Man nennt es “Rückschlag”

Die 1:3-Niederlage gegen Bate Borissow in der Champions-League-Vorrunde ist der erste Makel in der bis dato perfekten Saisonbilanz des FC Bayern München. Vor allem die bislang sattelfeste Abwehr leistete sich in dieser Partie haarsträubende Fehler. Doch auch das größte Manko im Angriff wurde in diesem Spiel schonungslos offengelegt. Dennoch sollte man aufgrund eines Spiels den sehr guten Saisonstart der Münchner nicht zerreden.

Von Sebastian Binder  

Alles war perfekt. Keine Wolke trübte den bayerischen Himmel, die Bilanz makel-, das Selbstvertrauen grenzenlos. Wäre da nicht dieser Störfaktor gewesen. Dieser Störfaktor, der zu bedenken gab, dass keineswegs alles perfekt ist, dass die bayerische Harmonie schnell wieder vorbei, das Selbstvertrauen schnell wieder dahin sein könnten. Am 2. Oktober 2012 um 22.33 Uhr war klar, dass Matthias Sammer recht behalten hatte. Als Renan Bressan den Konter in der Nachspielzeit ins bayerische Tor zimmerte, herrschte in den Münchner Gesichtern vor allem eins: Ernüchterung. Das war so nicht geplant, ganz und gar nicht. Eine 1:3-Niederlage gegen Bate Borissow, den vermeintlich schwächsten Gegner in der Champions-League-Vorrunde, wer hätte ernsthaft damit gerechnet? Am allerwenigsten sicher der FC Bayern.

Natürlich wurden vor dem zweiten Vorrundenspiel in der Gruppe F die üblichen Floskeln bemüht: Man dürfe den Gegner nicht unterschätzen, es werde ein sehr schweres Spiel, man brauche volle Konzentration. Aber, ja, aber, wenn man die eigene Leistung abruft, dann wird man selbstverständlich gewinnen. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Die eigene Leistung wurde nicht abgerufen, das Bayern-Spiel wirkte über weite Strecken lethargisch bis einfallslos und in der Abwehr leistete man sich in dieser Saison noch nicht gesehene Schnitzer. Diesmal kam allerdings auch das größte Manko der Bayern zum Vorschein, das sich schon durch die ganze Saison zieht, aufgrund der normalerweise sattelfesten Abwehr bis dato allerdings kaum ins Gewicht fiel: Die mangelhafte Chancenverwertung. Schon gegen Wolfsburg und Bremen ließen die Münchner Hochkaräter en masse aus, doch da hinten die Null stand, reichte es gegen diese beiden Mannschaften aus, nur einen Bruchteil der Großchancen zu nutzen. Gegen Borissow war das anders. Es ist natürlich müßig, darüber zu spekulieren, wie das Spiel wohl ausgegangen wäre, wenn Toni Kroos in der 13. Minute das leere Tor und nicht den Pfosten trifft. Oder wenn Franck Ribéry in der 83. den Ball unter und nicht an die Querlatte hämmert. Dieses Spekulationsspiel könnte man mit einer Vielzahl weiterer Bayern-Möglichkeiten fortsetzen. Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Auftritt des letztjährigen Champions-League-Finalisten keineswegs so überzeugend und dominant war wie gegen Wolfsburg. Zwar spielte die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes mit gefühlten 80 Prozent Ballbesitz, doch wirklich klar und überlegt wirkten die Aktionen in den seltensten Fällen. 40-Millionen-Neuzugang Javi Martinez schaffte es kaum, dem bayerischen Spiel Struktur zu verleihen, warum daher der bislang überragende Bastian Schweinsteiger bis zur 77. Minute auf der Bank saß, dürfte den meisten Beobachtern ein Rätsel sein.

Dennoch war der Knackpunkt in dieser Partie die eigentlich bislang überzeugende Abwehr des FC Bayern. Letztlich konnten sich die Münchner bei Torhüter Manuel Neuer und dem weißrussischen Unvermögen bei der Chancenverwertung, das dem des deutschen Vize-Meisters in nichts nachstand, bedanken, dass sie „nur“ drei Gegentore bekommen haben. Beim 1:0 durch Alexander Pawlow irrte die komplette bayerische Hintermannschaft orientierungslos durch den Strafraum, so dass der Bate-Spieler eher zufällig an den Ball kam und aus acht Metern unbedrängt einschieben konnte. In der Folge antworteten die Münchner mit wütenden Angriffen, doch auch Borissow blieb stets gefährlich. Und dann kam wieder einmal die alte Fußballerweisheit zum Tragen: Wer vorne nicht trifft, wird hinten bestraft. Die Bayern liefen in der 78. Minute sehenden Auges in einen Bate-Konter, den Witali Rodijonow mit einem satten Schuss in den Winkel vollendete. Positiv anzumerken bleibt, dass die Bayern trotz des 0:2-Rückstands nicht aufsteckten, sondern weiterhin an ihre Chance glaubten. Mehr als der zwischenzeitliche Anschlusstreffer von Ribéry (90.+1) sprang allerdings nicht mehr heraus.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Spieler besser auf ihren Sportdirektor Sammer gehört hätten. Der hatte nämlich bereits die ersten 80 Minuten gegen Werder Bremen als als „nicht hellwach, nicht gallig, lätschern“ oder zusammengefasst: als „Käse“ bezeichnet. Seine Intention war klar, er wollte seine Mannschaft damit wachrütteln, allein, das Gegenteil war der Fall, vor allem in der Abwehr. Hinzu kommt, dass Coach Heynckes mit der Kritik so gar nicht glücklich war. „Mit der Form, Art und Weise war ich nicht einverstanden, das habe ich ihm auch gesagt. Es ist wichtig, dass man konstruktiv kritisiert, dass es angemessen ist und dass es nicht überzogen ist. Ich denke, dass die Kritik überzogen war. Ich finde auch, wir sollen die Kritik intern machen und nicht extern“, sagte Heynckes gegenüber Sky. Bahnt sich hier ein neuer Konfliktherd zwischen Sportdirektor und Trainer an? Das wäre aus Münchner Sicht fatal, denn dann wäre es um die ohnehin stets fragile bayerische Harmonie schnell geschehen.

Man sollte daher nach dieser Niederlage jetzt nicht alles schlecht reden. Der Saisonstart war trotz des wenig berauschenden Auftritts gegen Borissow sehr gut, eine Auswärtsniederlage in der Champions League, auch gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner, kann immer mal passieren. Im Idealfall nennt man derartige Spiele später den „Weckruf zur richtigen Zeit“. Fakt ist allerdings auch, dass die Bayern bei ihrem nächsten Heimspiel in der Königsklasse gegen den OSC Lille am 23. Oktober bereits mächtig unter Druck stehen. Denn sollte auch diese Partie verloren gehen, dann wäre es um die perfekte bayerische Harmonie wohl endgültig geschehen.

Foto: Bayern-Coach Jupp Heynckes

Copyright: Александр Осипов zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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