Romney, Reden, Ratlosigkeit

Mitt Romney ist nun auch offiziell der Präsidentschaftskandidat 2012 der Republikaner. In einer pompösen Inszenierung in Tampa, Florida, wurde die Kür vollzogen. Im Ausland registrierte man zwar den schönen Schein, doch auf inhaltlicher Ebene wird weiterhin gerätselt, wofür der 65-Jährige eigentlich steht. Der US-Wahlkampf geht nun in die heiße Phase, spannend wird es vor allem, wenn Romney direkt auf Barack Obama treffen wird.

Von Sebastian Binder  

Auf Deutsche wirkt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf wahrscheinlich oft befremdlich. Diese pompösen Inszenierungen, dieses hysterische Gekreische, aber auch diese hin und wieder beinahe schmutzige Niveaulosigkeit lassen den Leuchtturm der Demokratie hierzulande oftmals in einem seltsamen Licht erscheinen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Wahlkämpfe in Deutschland so anders geführt werden, dass sie im Vergleich zu den USA so unglamourös, fast bieder wirken, was letztlich natürlich auch eine Geldfrage ist. Schließlich überschreitet das Budget des US-Wahlkampfs in der Regel das Bruttoinlandsprodukt eines Dritte-Welt-Landes, Summen, mit denen die deutschen Wahlkämpfer, vielleicht muss man sagen: Zum Glück, nicht mithalten können.

Wahlkampf ist immer Inszenierung, das gilt nicht nur für die USA. Es geht darum, prägnante Botschaften für die potentielle Wählerklientel in möglichst schöner Verpackung zu präsentieren. Nicht wenige Leute sind der Ansicht, dass die Amerikaner die Meister dieser Inszenierung sind, was einerseits wiederum mit Geld zusammenhängt, andererseits aber auch an ihrem Ideenreichtum hinsichtlich Kreativität und Originalität liegt. In diesen Kategorien sind die Amerikaner den Deutschen Lichtjahre voraus, was einem schnell klar wird, wenn man etwa amerikanische mit deutschen Online-Kampagnen vergleicht.

Sieht man sich nun den Parteitag der Republikaner in Tampa, Florida, an, wird einem bewusst, was die Amerikaner unter einer „perfekten Inszenierung“ verstehen. Drei Tage lang wird auf den Höhepunkt der Zeremonie, die Rede des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, hinexerziert. Zahlreiche Größen aus Partei, aber auch dem Showbusiness wie etwa Hollywood-Ikone Clint Eastwood spielen den Einheizer, bringen die Delegierten in Wallung, bis dann in einer beispiellosen Verdichtung der Choreographie Romney selbst auf die Bühne tritt. In den USA ist es ganz normal, dass sich auch Romneys Ehefrau Ann Lois für dieses Spektakel einspannen lässt, die in Tampa dazu berufen war, vor allem die menschliche Seite ihres Mannes hervorzuheben. Kann sich jemand hierzulande vorstellen, wie Joachim Sauer vor einem Millionenpublikum davon erzählt, dass ihm seine Ehefrau Angela Merkel abends gerne mal einen schönen Brokkolieintopf kredenzt und wie sehr er diese Momente trauter Zweisamkeit doch zu schätzen weiß? Zugegeben, interessant bis lustig wäre ein derartiger Auftritt sicherlich mal, doch passieren wird er höchstwahrscheinlich nicht. In den USA sind derartige Nummern dagegen „Business as usual“, die menschliche, persönliche Komponente eines Kandidaten steht vielmehr im Vordergrund als in Deutschland, was natürlich auch mit dem amerikanischen Wahlsystem zu erklären ist.

Indes, so sehr man die Inszenierung bestaunen kann, inhaltlich hat der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf nicht viel zu bieten. Dies zeigte nicht zuletzt die mit Spannung erwartete Rede Romneys. So sehr die Amerikaner seine Lebensgeschichte interessiert, die er in dieser Rede ausführlich ausbreitete, und so wichtig dies für sein Image bei den Wählern sein mag, für das Ausland klang das eher banal denn tatsächlich aufschlussreich. Er wolle „zwölf Millionen neue Arbeitsplätze“ schaffen, so Romney. Wie das gehen soll, ließ er allerdings offen. Die Gesundheitsreform von Barack Obama muss selbstverständlich kassiert werden, wie es sich für einen guten Republikaner gehört. Er schickte zaghafte Warnungen Richtung Iran und Russland, doch vor allem außenpolitisch rätseln die Menschen auf dieser Welt, wofür der bekennende Mormone eigentlich steht. Der vielleicht bemerkenswerteste Satz Romneys, der bei so manchem realistischem Menschen auf diesem Planeten Bauchschmerzen verursacht haben wird, war daher dieser: „Präsident Obama hat versprochen, den Pegel der Weltmeere zu senken. Ich verspreche hingegen, etwas für die amerikanische Familie zu tun.“ Großer Jubel im Saal. Interpretation: Nebensächlichkeiten wie dieser obskure Klimawandel interessieren Romney eher am Rande, sollte er Präsident sein. Es ist doch schön, wenn es ein, zwei Grad wärmer wird und diese komischen Gletscher braucht sowieso kein Mensch. In Tampa kam diese Aussage richtig gut an, der heftige Tornado, der die Stadt kurz zuvor erschüttert hatte, war zu diesem Zeitpunkt längst vergessen.

Und so tritt für die Republikaner 2012 ein Kandidat zur Wahl an, der nicht nur in Deutschland seltsam konturlos erscheint und über den somit eher negativ denn positiv berichtet wird, was sicherlich auch mit der weiterhin stark verbreiteten Obama-Begeisterung in der deutschen Presselandschaft in Verbindung gebracht werden kann, selbst wenn die Bilanz des Amtsinhabers nicht gerade strahlend ist. Romney kann aus der Schwäche Obamas kein wirkliches Kapital schlagen. Der Präsident bietet seinem Gegner dabei zahlreiche Angriffsflächen, vor allem im wirtschaftlichen Bereich, dem laut Umfragen mit Abstand wichtigstem Wahlkampfthema für die Amerikaner. Doch Romney hat Schwierigkeiten, seine unbestrittene Kompetenz auf diesem Gebiet gegen Obama auszuspielen. Viele Wahlbeobachter sind der Ansicht, dass dies hauptsächlich dem fehlenden Charisma Romneys geschuldet ist, dass der so gerne zitierte „Funke“ einfach nicht überspringen will. Deshalb sehen die republikanischen Wahlkampfstrategen den drei anstehenden Fernsehdebatten zwischen Romney und dem brillanten Rhetoriker Obama bereits mit großer Sorge entgegen. Nicht wenige sind der Meinung, dass die Wahl in diesen drei Duellen entschieden wird. Romney hat sich zuletzt einige Patzer in der Öffentlichkeit geleistet, in den Fernsehdebatten könnten derartige Ausrutscher fatale Folgen haben und das momentane Kopf-an-Kopf-Rennen für Obama entscheiden.

Es wird interessant zu sehen sein, wie sich der US-Wahlkampf weiter entwickelt. Doch man muss kein Hellseher sein, um folgendes zu prophezeien: Es wird auf jeden Fall ein lautes, hysterisches, manchmal schmutziges Spektakel werden. Die Deutschen sollten genau zusehen. Vielleicht lässt sich ja so manche Lehre und Erkenntnis auch auf den Bundestagswahlkampf 2013 anwenden.

Foto: Mitt Romney (links) mit seinem designierten Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan

Copyright: monkeysz_uncle zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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