong“ ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Helden, der möglicherweise niemals ein Held war. Sie erzählt aber ebenso vom Zwang des Gewinnens, von der Sucht nach Siegen, der alles untergeordnet wird, über die Grenzen der Legalität hinaus. Nicht zuletzt erzählt sie dabei vom Niedergang einer einstmals großen Sportart, deren Akteure heute, so unfair das sein mag, stets unter Generalverdacht stehen. Viele Verteidiger des Radsports beklagen, dass das Thema Doping immer zuerst mit den Zweiradfahrern in Verbindung gebracht wird, wenn doch in anderen Sportarten ebenfalls gerne mal „ein bisschen nachgeholfen“ wird, vielleicht sogar beim unantastbaren König Fußball. Das ist einerseits richtig. Andererseits wird hier die Tatsache verkannt, dass in keiner anderen Sportart Doping derart flächendeckend und vor allem derart dreist praktiziert wurde wie im Radsport. Dadurch, dass so viele Topleute dieser Sportart positiv getestet wurden, blieb und bleibt in den Gedanken des durchschnittlichen Fans hauptsächlich folgendes hängen: Spitzenleistungen lassen sich im Radsport nur mit illegalen Substanzen erzielen. Und sieht man sich die jüngere Vergangenheit der Tour de France an, so ist diese Einschätzung möglicherweise und tragischerweise gar nicht so falsch. In den letzten Jahren hat man zwar den Eindruck, dass sich der Radsport wieder in saubereren Bahnen bewegt, doch wird es noch ein weiter, weiter Weg, um dieser besonderen Sportart die strahlende Aura zurückzugeben, die sie einst umwehte. Und so lange weiterhin Topfahrer wie jüngst der Luxemburger Fränk Schleck unter Dopingverdacht geraten, ist dieses erstrebenswerte Vorhaben ohnehin zum Scheitern verurteilt.

Lance Armstrong will sich in Zukunft vor allem der Erziehung seiner Kinder und der Arbeit mit seiner Krebsstiftung widmen. Sicherlich ist das besser so. Vielleicht schafft er es ja auf diesem Gebiet, ein echter Held zu werden.

Foto: Lance Armstrong bei der Tour de France 2004

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