Der Facekalker

Vielen Leuten wird Oliver Kalkofe wahrscheinlich durch sein fernsehkritisches Satireformat “Kalkofes Mattscheibe” ein Begriff sein. Was hingegen nicht ganz so bekannt ist, ist die Tatsache, dass der Comedian eine der besten deutschsprachigen Facebook-Seiten betreibt. Für seine Fans ist die Seite natürlich eine Offenbarung, aber auch Politik und Unternehmen könnten vom 46-jährigen Niedersachsen noch so manches lernen.

Von Sebastian Binder  

Ich weiß nicht mehr so genau, was ich am 18. Juli 2012 alles gemacht habe. Ich weiß nur, dass ich irgendwann durch‘s Internet streunte, ohne ein gewisses Ziel vor Augen zu haben, einfach treiben lassen, vielleicht findet sich etwas Interessantes, Lustiges, Erheiterndes. Natürlich landet man über kurz oder lang bei diesem Buch mit dem weißen F auf blauem Grund und man geht routiniert die Fanseiten seiner bevorzugten Organisationen, Produkte, Marken oder Künstler durch. Ich tat nichts anderes und tatsächlich wurde ich fündig. „Mann, das ist ja mal die beste Nachricht des Tages“, dachte ich und schickte sie sofort an zahlreiche Freunde und Bekannte weiter, die das sicher ähnlich sehen würden. Wie lange hatte ich auf diesen Tag gewartet? Wie oft hatte ich die Hoffnung, dass es bald wieder losgehen würde, nur um dann Jahr für Jahr wieder enttäuscht zu werden? Wie lange? Vier Jahre? Da war ich nun, in diesem Gesichterbuch, und wieder und wieder las ich diese vier Worte: „Kalkofes Mattscheibe ist zurück!“ Endlich, dachte ich, endlich wird dem Fernsehwahnsinn wieder der Kampf angesagt. Ich will nicht behaupten, dass mir Freudentränen über das Gesicht liefen, aber ich hatte den ganzen Tag ein schelmisches Grinsen auf den Lippen.

Aber worauf will ich mit dieser Anekdote, die ich wahrscheinlich nicht als einziger Deutscher an diesem 18. Juli so erlebt habe, eigentlich hinaus? Der Punkt ist, dass ich es auf Facebook gelesen habe, weil ich, wie inzwischen eine Menge andere Leute, mindestens einmal pro Tag auf Kalkofes Facebook-Seite vorbeischaue, um zu sehen, was der Kalkman jetzt wieder aus dem Hut gezaubert hat. Ich bin kein Schleimer, es liegt mir fern, mich Leuten anzubiedern, auch wenn ich Fan von ihnen bin, doch diesen Satz schreibe ich mit dem Respekt eines Menschen, der sich sehr viel mit kreativer Online-Nutzung, vor allem unter dem Aspekt „Soziale Netzwerke“, auseinander gesetzt hat: Oliver Kalkofe betreibt eine der besten und vor allem kreativsten deutschsprachigen Facebook-Fanseiten.

Ich beobachte Kalkofe schon sehr lange im Netz, war vor allem früher häufig auf seiner eigentlichen Homepage, um seine TV-Spielfilm-Kolumne zu lesen oder mir kurze Podcasts anzuhören. Die Website war zwar ganz nett, aber auch nicht bahnbrechend, vom innovativen Standpunkt aus hatte man das alles schon mal gesehen. Was ich also deutlich häufiger machte, war, bei YouTube nach Clips von Kalkofes Mattscheibe zu suchen. Mit der Zeit wurde dies besser und besser, zahlreiche Filme tauchten im Netz auf und man konnte sich stundenlange Playlists mit den besten Szenen zusammenstellen. Doch natürlich kam es, wie es in diesen Dingen so häufig kommt. Es gab wahrscheinlich Urheberrechtsprobleme und die ganzen schönen YouTube-Videos verschwanden nach und nach.

Das war auch die Zeit, als Kalkofe langsam anfing, Facebook intensiver zu nutzen. Ich hatte zu Beginn den Eindruck, als würde Kalkofe diesem Medium etwas skeptisch gegenüber stehen, glaubte mich sogar zu erinnern, dass er sich in Interviews eher ironisch bis abwertend denn wirklich interessiert über die Zuckerberg-Wunderwaffe geäußert hatte. Sollte das tatsächlich so gewesen sein, wich diese Skepsis jedenfalls schnell echter Begeisterung. Kalkofe hat mittlerweile das in Internet-Fachkreisen sehr bekannte „Facebook-Dauerposter-wartet-einen-hab-ich-noch“-Syndrom befallen. Am Anfang wurden, vor allem von den Fans selbst, YouTube-Videos von der Mattscheibe auf der Seite gepostet. Auch Kalkofe fing irgendwann damit an, doch durch die besagten Probleme bei YouTube verschwanden die Videos immer wieder, was zu Frust bei den Fans, aber auch bei Kalkofe selbst führte.

Dem Comedian ist zu diesem Zeitpunkt wohl eines klar geworden: Es gibt bei seinen Fans weiterhin einen unstillbaren Hunger nach Sequenzen aus der Mattscheibe. Er hatte also eine geniale Idee: Er einigte sich mit seiner Produktionsfirma Turbine auf einen Kompromiss, dass die alten Mattscheiben-Clips auf Facebook zugänglich gemacht werden dürfen, solange sie in der YouTube-Suche nicht gefunden werden können (für Laien: Das ist schlichtweg ein ebenso skurriles wie typisches Beispiel für die Realität im Internet). Die Folge war, dass Kalkofe seine Facebook-Fans mit dem mittlerweile doch schon ziemlich großen Fundus an Mattscheiben-Clips beglücken konnte, ohne dass diese wieder verschwanden. Er führte den Daily Kalk ein, postete pro Tag einen Film aus Kalkofes Mattscheibe und die Fans waren begeistert. Wer würde wohl heute im Daily Kalk auftauchen? Kader Loth? Die Brillanten-Tanten? Ich selbst freute mich am meisten, wenn Kalkofe einen Clip postete, den ich noch nicht kannte, was überraschend oft vorkam, auch wenn ich, als Premiere-Fan der ersten Stunde, immer dachte, dass ich bereits alles von Kalkofes Mattscheibe gesehen habe. Kalkofe baute dieses Segment seiner Seite weiter aus, erfand die Kategorie des Daily Kalk XXL, ein besonders langer Mattscheiben-Film, den er zur Belohnung für viele neue „Gefällt mir“-Klicks postete, darunter die Perlen mit den Amigos oder dem Bachelor, die man eigentlich nicht oft genug sehen kann. Das System funktioniert, die „Gefällt mir“-Angaben steigen und für Fans befindet sich auf Kalkofes Facebook-Seite mittlerweile eine gigantische Mediathek, die kaum einen Mattscheiben-Wunsch offen lässt.

Zwar sind die Mattscheiben das Herzstück der Seite, doch Kalkofe beschränkt sich nicht darauf. Er hat verstanden, was viele Parteien und Unternehmen immer noch nicht begriffen haben: Facebook ist auch ein Kommunikationsmedium. Kalkofe nimmt seine Fans ernst, indem er oft Zeit investiert, um auf Fragen zu antworten oder auf Kommentare unter den Postings zu reagieren. So manchem User dürfte erstmal vor Schreck der Atem gestockt haben: „Hat gerade tatsächlich Oliver Kalkofe auf meinen Post geantwortet? Oh, mein Gott, was ist denn hier los?“ Es war tatsächlich Kalkofe selbst, denn im Gegensatz zu manch anderem möglicherweise irgendwie prominenten Mitbürger betreibt Kalkofe seine Fanseite größtenteils in Eigenregie, was die User über die Maßen zu schätzen wissen. Kalkofe benutzt Facebook dabei natürlich auch, um sich und seine neuesten Projekte zu vermarkten. Touren, Hörbücher, Talkshow-Auftritte, Hotte, Madness-Faible, Triple Wixx, Lesungen, Achim, Kolumnen, Radio, oder um es auf einen Nenner zu bringen: Die Kalk-Chronik.

In letzter Zeit hat der 46-Jährige noch einen dritten, nicht zu unterschätzenden Aspekt von Facebook für sich entdeckt: Das Netzwerk als Kommentarwerkzeug. Er nutzt die Fanseite also, um seine Sicht der Dinge zu gewissen Themen oder Ereignissen darzulegen, was bei mittlerweile über 21.000 „Gefällt mir“-Angaben (Stand: 28. August 2012) durchaus eine nicht zu unterschätzende Form von Aufmerksamkeit produziert. Unter Fans sehr beliebt sind zum Beispiel seine Kommentare während der Fußball-EM, in denen er mit kalkofschem Witz die Spiele selbst, aber auch das Drumherum aufs Korn nahm. Es hatte sogar den Anschein, als hätte Kalkofe, früher nicht unbedingt als Fußball-Fanatiker aufgefallen, plötzlich seine Liebe zum runden Leder entdeckt. Auch seine Kommentare während der Olympia-Abschlussfeier, als Kalkofe die ARD-Kommentatoren via Facebook heftig kritisierte, sorgten für Aufsehen im Netz und brachten ihm sogar einen Artikel auf der Website der Financial Times Deutschland, die normalerweise nicht regelmäßig über Oliver Kalkofe berichtet. So sieht gelungene Facebook-Nutzung eben aus.

Was will ich mit diesem Text eigentlich sagen? Ganz einfach: „Ich hoffe, dass Kalkofes Facebook-Seite weiterhin so abwechslungsreich bleibt und seine Fan-Gemeinde weiter wächst.“ Aber vor allem durch die neue Mattscheibe-Staffel, die im Oktober auf Tele 5 startet, sollten diese beiden Hoffnungen gesichert sein.

Hm, wenn ich mir das hier so durchlese, ist das einer der positivsten Texte, die ich seit langer Zeit geschrieben habe, was normalerweise so gar nicht meine Art ist. Irgendwie muss ich das durch den Schluss noch abschwächen: „Ich mag es hingegen gar nicht, Herr Kalkofe, wie Sie sich ständig über die Zone und ihre früheren Bürger lustig machen!“ Okay, erwischt: „Das war gelogen…“

Foto: Screenshot der Facebook-Seite von Oliver Kalkofe vom 28. August 2012

 

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4 thoughts on “Der Facekalker

  1. Moin,

    ein wirklich sehr schöner Text, den Du geschrieben hast. Leider gelingt es Dir nicht deine Vorliebe zu Oliver Kalkofe zu verbergen, wie es sich für einen kritischen Fan gehört 😉

    • Danke. Ja, ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben, aber mir ist dummerweise nichts eingefallen, was ich an Kalkofe nicht leiden kann 😉

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