Der bayerisch-westfälische Superlativ

Der schwarz-gelbe Westen trifft auf den roten Süden. Nein, es geht hier nicht um ein politisches Missverständnis, sondern um Fußball. Genauer gesagt um Borussia Dortmund und den FC Bayern München. Zweimal wartet dieses “Fußballfest” noch auf die Freunde des rollenden Balls. Himmelhochjauchzend und zutiefstbetrübt werden an diesen beiden Tagen extrem nah beeinander liegen. Nur für wen?

Von Sebastian Binder  

Die Berichterstattung im deutschen Fußball ist selten arm an Superlativen. Hat irgendjemand mitgezählt, wie viele „Gigantenduelle“, „Knallerspiele“, „Gipfeltreffen“ oder „Das-Beste-vom-Besten-hast-du-nicht-gesehen-Aufeinandertreffen“ es in der Historie schon gegeben hat? Auch in dieser Saison werden uns die Superlativ-Phrasen nicht erspart bleiben, was nichts Schlechtes ist, um das nicht falsch zu verstehen. „Schuld“ daran sind vor allem zwei Mannschaften, um die es hier überraschenderweise gehen soll. In der roten Ecke, mit einem Kampfrekord von 22 Meisterschaften, 15 Pokalsiegen und 8 internationalen Titeln, der Herausforderer FC „Mia san mia“ Bayern München. Ihm gegenüber, in der gelben Ecke, mit einem Rekord von 7 Meisterschaften, 2 Pokalsiegen und 3 internationalen Titeln, der amtierende Champion Borussia „Die Nummer eins im Pott sind wir“ Dortmund. Zweimal wird es in der laufenden Saison noch zu diesem „Kracherspiel“ kommen. Grund genug, sich zu fragen, wer am Ende die Nase vorn haben wird. Wird einer der Kontrahenten am Ende mit zwei Titeln und der andere mit leeren Händen und als großer Verlierer dastehen? Oder teilt man sich die Titel halb-salomonisch auf, so dass am Ende jeder von einer „gelungenen Saison, mit der man mehr als zufrieden sein kann“ sprechen darf? Der letzte Satz gilt wohl eher für die Borussia, denn in München würde man es wohl als nationale Katastrophe betrachten, wenn die Bayern zum zweiten Mal in Folge nicht deutscher Meister werden. Es sei denn, die Champions League wird in der heimischen Arena gewonnen. Doch das ist eine andere Geschichte. Zwei Daten sollte sich der gemeine Fußballfan in den kommenden Wochen rot-gelb anstreichen, und das gilt nicht nur für die Anhänger aus dem Süden und dem Westen:

11. April 2012: Tag der Entscheidung oder Tag der neuen Spannung?

Nehmen wir im Nostradamus-Stil einmal an, dass sich die Tabellenkonstellation in der Bundesliga bis zu diesem brisanten Mittwoch nicht weltbewegend verändert hat. Dortmund führt immer noch mit fünf Punkten Vorsprung auf die Bayern. Für die Münchner ist die Marschroute somit klar: Ein Sieg muss her, um jeden Preis. Sollte dies gelingen, dann wäre das Meisterrennen wieder offen, aufgrund des besseren Torverhältnisses würde den Bayern, weitere eigene Siege vorausgesetzt, ein Unentschieden-Ausrutscher der Borussen zum Titel reichen. Der momentane Trend neigt sich in Richtung des Rekordmeisters. „Wir sind derzeit einen Tick besser drauf als Dortmund“, sagte Bayerns Mittelfeldmotor Toni Kroos gegenüber Sport1.de. Eine klare „Mia-san-mia“-Kampfansage klingt jedoch anders, denn auch Kroos weiß, dass „momentane Trends“ im schnelllebigen Fußballgeschäft schon nach 90 Minuten wieder beendet sein können. Und wahrscheinlich nagt noch etwas anderes im bayerischen Elefantengedächtnis: Die 0:1-Niederlage in der Allianz Arena gegen die Elf von Jürgen Klopp aus der Hinrunde. Auch zu diesem Zeitpunkt schienen die Bayern nahezu unbesiegbar zu sein. In Expertenrunden wurde nicht mehr über das „Ob“, sondern nur noch über das „Wann“ des Münchner Titelgewinns diskutiert. Die Dortmunder belehrten die deutsche Fußballwelt eines besseren. Und die Münchner mussten zähneknirschend zugeben, dass man den Champion von 2011 auch in dieser Saison auf der Rechnung haben sollte. Was sich, wie man heute weiß, bewahrheitet hat. Zurück zum „Megaspektakel“ am 11. April. Schauplatz ist die Dortmunder Festung mit dem malerischen Namen „Signal Iduna Park“. Knapp 80.000 schwarz-gelbe Anhänger erwarten den Rekordmeister hier und man kann davon ausgehen, dass der Empfang alles andere als herzlich sein wird. Noch immer spricht in Dortmund kaum jemand von der Titelverteidigung. Regelrecht genervt reagiert man dort auf die Frage nach dem achten Triumph. „Ist mir wurscht!“ blaffte BVB-Trainer Klopp unlängst im Spiegel, um dann nicht weniger angefressen nachzuschieben: „Diese Frage jetzt immer, wollt ihr Meister werden, die ist so doof.“ Einerseits kennt man diese Form des Understatements ja aus der letzten Saison. Und andererseits dürfte die Wollt-ihr-Meister-werden-Frage spätestens mit einem Dortmunder Sieg an diesem Super-Mittwoch beantwortet sein. Was bei einem Unentschieden passiert? Darauf ein kaiserliches „Schaun mer mal“.

12. Mai 2012: Das Alles-oder-nichts-Gefühl

Es gab einmal eine Zeit, da war der DFB-Pokal so etwas wie die hässliche Schwester der Bundesliga. Gut, man ging mit ihr aus, aber eigentlich wollte man sich doch lieber um ihre hübschere Verwandte kümmern. Wenn die Verabredung daneben ging, was man in diesem Fall als „Ausscheiden“ bezeichnen würde, wurde das mit einem Achselzucken registriert, Hauptsache mit der attraktiven Schwester klappt’s. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, der DFB-Pokal wird ernster denn je genommen, manifestiert im zigtausendfachen Schrei „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Und so steht nicht zu befürchten, dass Bayern oder der BVB das Spiel auf die leichte Schulter nehmen werden. Bis zu diesem 12. Mai wird eine Menge passieren, keine Frage. Für die Münchner kann der Optimalfall eingetreten sein: Deutscher Meister und sie stehen im Champions-League-Finale. Der DFB-Pokal wäre dann eine schöne Randnotiz, um die Saison noch zusätzlich zu veredeln. Oder es kommt zum ebenso möglichen Worst-Case-Szenario: Die Meisterschaft erneut verspielt und am 19. Mai kann man sich in der Allianz Arena Real Madrid gegen den FC Barcelona anschauen. Der DFB-Pokal wäre dann der letzte Notnagel, um einer missratenen Saison doch noch einen Hauch Positives abgewinnen zu können. Für die Dortmunder stellt sich die Lage nicht ganz so dramatisch dar. Sollte es nicht zur Meisterschaft reichen, könnte man durch den Pokalsieg den zweiten Titelgewinn binnen zweier Jahre feiern. Wer hätte das den Schwarz-Gelben vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich zugetraut? Hätten sie allerdings die Schale verteidigt, dann könnten mit einem Pokalsieg die Bayern vollends gedemütigt werden. Die Frage nach der aktuell besten deutschen Mannschaft wäre vorerst beantwortet, und die so übermächtig erscheinenden Südkicker müssten diese bittere Pille schlucken. Wie die Konstellation an diesem Samstag im Berliner Olympiastadion auch aussehen mag, motiviert dürften die Spieler beider Mannschaften sein, so oder so. „Nach 2008 haben wir die Möglichkeit, den Pokal wieder nach Dortmund zu holen“, diktierte BVB-Kapitän Sebastian Kehl den Journalisten in die Blöcke. „Die Chancen stehen 50:50.“ Der bayerische Elfmeterheld vom Halbfinale Manuel Neuer sieht das naturgemäß etwas anders: „Es ist das Duell der derzeit besten deutschen Teams und selbstverständlich will ich meinen Titel verteidigen“, sagte der Pokalsieger von 2011, damals noch im Schalker Trikot, laut fcbayern.de, um dann natürlich noch in bester Superlativ-Manier nachzuschieben: „Das wird ein richtiger Kracher.“

So viel steht einmal fest. Die Zeit der großen Gewinner und Verlierer hat ein für allemal begonnen. Der Superlativ wartet schon.

Foto-Copyright:

Signal Iduna Park (oben): Dimitrij Rodionov zur Verfügung gestellt von Wikimedia

Allianz Arena (unten): Guido Radig zur Verfügung gestellt von Wikimedia

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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