Die „Krisen“-Besieger

Viel wurde in den letzten Tagen und Wochen über den Zustand der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geschrieben. Krisen allerortens wurden gesehen, das Team sei gar gespalten. Mit dem 6:1-Kantersieg im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland haben die DFB-Kicker die richtige Antwort gegeben. Mit phasenweise brillantem Fußball brachten die Deutschen ihre Kritiker (vorerst) zum Schweigen. Natürlich können überforderte Iren nicht der Maßstab für die DFB-Ansprüche sein, dass das Team intakt ist, zeigte die Partie aber allemal.

Von Sebastian Binder  

Für einen kurzen Moment hätte man denken können, dass es nicht um die deutsche Nationalmannschaft, sondern um den FC Bayern München geht. Diese geballte Ansammlung aus Störfeuern, Kritik, Missgunst und Immer-alles-und-jeden-Hinterfragen vonseiten der Medien kennt man sonst nur im Zusammenhang mit dem Starensemble von der Säbener Straße. Am Ende konnte man kaum noch unterscheiden, wie viel nun von außen in die Mannschaft hineingetragen wurde und wie viel tatsächlich aus dem Innenleben des Teams kam. Uli Hoeneß stänkerte gegen die „Wohlfühlatmosphäre“ beim DFB, Bastian Schweinsteiger klagte über mangelnden Zusammenhalt während der vergeigten EM, Bundestrainer Joachim Löw attackierte den Dortmunder Marcel Schmelzer scharf, um am nächsten Tag von seinem Manager Oliver Bierhoff, natürlich öffentlich, zurecht gewiesen zu werden. Münchner Verhältnisse mit dem Adler auf der Brust. Die Medien griffen diese Steilvorlagen natürlich begeistert auf, an allen Ecken und Enden wurden Krisen gesehen, das „EM-Trauma“ wurde wieder einmal aus der Mottenkiste des journalistischen Sprachduktus gezaubert und fast musste man Angst haben, dass die DFB-Kicker nur aus dem geringsten Anlass übereinander herfallen würden. So dramatisch erschien die Lage. Zumindest aus Sicht der Medien.

Dass allerdings auch Jogi Löw die Mottenkiste des fußballerischen Sprachduktus kennt, demonstrierte er nach dem WM-Qualifikationsspiel seiner Mannschaft gegen Irland im ZDF: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, zitierte er in bester Phrasendrescher-Manier den Trainer-Altmeister Otto Rehhagel. Und damit hatte er recht. Denn die Wahrheit ist, dass das DFB-Team die hilflosen Iren mit 1:6 auseinander genommen hatte und dabei phasenweise Weltklasse-Fußball zelebrierte. Spielt so etwa eine Mannschaft, die aufgrund ihres „EM-Traumas“ eine schwere Krise durchlebt? Ganz sicher nicht. Angeführt vom überragenden Bastian Schweinsteiger ließen die Deutschen von Anfang keinen Zweifel daran, wer das Stadion in Dublin als Sieger verlassen wird. Natürlich begann das Spiel zäh, aber jeder, der sich ein wenig mit Fußball auskennt, hatte das so erwartet. Dass der irische Coach Giovanni Trapattoni mit einer Zehner-Abwehrkette anfangen würde, war keine Überraschung. Die Deutschen spielten geduldig gegen das Bollwerk an und auch bei den wenigen irischen Gegenstößen, die mit hohen Bällen in die Spitze ihr Glück versuchten, stand die neuformierte Viererabwehrkette um Holger Badstuber und Per Mertesacker sicher.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der zuvor gescholtene Linksverteidiger Schmelzer das 1:0 durch Marco Reus einleitete (32.). „Ich war über die Führung von Marco sehr erfreut. Die ganze Mannschaft hat mich gut unterstützt“, so der Dortmunder. So viel also zum Thema „fehlender Teamgeist“. Spätestens als Reus mit einem saftigen Schuss ins rechte untere Eck das 2:0 erzielte (40.) war die Partie eigentlich entschieden. „Der Bundestrainer hat uns sehr gut eingestellt. Wir hatten von Beginn an die Kontrolle über das Spiel“, analysierte Reus, neben Schweinsteiger bester Akteur im DFB-Dress, das Geschehen.

In der zweiten Halbzeit entwickelte sich denn auch nur noch eine bessere Trainingseinheit für die Deutschen, die mit gefühlten 90 Prozent Ballbesitz das Spiel nach Belieben dominierten. Als Mesut Özil durch einen an Miroslav Klose verursachten Foulelfmeter zum 3:0 einschoss, ließen die Iren endgültig jede Hoffnung auf einen Unentschieden fahren. „Die Mannschaft ist von Beginn an konzentriert zu Werke gegangen, das war auch schon die ganze Woche im Training zu bemerken. Wenn wir den Ball gewonnen hatten, haben wir schnell nach vorn gespielt und die richtige Balance gefunden. Wir haben auch in dieser Höhe verdient gewonnen“, zeigte sich Löw hochzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft. Diese hatte das Ergebnis durch den Treffer von Klose (58.) und einem Doppelpack von Joker Toni Kroos (62., 83.) sogar zwischenzeitlich auf 6:0 hochgeschraubt, ehe den Iren in der Nachspielzeit durch Andy Keogh doch noch der Ehrentreffer gelang. Alles in allem war die Partie gegen Irland also eine starke Leistung der gesamten Mannschaft, in der höchstens Thomas Müller und Mesut Özil ein wenig unter ihren Möglichkeiten spielten, was aber zu verschmerzen war.

Natürlich können ersatzgeschwächte Iren nicht der Maßstab für das DFB-Team sein. Die Kicker von der Insel waren in keiner Phase des Spiels, auch zu Beginn nicht, in der Lage, Deutschland vor ernsthafte Probleme zu stellen. „Nach dem ersten Tor war Deutschland klar überlegen und hat auch verdient gewonnen. Wir konnten in Sachen Kraft und Technik nicht mithalten“, gab auch Trapattoni nach dem Spiel unumwunden zu. Das Spiel war ein Pflichtsieg für Deutschland, keine Frage, aber er sah schon sehr viel besser aus als die „Ebenfalls-Pflichtsiege“ gegen die Faröer und vor allem gegen Österreich. Der Sieg gegen Irland war daher nicht zuletzt ein Beweis dafür, dass die Mannschaft intakt ist. Das Tragische ist, dass es dieses Beweises überhaupt bedurfte.

Das zeigte sich interessanterweise in den Interviews nach dem Spiel. Die Journalisten versuchten nach den üblichen Glückwunsch-Floskeln, sofort wieder auf die medialen Störfeuer von vor dem Spiel einzugehen, in der Hoffnung, hier noch eine brisante Aussage aus Spielern und Trainer herauszukitzeln. „Herr Schweinsteiger, vor dem Spiel haben sie ja noch…“, „Herr Löw, vor der Partie haben Sie Marcel Schmelzer ziemlich hart…“, „Herr Klose, Uli Hoeneß hat ja…“. Die häufigste Antwort auf dieses Wir-wollen-Skandale-Spiel war glücklicherweise „Dazu möchte ich nichts mehr sagen“. Vielleicht sollte sich mancher Journalist daher ab und an eine leichte Abwandlung dieses Satzes auf seinen Notizzettel schreiben: „Dazu möchte ich nichts mehr fragen.“ Denn wie wusste schon der alte Wortakrobat Otto Rehhagel: „Die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz.“ Keine Frage…

Foto: Bundestrainer Joachim Löw

Copyright: Steindy zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *