4:4?! Der Wahnsinn von Berlin

Was sich beim WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schweden abgespielt hat, lässt sich eigentlich kaum in Worte fassen. 4:4 stand es am Ende in Berlin und die deutschen Spieler und Fans rieben sich nach der Partie ungläubig die Augen: Ist das hier gerade tatsächlich passiert? Ein Erlebnisbericht eines Fans, der bis 22.09 Uhr einen äußerst schönen Fußballabend verlebte. Dann begann der Wahnsinn.

Von Sebastian Binder  

Dienstag, 16. Oktober 2012, 22.04 Uhr: Ich sitze vor dem Fernseher und habe extrem gute Laune. Das, was die deutsche Nationalmannschaft im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden gerade abliefert, gehört zum Besten, was ich in den letzten Jahren von ihr gesehen habe. Das Wort „Traumfußball“ sollte man nicht zu leichtfertig verwenden, aber heute ist es allemal angebracht. Das Team von Jogi Löw zeigt Kombinationen, die sogar die Spanier vor Neid erblassen lassen würden. Ein Angriff ist schöner als der andere, Marco Reus wirbelt wie entfesselt auf der linken Seite, Mesut Özil und Thomas Müller lassen mit brillanten Pässen ihre Klasse aufblitzen und in der Mitte steht Miroslav Klose, der sich anschickt, an diesem Abend den Torrekord von Gerd Müller zu brechen. Lange hatte ich nicht mehr so viel Spaß an einem Fußballspiel. Wahnsinn, wie Reus mit unglaublicher Übersicht von links zurücklegt und Klose mit einem satten Linksschuss zum 1:0 einnetzt. Noch besser, wie Özil den Ball wiederum zu Reus durchsteckt, der nochmal Klose bedient und der mit Länderspieltor Nummer 67 den Müller-Rekord vor Augen hat. Das 3:0 macht dann sogar Innenverteidiger Per Mertesacker, der sich in der Abwehr verständlicherweise langweilt, von Müller mustergültig freigespielt wird und nur noch einschieben braucht. Was für eine erste Halbzeit. Die Schweden würden mir fast leid tun, wenn ich nicht gerade so begeistert wäre. In der 54. Minute macht Özil dann mit dem 4:0, dem wieder ein Traumpass von Müller vorausgegangen ist, alles klar. Jetzt geht es nur noch um die Höhe des Sieges, würde es den Deutschen vielleicht sogar gelingen, den Schweden mehr als die sechs Tore einzuschenken, die sie gegen Irland erzielt haben? Wird dieses Länderspiel als eines der großartigsten der letzten zehn Jahre in die DFB-Geschichte eingehen, als eine unüberhörbare Kampfansage in Richtung Spanien, Italien, Frankreich und England? Seht her, wir Deutschen spielen derzeit den vielleicht besten Fußball der Welt und dieses Team ist noch entwicklungsfähig. Alles scheint möglich an diesem fantastischen Fußball-Abend, naja, fast alles.

Dienstag, 16. Oktober 2012, 22.09 Uhr: Eine Flanke von Kim Källström schneidet in der 62. Minute in den deutschen Strafraum, Zlatan Ibrahimovic kommt frei zum Kopfball. Natürlich lässt sich der schwedische Superstar eine derartige Gelegenheit nicht entgehen. Ich schmunzle ob dieses 1:4 anstatt mich aufzuregen. Ohne Gegentor geht es momentan einfach nicht bei der deutschen Nationalmannschaft, aber wenn man 4:0 führt, kann ich darüber auch einmal hinwegsehen. Zwei Minuten später gefriert mein Schmunzeln allerdings zusehends. Was zum Teufel macht die deutsche Abwehr da? Holger Badstuber verschätzt sich wie schon beim 1:4 mit dem Kopfball, Mikael Lustig spitzelt den Ball irgendwie aufs Tor und Manuel Neuer macht überhaupt keine gute Figur. Plötzlich sind die Schweden wieder auf zwei Tore dran und es ist noch fast eine halbe Stunde zu spielen. Wissen die deutschen Nationalspieler etwa nicht, dass ein Spiel 90 Minuten dauert? Jogi, es ist an der Zeit, diese Tatsache deinen Jungs mal mitzuteilen! Doch entweder befolgt der Coach meinen gut gemeinten Ratschlag nicht oder seine Spieler ignorieren ihn. Von einem Moment auf den anderen ist die Mannschaft hypernervös, es gibt keine Entlastung mehr nach vorne und die Abwehr wackelt wie das berühmte Wasserglas in „Jurassic Park“. Was um alles in der Welt passiert hier gerade? Hat Löw die Mannschaft in der 60. Minuten heimlich gegen ein Kreisliga-Team ausgetauscht? Wo ist die spielerische Brillanz, die traumwandlerische Leichtigkeit der ersten 60 Minuten geblieben? Warum regieren plötzlich Angst und Panik, wo noch wenige Minuten zuvor Stärke und Selbstsicherheit dominierten? Wie kann es sein, dass ein Fußballspiel auf diesem Niveau so dramatisch kippt?

In der 75. Minuten beginnt dann endgültig der Wahnsinn im Berliner Olympiastadion um sich zu greifen. Ibrahimovic schickt auf der linken Angriffsseite Alexander Kacaniklic steil, Jerome Boateng entscheidet sich dafür, den Schweden unbedrängt flanken zu lassen, Badstuber hat in der Mitte ebenso wenig Lust, Johan Elmander entscheidend zu stören und der schiebt locker-flockig zum 3:4 ein. Habe ich versehentlich den Kanal gewechselt? Läuft hier immer noch Deutschland gegen Schweden? Wenn mir vor einer Viertelstunde jemand gesagt hätte, dass dieses Spiel noch eine Zitterpartie werden würde, hätte ich nur gedacht: „Oh, du armer Irrer. Warum schaue ich mir überhaupt mit Leuten Fußball an, die von diesem Sport keine Ahnung haben?“ Doch jetzt hoffe ich, dass ich der Irre bin. Vielleicht habe ich eine Euphorie-Überdosis abbekommen, die sich dann in einen bösen Trip verwandelt hat. Oder bin ich auf der Couch eingeschlafen und habe einen furchtbaren Alptraum? Ja, das muss es sein. Ich kneife mich in den Arm. Nein, ich bin tatsächlich wach und nüchtern. Das, was sich im Fernseher abspielt, passiert wirklich. Eine Viertelstunde noch, nur noch eine Viertelstunde. Ein 4:3 ist kein schönes Ergebnis, aber auch dafür gibt es drei Punkte und die Qualifikation für die WM in Brasilien wäre Deutschland kaum noch zu nehmen. Mario Götze und Lukas Podolski kommen, aber als Abwehrspezialisten sind sie nicht gerade bekannt. Ich vermisse den verletzten Sami Khedira. Bis zur 60. Minute war das ein zu verschmerzender Ausfall, aber jetzt wäre der Mittelfeldstratege von Real Madrid wichtiger denn je. Um das Spiel zu ordnen, um ruhige, klare Pässe zu spielen oder mal einen entscheidenden Zweikampf im Mittelfeld zu gewinnen. Doch es geht auch so. Die zweite Minute der Nachspielzeit, Freistoß Deutschland in der gegnerischen Hälfte. So, jetzt noch einmal wechseln, den Ball Richtung Eckfahne dreschen und der Spuk ist vorbei. Aber der Wechsel kommt nicht, warum kommt der verdammte Wechsel nicht? Warum in Fußballgottes Namen landet der Ball anstatt an der gegnerischen Eckfahne bei Neuer? Die letzten Sekunden der Partie verschwimmen vor meinen Augen. Ich sehe den Ball noch einmal in den deutschen Strafraum fliegen, sehe, wie sich niemand für den freistehenden Rasmus Elm zuständig fühlt, sehe, wie der Schwede vom Elfmeterpunkt abzieht, sehe, wie der Ball im deutschen Netz zappelt. 4:4, Abpfiff, Ende, Pfeifkonzert. Willkommen in der Fassungslosigkeit.

Dienstag, 16. Oktober 2012, 22.37 Uhr: Zusammengesunken sitze ich auf meiner Couch und starre ungläubig in den Fernseher. Ist das hier gerade tatsächlich passiert? Hat die deutsche Nationalmannschaft gerade tatsächlich einen 4:0-Vorsprung aus der Hand gegeben? Verzweifelt warte ich darauf, dass Guido Cantz auftaucht und den Leuten zeigt, wo die Kameras versteckt sind. „Verstehen Sie Spaß?“, würde er fragen, um dann zu erklären, wie die ARD-Zuschauer geleimt wurden. Der war nicht schlecht, würde ich erleichtert denken. Das Dumme ist nur, Cantz taucht nicht auf, das Ganze ist kein Witz, obwohl ich mir dennoch ziemlich verarscht vorkomme. Es überrascht mich nicht, als ich höre, dass nie zuvor eine DFB-Auswahl eine 4:0-Führung in ihrer 104-jährigen Geschichte verspielt hat. Ich war gerade also Zeuge eines historischen deutschen Fußballaugenblicks. Doch auf dieses Stück Sportgeschichte hätte ich nur zu gern verzichtet.

Dienstag, 16. Oktober 2012, 22.40 Uhr: Ich schalte den Fernseher aus. Von Fußball habe ich für heute wirklich genug.

Foto: Der Ort des Dramas: Das Berliner Olympiastadion aus der Luft

Copyright: Denis Apel (Stardado) zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

Bearbeitung: Sebastian Binder

 

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