Kontinent der Kriege, Kontinent des Friedens

Am 12. Oktober 2012 wurde der Europäischen Union der Friedensnobelpreis zugesprochen. Das Nobelkomitee würdigt damit die mittlerweile 67 Jahre währende Friedensphase, die der einstmals kriegerischste Kontinent der Welt verlebt. Allen Problemen zum Trotz: Die EU ist eine Erfolgsgeschichte, denn sie hat ihren Bürgern das vielleicht wichtigste Gut auf dieser Welt beschert: Frieden.

Von Sebastian Binder  

Wer hätte am 1. September 1939 damit gerechnet, dass dieser Tag einmal kommen würde? Als die Geschütze des deutschen Linienschiffs „Schleswig-Holstein“ anfingen zu feuern und die ersten Granaten auf der Westerplatte vor Danzig einschlugen. An diesem Tag, als die Deutschen den grausamsten Krieg entfesselten, den diese Welt jemals gesehen hatte. Wer hätte damals gedacht, dass Europa, das vereinte Europa, einmal die höchste Auszeichnung für den Frieden bekommen würde? Dieser kriegerischste aller Kontinente, dessen Herrscher und Völker sich über Jahrhunderte, Jahrtausende auf den Schlachtfeldern gegenüber standen und dessen Geschichte untrennbar mit dem millionenfachen, sinnlosen Sterben des Krieges verbunden ist. Dieser Kontinent, der durch Ströme von Blut watete und der nie etwas aus seiner Geschichte lernen wollte, im Gegenteil, der Hass schien zu wachsen, von Jahrhundert zu Jahrhundert und mit ihm die Grausamkeit seiner Kriege. Die jungen Männer zogen ins Gefecht, um etwas zu verteidigen oder zu erobern, um Ruhm und Ehre zu gewinnen und verloren über dieser Aussicht zumeist nur eines: Das eigene Leben. Ganze Landstriche Europas waren und sind bis heute vor allem dies: Gigantische Friedhöfe, die durch die Machtgier und Verblendung, die Ruhmsucht und Kaltblütigkeit der herrschenden Klasse gefüllt wurden. Europa, dieser einerseits hochzivilisierte Kontinent, der sich dennoch immer wieder darin gefiel, das, was er so mühsam aufgebaut hatte, binnen weniger Jahre wieder vollständig zu vernichten. Krieg und Europa gehörten zusammen, ganz egal, wie tief die Narben inzwischen waren, die Jahrhunderte voller Krieg und Zerstörung in seine Erde gerissen hatten.

Es bedurfte der ultimativen Katastrophe, bis den Menschen auf diesem Kontinent endlich die Augen geöffnet wurden. Der Zweite Weltkrieg legte große Teile des Kontinents in Schutt und Asche, vor allem aber zeigte er, was der Mensch dem Menschen anzutun imstande ist. Und so schauten die Menschen fassungslos nach Warschau und Stalingrad, nach Paris, Hamburg, Dresden, Berlin, nach Mauthausen, Dachau, Bergen-Belsen, nach Auschwitz. Vielleicht stellten sich im Mai des Jahres 1945 nicht wenige Deutsche, Franzosen, Briten, Italiener, nicht wenige Europäer die Frage: „Wie konnten wir es nur jemals so weit kommen lassen?“ Und zum ersten Mal in ihrer Geschichte zogen die Europäer den richtigen Schluss aus dieser Katastrophe: „Nie wieder soll auf diesem Kontinent etwas Derartiges geschehen.“ Es ist die Tragik Europas, dass es dieses letzten vernichtenden Schlags bedurfte, bis die Menschen zur Besinnung kamen, dass nicht bereits der Erste Weltkrieg mit seinen Abermillionen Toten für diese Erkenntnis ausreichend war. Und dennoch: Was nach dem 8. Mai 1945 in Europa geschah, hätten wohl damals die Wenigsten für möglich gehalten. Die Völker hörten auf, übereinander herzufallen, aus jahrhundertealten Feinden wurden zunächst Partner, dann Freunde und die Europäer erkannten, dass sich miteinander sehr viel besser leben lässt als gegeneinander.

So banal sich dieser Satz zunächst anhören mag, letztlich ist er der Grundgedanke der Europäischen Union. Wirtschaftliche Interessen, Machtbegrenzung und -übertragung, eine einheitliche Währung, das alles ist selbstverständlich wichtig, doch in erster Linie sollten die beiden Buchstaben „EU“ bedeuten, dass wir Europäer gemeinsam vorangehen, dass wir uns respektieren und schätzen sollten, damit wir uns nie wieder an unseren Landesgrenzen bis an die Zähne bewaffnet gegenüber stehen müssen. Dieser Gedanke trägt nun seit über 67 Jahren Früchte, was sich nicht zuletzt an den beiden „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich zeigt. In früheren Zeiten war es normal, dass Deutsche und Franzosen mindestens einmal im Jahrhundert gegeneinander ins Feld zogen. Im Jahr 2012 kann man hingegen sagen: „Wie wunderbar absurd dieses Szenario heute doch erscheint.“ Deutsche und Franzosen sind Partner und Freunde und nicht anders sieht es bei nahezu allen europäischen Nationen aus. Konflikte werden heute nicht mehr auf Schlachtfeldern, sondern mit Worten, auf Regierungsebene, im Europäischen Rat, im Europäischen Parlament ausgetragen. Allein diese Errungenschaft, die noch vor 70 Jahren kein rational denkender Mensch den Völkern Europas zugetraut hätte, hat den Friedensnobelpreis verdient.

Europa ist nicht perfekt. Natürlich nicht. Die Schuldenkrise zeigt, dass es in Europa weiterhin Differenzen und Misstöne gibt, dass nicht bei jedem Thema Einigkeit besteht, dass das „Projekt Europa“ auch scheitern kann, wenn man nicht darauf achtet. Der Friedensnobelpreis soll daher wohl auch eine Mahnung des Komitees sein, Europa nicht auseinander brechen zu lassen, nicht zurück zu fallen in die Zeiten von Kleinstaaterei und übersteigertem Nationalismus. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Europa-Gegner im Aufwind befinden, schlimmer, dass auch der Durchschnittsbürger der Europäischen Union wieder skeptischer gegenüber steht als dies noch vor 20 Jahren der Fall war. Vielleicht soll dieser Preis daher auch eine Erinnerung an alle Europäer sein, was sie in den letzten 67 Jahren Großartiges geschaffen haben: Aus den Ruinen des Krieges wurde ein Kontinent des Friedens. Niemand, der bei klarem Verstand ist, wird daher die Rechtmäßigkeit dieses Nobelpreises anzweifeln wollen. Und dennoch sammeln sich im Netz die Dagegen-Schreier, die EU-Waffenexporte und vermeintliche Globalisierungsunterdrückung ins Feld führen, um die Rechtmäßigkeit der Preisvergabe in Frage zu stellen. Das ist in gewisser Weise richtig. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Menschen auf diesem Kontinent seit fast sieben Jahrzehnten friedlich zusammenleben können. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst der EU. Und dafür hat sie längst einen Preis verdient. Wer das nicht verstehen kann oder will, sollte einmal über die Massengräber von Verdun oder durch das Tor von Auschwitz gehen. Vielleicht versteht er es dann…

Foto: Flaggen vor dem Europäischen Rechnungshof

Copyright: Euseson (aus der deutschsprachigen Wikipedia) zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *