Traum und Wirklichkeit

Barack Obama ist 2008 mit großen Hoffnungen in seine erste Amtszeit gestartet. Nicht wenige haben sich vom ersten afro-amerikanischen Präsidenten der USA eine Wende der Welt zum Besseren erwartet. Vier Jahre später sind diese Hoffnungen einer nüchternen Realität gewichen, nicht zuletzt beim Amtsinhaber selbst. Seine Rede beim Nominierungsparteitag der Demokraten verdeutlicht diese Erkenntnis einmal mehr.

Von Sebastian Binder  

Vielleicht verkörpert den amerikanischen Traum niemand besser als Barack Obama. Diesen so oft zitierten Traum, dass für jeden alles möglich ist. Diesen Traum, dass es jeder und jede bis ganz nach oben schaffen kann. Doch mittlerweile gibt es auch die andere Seite des amerikanischen Traums, das Gefühl, dass dieser Traum seine Unschuld verloren hat. Dass dieser Traum Beschränkungen unterliegt, dass er eigentlich nie so ist, wie man ihn sich tatsächlich erträumt hat. „I had a dream“, ich hatte einen Traum, womöglich ist es dieser Satz, der die Präsidentschaft Obamas am besten charakterisiert. Man erinnert sich gerne zurück an die Euphorie, die im Jahre 2008 nach der Wahl Obamas zum ersten afro-amerikanischen Präsidenten herrschte, nicht nur in den USA, auch im Ausland. „Yes, we can“, war wahrscheinlich der am häufigsten zitierte Satz der Welt, jeder wusste, was damit gemeint ist. Welchen Satz sollte man dagegen heute mit Obama in Verbindung bringen? „Yes, I tried“, ja, ich habe es versucht? Aber bin gescheitert? Dieser Zusatz wäre wohl übertrieben, vielleicht sogar unfair.

Die Erwartungen an Obama waren von Anfang an zu hoch, denn man hatte nicht selten den Eindruck, als sollte dieser charismatische Mensch die Welt ganz allein retten, alle Kriege beenden, die Religionen miteinander versöhnen, Armut und Hunger ein Ende bereiten, für Gerechtigkeit und Wohlstand allerortens sorgen. Auch der vermeintlich mächtigste Mann der Welt kann dies nicht vollbringen, auch der mächtigste Mann der Welt muss irgendwann einsehen, dass Träume und Wirklichkeiten auf dieser Erde nur in Ausnahmefällen deckungsgleich sind. Nicht selten fällt daher das Wort „Enttäuschung“, wenn über die knapp vierjährige Regierungszeit Obamas berichtet wird, nicht selten ist es zu hören, wenn frühere Obama-Anhänger über „ihren“ Präsidenten sprechen.

Dabei ist es nicht so, als hätte Obama nichts erreicht während seiner ersten Amtszeit. Er hat die Kampftruppen aus dem Irak abgezogen, eine Gesundheitsreform auf den Weg gebracht, die amerikanische Autoindustrie wohl vor dem endgültigen Kollaps bewahrt. Andere seiner früheren Projekte sind dagegen auf der Strecke geblieben, zermalmt in den Mühlen der amerikanischen und der Welt-Politik, aber vielleicht auch gescheitert am fehlenden Mut und Durchsetzungsvermögen Obamas selbst. Das Gefangenenlager in Guantanamo existiert immer noch, von einer Schließung ist mittlerweile keine Rede mehr. Des Weiteren führt Obama einen düsteren Schattenkrieg mit unbemannten Drohnen gegen den Terror. In den Grenzregionen zwischen Afghanistan und Pakistan ist der ferngesteuerte Tod allgegenwärtig, das Sterben auf Knopfdruck ohne Anklage und Verhandlung Teil der täglichen Wirklichkeit. Können das die Maßstäbe eines Friedensnobelpreisträgers sein? Obama wollte zudem sein Land versöhnen, doch im Jahr 2012 erscheinen die USA gespaltener denn je. Nicht zuletzt wollte er aktiv gegen den Klimawandel vorgehen, aber auch dieses Versprechen scheint im Rauch der amerikanischen Industrieschlote verschwunden zu sein.

Und so tritt am 7. September 2012 ein Mann auf die Bühne in Charlotte, North Carolina, der weiß, dass er nicht mehr der strahlende Hoffnungsträger von vor vier Jahren ist. Der weiß, dass sein „Wind of change“ schon lange zu einem lauen Lüftchen abgeklungen ist. Es wird viel darüber geschrieben, wie sehr Obama äußerlich gealtert ist in den letzten vier Jahren. Doch man hat den Eindruck, dass er auch innerlich gealtert ist, dass aus dem mitreißenden Sympathieträger von einst ein weitestgehend desillusionierter Pragmatiker geworden ist. Seine Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten bestätigt dies in gewisser Weise. „Ich bin nicht mehr Kandidat, ich bin Präsident der Vereinigten Staaten“, sagt Obama und Jubel brandet auf. Vielleicht haben die Delegierten in diesem Moment zu früh gejubelt, vielleicht hätten sie zwei Sekunden darüber nachdenken sollen, wie dieser Satz auch gemeint hätte sein können. Denn aus diesem Satz klingt neben Stolz ein wenig Resignation heraus, womöglich resultierend aus der Erkenntnis, dass seine Visionen von früher sich nicht in die Realität haben transformieren lassen.

Barack Obamas Rede auf dem Parteitag der Demokraten

Auffallend ist ebenfalls ein rhetorischer Trick, dessen Obama sich des Öfteren in seiner Rede bedient. Er spricht weniger von sich selbst, sondern verwendet die Personalpronomen häufig im Plural, „Wir, Ihr, Euch, Uns“, als wolle er auf diese Weise von seiner Person ablenken. Dennoch kann man Obama nicht absprechen, dass er in seiner Rede sehr viel konkreter wurde als sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney auf dessen Nominierungsparteitag. Obama will das Staatsdefizit reduzieren, die US-Truppen 2014 aus Afghanistan abziehen, dadurch frei gewordene Gelder in Bildung investieren, das Steuersystem gerechter machen und ja, auch den Klimawandel nachhaltiger bekämpfen. Schöne Worte, man wird sehen, was davon übrig bleibt, sollte der 51-Jährige wiedergewählt werden. Denn das Vertrauen in Obama hat in den letzten vier Jahren ebenfalls schweren Schaden genommen, seine Glaubwürdigkeit ist nicht nur in den USA, sondern auch im Ausland stark angekratzt. Wirtschaftlich, dem wichtigsten Wahlkampfthema, verspricht Obama „eine Million neue Industriejobs“, zumindest das klingt realistischer als die zwölf Millionen neuen Jobs, die sein Konkurrent Romney aus dem Hut zaubern will.

Letztlich schwört Obama die Amerikaner darauf ein, dass sie am 6. November eine Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Wegen für ihr Land treffen müssen, die die Nation für eine lange Zeit prägen werden. Das ist selbstverständlich richtig, aber wohin diese Wege schlussendlich führen könnten und werden, das wagt nicht einmal Obama mit letzter Sicherheit zu prophezeien, nur so viel: „Unser Weg wird an einen besseren Ort führen.“ Am Ende seiner Rede erklingt schließlich vor allem ein Wort: „Hoffnung“. Ein schönes Wort, ein großes Wort. Doch woher schöpft der Präsident diese Hoffnung? Natürlich: „Ihr, die Bürger der USA, verleiht mir diese Hoffnung.“ Am 6. November wird sich zeigen, ob sie berechtigt war. Ob es für Obamas amerikanischen Traum eine Fortsetzung gibt.

Foto: Barack Obama

Copyright: Elisabeth Cromwell, zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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