Der Liveticker-Wahnsinn

Mittlerweile nimmt die grassierende Liveticker-Epidemie absurde Züge. Es scheint so, als würde zu jedem Ereignis, und mag es auch noch so banal sein, ein Liveticker eingerichtet. Spiegel Online und Süddeutsche.de spielen auf diesem fragwürdigen Gebiet eine Vorreiterrolle, unlängst zu beobachten bei ihren ebenso überflüssigen wie vielgeklickten Livetickern zur ersten Wetten-dass-Folge mit Markus Lanz. Doch geht es diesen beiden eigentlich seriösen Portalen wirklich darum, dem User einen Mehrwert zu bieten? Oder steckt hinter den Tickern ein ganz anderes Kalkül?

Von Sebastian Binder  

Wir drücken „Aktualisieren“. Irgendetwas passiert? Nein, gut, wir drücken dann gleich wieder „Aktualisieren“. Immer noch nichts passiert? Nein? Na gut, dann drücken wir wieder „Aktualisieren“. Tatsächlich, es ist etwas passiert: „Hannelore Kraft plaudert über ihre Ehe – in der ersten Reihe sitzt Mann Udo.“ Wie konnten wir ohne diese wichtige Information nur überleben? Vielleicht sollten wir noch einmal „Aktualisieren“ drücken, vielleicht wird diese Information mit dem nächsten Posting in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. Wer nun immer noch nicht begriffen hat, um was es in diesem Text gehen soll: Thema ist der grassierende Liveticker-Wahnsinn auf großen deutschen Internetportalen, der mittlerweile die Grenzen der Absurdität überschritten hat. Insbesondere Spiegel Online und Süddeutsche.de fallen auf diesem Gebiet der vermeintlich „allumfassenden Berichterstattung“ merkwürdig auf, nicht zuletzt durch den natürlich absolut notwendigen Liveticker zur ersten Wetten-dass-Folge mit Markus Lanz. Nun könnte man denken, dass dieses „Showereignis“ eigentlich völlig egal ist beziehungsweise wer sich dafür interessiert, kann sich die Sendung einfach ansehen oder am nächsten Tag die Fernsehkritik im Netz lesen. Warum um alles in der Welt braucht man für diese Show also einen Liveticker oder, treffender gefragt, warum braucht man diesen Liveticker auf seriösen Internetportalen wie denen des Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung?

Fakt ist: Der Durchschnittsuser braucht sie nicht, aber die Portale brauchen sie im Gegenzug sehr wohl. Denn jeder, der sich ein bisschen mit dem Betreiben von Websites auskennt, weiß, dass sich auf keine andere Art und Weise so viele Klicks generieren lassen wie mit Livetickern. Wenn man den Liveticker dann noch als Aufmacher auf die Seite setzt, sind hohe Klickzahlen quasi garantiert, ganz egal, wie banal der Inhalt des Livetickers auch sein mag. So ist es auch keine Überraschung, dass bei Spiegel Online der Wetten-dass-Ticker der meist gelesene „Artikel“ ist. Dadurch, dass der User gezwungen ist, immer wieder auf „Aktualisieren“ zu klicken, um zu überprüfen, ob sich im Liveticker etwas getan hat, schießen dadurch natürlich auch die Klickzahlen massiv in die Höhe. Wenn alles nach Plan läuft, bekommt die Seite also pro User 50, vielleicht sogar 100 Klicks für ihren Liveticker, während der neueste Artikel über Peer Steinbrück, auch wenn er deutlich relevanter sein mag, nur einen Klick pro User bekommt. Mehr Klicks bedeuten höhere Werbeeinnahmen, was wird man also als Aufmacher setzen: Den Liveticker oder den Steinbrück-Artikel?

Das alles soll nicht heißen, dass Liveticker per se eine schlechte Erfindung sind. Bei Fußballspielen können Ticker eine richtig gute Sache sein, vor allem für Leute, die nicht im Besitz eines Sky-Abos sind. Hier kommt sogar so etwas wie Spannung auf, wenn man beim 1:1 seiner Mannschaft in der 89. Minute mit zitternden Fingern auf „Aktualisieren“ drückt und mit bangen Blicken das Lade-Symbol betrachtet. Was hingegen sehr wohl stört, ist, dass mittlerweile zu allem und jedem ein Liveticker angeboten wird. Es gibt ein neues iPhone? Machen wir einen Liveticker. Christian Ude zapft ein Bierfass an? Ganz klar, Liveticker. Irgendeine Fernsehshow von gestern feiert ihre vermeintliche Wiedergeburt? Wo sind die Leute, die den Liveticker schreiben? Wo soll diese Live-Berichterstattungsepidemie noch hinführen? Dass irgendjemand einen Liveticker darüber schreibt, wie andere Leute einen Liveticker schreiben? So absurd erscheint dieser Gedanke im Heute gar nicht mehr.

Was an dieser Liveticker-Inflation zudem nervt, ist, dass man nicht selten das Gefühl hat, dass die Portale ihre User wegen höherer Klickzahlen scheinbar für dumm verkaufen wollen. Keiner der Ticker zur Wetten-dass-Sendung hatte irgendeinen nennenswerten Mehrwert, stattdessen klingt das beispielsweise auf Spiegel Online so: „Es ist dunkel im Saal, nur die Glühbirne des Ohrenwacklers brennt. Zeit für niederträchtige Gedanken: Arbeitet beim ZDF eine Gruppe Saboteure an der Demontage des neuen Moderators? Diese Wetten sind so altbacken und langweilig, das muss Absicht sein!“ Die Frage bleibt, wenn das alles so altbacken und langweilig ist, warum dann darüber live tickern? Süddeutsche.de fällt zum Morse-Ohrenwackler im Ticker übrigens Folgendes ein: „Detlev Jarchow übermittelt Anika Hellemann Morsezeichen, indem er mit seinen Ohren wackelt. Karl Lagerfeld weiß nicht, was er noch denken soll. Ob das Tandem „Jarchow, Hellmann“ reüssieren wird, wird er gefragt: „Das überfordert mich“, lautet seine Antwort.“ Aha, alles klar. Ernsthaft, warum sollte man so etwas in einem Ticker lesen wollen? Entweder man sieht sich die Show an oder man lässt es bleiben. Oder gibt es irgendwelche armen Leute, die Samstagabend arbeiten müssen und daher nur auf diese Weise in den Wetten-dass-Genuss kommen können? Wir aktualisieren kurz… Nein, das erscheint dann doch zu weit hergeholt. Auch das ewige Argument, dass man dem User durch den Ticker einen „Mehrwert“ bietet, ist völlig hinfällig, denn dieser Mehrwert ist schlicht und ergreifend nicht gegeben. Der einzige „Mehrwert“ bietet sich den Portalen selbst. Jaja, niemand wird gezwungen, diesen Ticker zu lesen. Gezwungen? Nein. Hineinmanipuliert mit einer reißerischen Überschrift und einem geschickt formulierten Teaser? Ja.

Also, liebe Nachrichtenportale, natürlich sind hohe Klickzahlen wichtig, aber sind sie wirklich so wichtig, dass man jeden Müll dafür machen muss und dabei den eigenen Anspruch völlig aus den Augen verliert? Sind sie so wichtig, dass man die eigenen User mehr oder weniger hinters Licht führt, alles im Dienste der Quote? Müssen wir uns in Zukunft darauf einstellen, dass demnächst auch die Pressekonferenz des Verkehrsausschusses zu den Plänen der neuen Umgehungsstraße in der Uckermark live getickert wird? Bitte nicht! Aber wenn ihr eure Klickzahlen unbedingt in die Höhe treiben wollt, dann zum Abschluss ein kleiner Tipp: Einfach eine Diashow mit den „Heißesten Bikinimädchen des Sommers“ als Aufmacher nehmen und die Klickzahlen werden explodieren. Und vom Niveau her ist das auch nicht viel tiefer als ein Wetten-dass-was-macht-Markus-Lanz-Liveticker. Also, jetzt aktualisieren…

Foto: Der neue Wetten-dass-Moderator Markus Lanz

Copyright: 6eck zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *