Fußball und Hass

Der Fall “Kevin Pezzoni” erschüttert die deutsche Fußball-Welt. Er ist ein weiteres tragisches Beispiel dafür, wenn aus der schönsten Nebensache der Welt plötzlich bitterer Ernst wird. Der frühere Spieler des 1. FC Köln, sah sich gezwungen, seinen Vertrag mit dem Verein aufzulösen, nachdem er nicht nur virtuell, sondern auch in der Realität bedroht wurde. Wieder einmal zeigt sich, wohin blinder Hass im Fußball führen kann.

Von Sebastian Binder  

Auch ich bin fanatischer Fußball-Fan. Auch ich werde manchmal ausfallend, wenn die Spieler meiner Mannschaft drei Großchancen hintereinander versieben. Auch ich bekomme die Krise, wenn sich meine Mannschaft durch einen dummen Abwehrfehler ein noch dümmeres Gegentor fängt. Auch mich packt die Wut, wenn ich das Gefühl habe, dass die Spieler nicht alles für meinen Verein geben. Auch ich bin fanatischer Fußball-Fan. Mit allen unsympathischen Begleiterscheinungen, die diese Lebenseinstellung mit sich bringt.

Doch auch ich bekomme es mit der Angst zu tun, wenn ich sehe, wie fanatische Vereinstreue in blinden Hass umschlagen kann. Der Fall des ehemaligen Kölner Spielers Kevin Pezzoni hat wieder einmal gezeigt, welche Macht die emotionale Kraft des Fußballs auf die Gemüter der Menschen hat. Wie aus der schönsten Nebensache der Welt ein weiteres Mal bitterer Ernst wird. Man muss als Fan nicht immer zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft sein. Wenn ein Spieler schlecht spielt, dann ist es das gute Recht eines jeden Anhängers, diesen Spieler dafür zu kritisieren. Das Internet ist das perfekte Medium dafür, Facebook die Plattform aller Frustrierten. Nahezu jeder Profifußballer betreibt mittlerweile eine eigene Fanseite in diesem Netzwerk, nahezu jeder Profifußballer bekommt in diesem Medium sein Fett weg, wenn er nicht so spielt, wie sich die eigenen Fans das vorstellen. Man mag das gut oder schlecht finden, doch es ist eben digitale Realität. Der „Shitstorm“ dürfte mittlerweile den meisten Fußballern ein Begriff sein, vor allem wenn sie nicht so auftreten, wie das von ihnen erwartet wird. Als Fan kann ich das nachvollziehen, als Fan kommt man sich schnell verarscht vor, wenn es nicht läuft, und der aufgestaute Frust muss irgendwann hinaus. Facebook als therapeutische Maßnahme für enttäuschte Anhänger.

Frust und Enttäuschung gehören zum Fußball dazu, sie sind ebenso integraler Bestandteil des Spiels wie des Fan-Daseins. Doch was im Fußball absolut nichts zu suchen hat, ist Hass. Ich bin nicht naiv. Ich weiß leider, dass Hass ein weiterer integraler Bestandteil des Fan-Daseins ist, auch wenn dieser Feststellung eine düstere Bitterkeit inne wohnt. Man hasst den Erzrivalen, den Derbygegner, man hasst die unbeholfene Spielweise der eigenen Mannschaft, man hasst die Schiedsrichter, man hasst die vermeintliche Ungerechtigkeit in diesem Spiel, die immer nur das eigene Team betrifft. Das dunkelste aller menschlichen Gefühle ist im Fußball allgegenwärtig und manchmal bin ich selbst nicht sicher, ob ich mich seinem Bann entziehen kann, wenn ich zusehe, wie 22 Leute einem Ball hinterher jagen. Der Fußball macht es einem leicht, sich dem Hass hinzugeben und dieser Verlockung erliegen nicht wenige.

Vielleicht könnte man das sogar akzeptieren, vielleicht könnte man sagen, dass das noch irgendwie toleriert werden kann, solange niemand zu schaden kommt, auch wenn es mir als Mensch schwer fällt, diesen Satz überhaupt zu schreiben. Doch der Fußball ist über diesen Punkt leider längst hinaus. Der Fall Pezzoni hat gezeigt, wie aufgestauter Frust in Wut umschlägt, wie virtueller Hass zu gefährlicher Wirklichkeit wird. Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, um mir auf Facebook Kommentare über Kevin Pezzoni durchzulesen. Mir drehte sich dabei schnell der Magen um. Man solle ihm die Beine brechen, damit er dem FC nicht weiter schaden könne. Man solle ihn erschießen, vor Gericht könne das als Notwehr ausgelegt werden. Es sind diese Momente, in denen ich an meiner Lieblingssportart zu zweifeln anfange. Macht der Fußball die Menschen verrückt? Macht sie ihr Hass so blind, dass sie nicht begreifen, dass sie hier einen 23-jährigen Menschen bedrohen, der doch eigentlich nur für seinen Verein Leistung bringen will?

Pezzoni mag in den ersten Zweitligaspielen des 1. FC Köln schlecht agiert haben, das kann passieren, das führt zu Frust und Enttäuschung bei den Fans, das ist soweit nicht ungewöhnlich. Der Spieler wird beim nächsten Verlesen der Mannschaftsaufstellung ausgepfiffen und spätestens dann hat er begriffen, dass die Fans mit seinen letzten Auftritten nicht einverstanden waren. Wenn ich dann aber höre, dass Unbekannte Pezzoni aufgelauert, dass sie ihn nicht nur virtuell, sondern real bedroht haben, dann stelle ich mir manchmal die bange Frage, wohin das alles noch führen soll. Muss irgendwann ein Fußballspieler in diesem Land sterben, weil er einen wichtigen Elfmeter verschossen hat? Zugegeben, das ist die letzte Eskalationsstufe eines drastischen Szenarios und man kann nur hoffen, dass sie niemals eintreten wird. Doch die Geschichte zeigt, dass blinder Hass auch die abwegigsten Szenarien schon einmal zur Wirklichkeit werden lassen hat.

Ich kann verstehen, dass Kevin Pezzoni seinen Vertrag mit dem 1. FC Köln aufgelöst hat. Ich kann verstehen, dass ein junger Mann nicht in einer Welt aus Hass und Angst leben will. Ich kann nur hoffen, dass er einen neuen Verein findet, bei dem er sich nicht vor den eigenen Anhängern fürchten muss. Das schreibe ich als Mensch. Und als Fußball-Fan.

Nun wird natürlich wieder viel darüber gestritten, wie man derartige Ereignisse in Zukunft vermeiden kann. Man diskutiert über Strafverfolgung und Stadionverbote, allein: Das alles wird das Problem nicht lösen. Man muss sich immer vor Augen halten, dass für viele Leute Fußball mehr als nur ein Spiel ist, für nicht wenige ist er sogar Lebensinhalt Nummer eins. Viele Fußball-Fans betrachten schlechte Leistungen der Spieler als einen Angriff auf ihre eigene Lebensqualität, als persönliche Beleidigung, was zu einer Form von Hass führt, die man weder mit Strafen noch mit Verboten unter Kontrolle bringt. Man kann den Fußball dabei nicht einfach entemotionalisieren, das sollte man sogar nicht, auch wenn ihn das in manchen Fällen sicherlich weniger gefährlich machen würde. Vielleicht sollte sich so mancher Fan einfach vor Augen halten, dass hinter jedem Fußballspieler auch ein Mensch steckt, den man als solchen behandeln sollte. Dieser Satz mag naiv klingen und wenn man ihn auf die Realität münzt, ist er das wahrscheinlich auch. Doch warum sollte ich die Hoffnung aufgeben, dass Fußball auch ohne Hass, Angst und Gewalt existieren kann? Mir gefällt dieser Gedanke, selbst wenn er niemals Wirklichkeit werden sollte. Auch ich bin fanatischer Fußball-Fan. Und auch ich werde nicht schweigend dabei zusehen, wenn mir mein Lieblingssport kaputt gemacht wird.

Foto: Der frühere Kölner Spieler Kevin Pezzoni

Copyright: Tomas Caspers zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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