Deutsches Serien-Grauen

Deutsche Fernsehproduktionen sind in der Regel dunkle, unlustige Orte. Vor allem im Sitcom-Bereich bekommen die Deutschen kaum etwas wirklich Lustiges oder gar Innovatives hin. Ganz im Gegensatz zu den Amerikanern, die brillante Sitcoms in Serie abliefern. Aber woher kommt die Serien-Unlustigkeit hierzulande? Liegt es am Geld, den Schreibern und Schauspielern, dem Publikum? Oder ist eigentlich jemand ganz anderes dafür verantwortlich?

Von Sebastian Binder  

Der deutsche Fernsehzuschauer hat in der Regel nicht viel zu lachen, wenn er sich Serien aus heimischer Produktion ansieht. Sicher, mit Fremdschämen kennt er sich aus, mit Langeweile ebenso, mit Niveauarmut, mit Innovationslosigkeit. Aber mit Lachen? Wenn, dann ist es eher ein verzweifeltes Lachen, das einem beim „Genuss“ deutscher Serien nur allzu oft im Halse stecken bleibt. Wie kommt es, dass es die deutschen Fernsehproduzenten nicht auf die Reihe bekommen, eine Serie zu drehen, die sowohl lustig als auch intelligent als auch gut gemacht ist? Schön, es gibt Pastewka und Stromberg, zwei Sterne, die einigermaßen hell leuchten am ansonsten völlig verdunkelten deutschen Sitcom-Himmel, aber sonst? Ganz einfach: Es gibt nichts, nichts, nichts. Deutsche Fernsehmacher beschränken sich, wenn es um Serien geht, am liebsten auf den hundertsten Aufguss irgendwelcher Krimiformate und, sehr viel schlimmer, auf hirnlosen Scripted-Reality-Dreck. Kreative, humorvolle Formate und deutsches Fernsehen? Diese beiden Pole scheuen sich wie der Teufel das Weihwasser.

Sehnsüchtig blickt der deutsche Fernsehzuschauer daher über den großen Teich und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, was die Amerikaner Jahr für Jahr an großartigen Sitcoms aus ihrer Kreativkiste zaubern. The Big Bang Theory, How I Met Your Mother, Two and a half Men, Modern Family, New Girl, Friends, Scrubs, King of Queens, Frasier, diese Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Wie kann das sein? Warum liefern die USA einen Serienhit nach dem anderen, während aus Deutschland nur finsterstes Biedermeier-Programm kommt? Selbstverständlich ist Geld ein wichtiger Faktor, von dem es auf dem amerikanischen Fernsehmarkt deutlich mehr gibt als in Deutschland, was die Produktion von guten Serien natürlich erleichtert. Dennoch kann das nicht der einzige Grund sein. Auch die deutschen Fernsehmacher haben millionen-, manche gar milliardenschwere Budgets zur Verfügung, also allein rein rechnerisch müssten sich mit dem vorhandenen Geld, wenn schon nicht zwanzig, dann wenigstens eine oder zwei gute Sitcoms produzieren lassen, oder? Das kann also nicht der Grund sein, mal ganz abgesehen davon, dass die Produktion einer Sitcom mit vier, fünf festen Sets auch nicht so wahnsinnig aufwändig ist. Liegt es daher eher an der Kreativität der Schreiber? Sind wir Deutschen einfach von Natur aus so unlustig, dass wir es einfach nicht hinbekommen, zwanzig Minuten Laufzeit mit Witzen und Situationskomik zu füllen und dies in eine längerfristig angelegte Geschichte einzubetten? Oder fehlen uns einfach die passenden Schauspieler, die ein lustiges Script umsetzen können? Auch wenn so mancher greise Fernsehmacher bei diesem Argument sicherlich zustimmend nicken würde, so ist es doch ebenso absurd. Man tritt den Deutschen wohl nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass es in den USA mehr gute Sitcom-Schreiber und mehr gute Schauspieler gibt, niemand wird das ernsthaft bestreiten. Das entscheidende Wort in dieser Feststellung ist nämlich das „mehr“. Auch in diesem Land gibt es eine Menge witzige Leute, die zudem pointiert schreiben können, und genauso gibt es junge, hungrige Schauspieler, die dies umsetzen könnten. Warum wird es also nicht gemacht? Liegt es womöglich am deutschen Publikum? Sind die Zuschauer hierzulande einfach nicht aufgeschlossen genug für eine gute Sitcom? Selbstverständlich ist auch das lächerlich, wenn man sich ansieht, wie viele amerikanische Sitcoms schlecht synchronisiert in der deutschen Prime Time laufen. Bleibt demnach nur noch eine vierte Überlegung und die erscheint tatsächlich einleuchtend. Wenn es nicht am Geld, an Schreibern und Schauspielern, am Publikum liegt, wer ist dann für die deutsche Sitcom-Armut verantwortlich?

Ganz einfach: Die Verantwortlichen. Die Verantwortlichen der Sender, die Programmchefs und ihre Gestalter, die sich anscheinend vor allem durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Mangelnde Kreativität und latente Mutlosigkeit. Deutsches Fernsehen funktioniert in der Regel so: Wir nehmen einfach etwas, das auf einem anderen Sender oder im Ausland schon erfolgreich läuft, das allerdings nichts mit Innovation oder Eigenleistung zu tun hat, wurschteln ein bisschen an der Besetzung und am Namen herum, kleben unser Senderlogo drauf und fertig. Heraus kommt Scripted-Reality-Casting-Pseudo-Doku-Müll, der sich dann deutsches Fernsehen nennen darf. Und wie gesagt, das ist nicht zum Lachen, sondern zum Schämen. Vor allem aber zeigt sich darin die Einstellung der Fernsehmacher, die auf einen Nenner gebracht so lautet: Keine Experimente! Der Fernsehgott bewahre uns davor, einmal etwas Neues, noch nicht schon tausendmal Dagewesenes zu produzieren, nicht dass der Zuschauer am Ende noch erwartet, dass wir mehr lustige und intelligente Formate produzieren, was doch so viel anstrengender und vor allem: so viel teurer ist, als Laiendarsteller durch ein hirnrissiges „Realitäts“-Script zu scheuchen. Und wer sagt denn, dass unsere übergewichtige Hartz-IV-Empfängerin aus „Mitten im Leben“ nicht mindestens ebenso lustig und charakterlich ausgefeilt ist wie Sheldon Cooper oder Barney Stinson? Letztlich ist das doch nur eine Geschmacksfrage.

Ja, genau, die Geschmacksfrage: Wahrscheinlich liegt es nur an den wenigen ständig nörgelnden Deutschen, die noch einen Funken Restintelligenz besitzen, und die die tatsächliche Großartigkeit des deutschen Fernsehprogramms deshalb nicht erkennen können oder wollen. Die Quoten stimmen doch schließlich, warum sich also um etwas Neues, Kreatives, Innovatives bemühen, wenn der deutsche Fernsehkonsument auch den abgeschmacktesten Schwachsinn bereitwillig über sich ergehen lässt? Wozu eine gute Sitcom konzipieren, wenn man schon „Verdachtsfälle“ und „Betrugsfälle“ hat und dieses brillante Konzept problemlos um „Durchfälle“ erweitern kann? Der Verhungernde gibt sich schließlich auch mit Wasser und Brot zufrieden, aus welchem Grund sollte man ihm daher Wildragout und Champagner servieren? Alles viel zu anstrengend und viel zu teuer. Ist doch so, oder?

Foto: Mitglieder der Besetzung von “The Big Bang Theory”: Johnny Galecki, Jim Parsons und Kaley Cuoco (v.l.n.r.)

Copyright: Phil Plait zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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