Oh, wie schön ist 90er-Trash

Lange galt die Happy-Hardcore-Dance-Techno-Musik aus den 90er Jahren als dämlich, geschmacklos, einfach schlecht. Vielleicht sind all diese Attribute zutreffend, doch das ändert nichts daran, dass es heute wieder richtig Spaß macht, sich die alten Videos auf YouTube anzusehen. So manche nostalgische Erinnerung kommt dabei hoch und kaum jemand wird ein Grinsen unterdrücken können, wenn man nochmal K2, Dune, E-Rotic oder die Vengaboys hört.

Von Sebastian Binder  

Die 90er Jahre, eine seltsame, eine verstörende, eine wunderbare Zeit. Das Jahrzehnt der Tamagotchis und Game Boys, langsamem Internet, Chupa-Chups-Lutschern und vor allem: Der trashigen Techno-Rave-Sing-Sang-alles-wird-gesampelt-Dance-mit-Zusätzen-Musik. Es ist die Um-die-dreißig-aber-ich-fühle-mich-jünger-Generation, die mit dieser Musik sozialisiert wurde. Mit den Schlagern der Woche, mit Viva und Bravo Hits, in einer Zeit, in der Menschen noch Maxi-CDs kauften und in der der iTunes-Store nur im Kopf eines Brillenträgers aus Kalifornien existierte. In den 90er Jahren war Deutschland das Land der skurrilen Musik, bizarrste Werke entstanden mithilfe von Samplern, Synthesizern, Drummachine und alten NDW-Platten und später schämte man sich oft dafür, dass man diese trashige Musik einmal gut fand, ja, dass man sie sogar gefeiert hatte. Das änderte sich, als YouTube auch hierzulande zum Massenmedium wurde und plötzlich die ganzen, längst vergessen geglaubten Hits aus den 90ern wieder auftauchten und man mit einem seeligen Grinsen die alten Videos anschaute und sich dachte: „Verdammt, eigentlich war das eine geile Zeit.“ Interessant ist, dass viele der alten Trash-Techno-Gassenhauer mittlerweile Millionen von Klicks haben, sie also auch im Heute, vielleicht mehr denn je, eine Daseinsberechtigung haben. Es ist daher an der Zeit für eine kleine Hommage an die Musik dieser trashigen Epoche, geschrieben von Jemandem, der an dieser Stelle zugibt, ebenfalls von dieser Musik begeistert gewesen zu sein.

Je länger man sich durch YouTube klickt, umso bewusster wird einem plötzlich wieder, wie viel es doch von dieser Musik gab, weshalb es unmöglich ist, hier alle Stilblüten aufzuzählen und man daher eine Auswahl treffen muss. Fangen wir also einfach mit der Band Dune an, die 1995 ihren ersten großen Hit mit „Hardcore Vibes“ hatte. Diese Musik wurde damals Happy Hardcore genannt, eine ebenso dämliche wie möglicherweise treffende Bezeichnung. „This one is dedicated to all the ravers in the nation“, sprach-sang Verena von Strenge mit gepitchter Stimme und der folgende pumpende Beat ließ damals wie heute keinen Zweifel an dieser Aussage aufkommen. Dune war zwar schon trashig, doch verglichen mit dem, was es sonst noch gab, könnte man sie beinahe als den Mozart unter den damaligen Krachern bezeichnen. Wie das gemeint ist, wird einem klar, wenn man sich zum Beispiel die damals sehr erfolgreiche Band Technohead mit ihrem Klassiker „I wanna be a Hippie“ anhört. Die meisten heute etwa Dreißigjährigen dürften damals nicht ganz kapiert haben, was mit der Zeile „I want to be a Hippie and I want to get stoned!“ gemeint war. Umso lustiger ist es daher heute, wenn man die Texte dieser Musik plötzlich versteht und sich denkt: „Das habe ich damals tatsächlich immer mitgesungen? Hm, eigentlich ist der Text ja ziemlich bescheuert.“ Überhaupt, die Texte. Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr man die meisten der Texte immer noch verinnerlicht hat, und das fast 20 Jahre später. Ob das nun aber für die Komplexität der Lyrics spricht, sei einmal dahingestellt.

Eine trashig-nostalgische Zeitreise

Apropos Texte, ein besonders gutes Beispiel für shakespearsche Wortakrobatik ist Mo-Do mit dem unvergessenen Klassiker: „Eins, zwei, Polizei; drei, vier, Grenadier; fünf, sechs, alte Gags; sieben, acht, gute Nacht.“ Goethe hätte es nicht treffender formulieren können, denn auch nach der zwanzigsten Wiederholung verliert der Text seinen Sinn nicht. „Aber Vorsicht, das stimmt nicht…“ Doch das stimmt, denn auch Peter Steiner bestätigte diese lyrische Brillanz. Der Schweizer Alm-Öhi wurde in den 90ern durch seine Werbung für einen großen Schokoladenhersteller zum Kult. Das erkannten die Produzenten XXL sofort und dachten sich: „Is cool, man.“ Und so mancher Stadtmensch, der immer der Ansicht war, dass die hier oben etwas altmodisch sind, groovte plötzlich zu diesem Track.

Das Modul steht dagegen für einen anderen, in den 90ern weit verbreiteten Trend: Das Sampeln von 80er-NDW-Hits und deren Unterlegung mit viel zu schnellen Technobeats. Es funktionierte, nicht nur dass der „Remix“ ein großer Hit wurde, auch heute kennt jeder noch den Text: „Die Module spielen verrückt, Mensch ich bin total verliebt, voll auf Liebe programmiert, mit Gefühl.“ Ja, Computerliebe, selbst in der Jetztzeit noch so aktuell wie damals. In diese Kategorie fällt ebenso Jasmin Wagner. Kennen Sie nicht? Nun ja, damals hatte sie noch den blumigeren Namen Blümchen und enterte mit Paso Dobles „Herz an Herz“ die Charts, denn „Ich und Du, immerzu, Du und ich“. Eine ähnliche Vorgehensweise legten auch Dolls United an den Tag, als ihnen irgendwann einmal auffiel: „Ah, jetzt, ja – eine Insel.“ Augsburger Puppenkiste und Technorave? Das kann doch nur gut werden und auf einmal näherten sich Jim Knopf und Lukas mit 140 Beats pro Minute ihrer „Insel mit zwei Bergen“.

Erotik hatte in dieser Musik einen hohen Stellenwert, um insbesondere vorpubertierende Jugendliche für dieses Konzept zu begeistern. Auf den Höhepunkt, im wahrsten Sinne des Wortes, trieb das die Band E-Rotic, ihres Zeichens Meisterin der Verknüpfung von Namen und schlüpfrigen Aussagen. „Max don‘t have sex with your Ex“, „Fred come to bed“, „Willy use a Billy Boy“. Kann dieser Band mal bitte jemand einen Lyrik-Preis verleihen? Ähnlich verhielt es sich mit den Vengaboys. So mancher 13-Jährige dürfte sich plötzlich komisch gefühlt haben, wenn Frontfrau Kim Sasabone knapp bekleidet im Video immer wieder „Up and down and up and down“ ging. Überhaupt die Videos. Sie sahen damals wie heute so aus, als hätten ihre Produzenten zwar kein Geld, dafür aber eine Überdosis LSD intus gehabt, was in manchen Fällen wahrscheinlich sogar der Wahrheit entspricht. Tschipp, tschipp.

Zum Schluss soll nun noch das irrste Lied gewürdigt werden, das die 90er-Jahre-Trash-Musik hervorgebracht hat: K2 und ihr unsterblicher Klassiker „Der Berg ruft“. Dieses Lied ist…ja, was zum Teufel ist das eigentlich? Eine Mischung aus Dance, Rap, Reggae und einem zünftigen Landler, kulminierend in der Aussage „Da Hosnträger is ma obgrissen“? Egal, dieses Lied steht einfach für alles, was die 90er-Jahre-Trash-Musik so furchtbar und gleichzeitig so großartig macht. Und daher ist dieses Lied mit jener Selbstaussage schlichtweg am besten beschrieben: „Boom-shaka-laka, got my salary today. Wos sogd‘a, Sellerie, wos sogd‘a, da Rasta?“ Hat je jemand behauptet, dass Wahnsinn nicht lustig sein kann?

Die 90er-Jahre, was für eine wunderbare, musikalisch-trashige Zeit. Jüngere Leute werden die Um-die-dreißig-aber-ich-fühle-mich-noch-ziemlich-hipp-Generation für ihren damaligen Musikgeschmack auslachen und sich denken: „Was wart ihr doch damals peinlich!“ Mag sein, aber hey: „Es war trotzdem eine verdammt gute Zeit!“

Foto: Die “Vengaboys”

Copyright: Marco Maas zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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