Ein Wort: Weltklasse!

Franck Ribéry hat momentan vielleicht die beste Form seines Lebens. Gegen den Hamburger SV wirbelte der Mittelfeldstar des FC Bayern München die gegnerischen Abwehrreihen gehörig durcheinander, war an allen Toren des FCB beteiligt. Der Franzose ist momentan in München nicht zu ersetzen, vielleicht das einzige Manko Ribérys. Denn auch seine frühere Schwäche, die mangelnde Defensivarbeit, hat er mittlerweile kompensiert. Alle sind vom 29-Jährigen begeistert, nur Mitspieler Thomas Müller nicht. Kann das wirklich wahr sein?

Von Sebastian Binder  

Für den Bruchteil einer Sekunde sah Franck Ribéry leicht genervt aus. Doch dann lächelte der Franzose und drehte ab, um mit seinem Teamkollegen Toni Kroos dessen 3:0-Siegtreffer über den Hamburger SV zu bejubeln. Diesem Tor war eine Traumkombination von Ribéry und Kroos vorausgegangen und theoretisch hätte dieser nochmal auf den Superdribbler ablegen können, entschied sich aber stattdessen, den Ball selbst in die Maschen zu hämmern. Geschenkt, auch wenn der Franzose selbst ohne Treffer blieb, wusste anschließend jeder, wer der beste Mann auf dem Platz war. Bei seiner Auswechslung gab es Standing Ovations der Bayern-Fans und ein gellendes Pfeifkonzert der HSV-Anhänger, beides untrügerische Zeichen für die Topleistung Ribérys. An allen drei Toren der Münchner hatte der Flügelflitzer maßgeblichen Anteil, zwei legte er direkt auf, das 1:0 leitete er durch einen vermeintlichen Befreiungsschlag (wirklich?) auf Thomas Müller unmittelbar ein. Die Hamburger waren an diesem Samstagabend den Bayern eigentlich auf jeder Position unterlegen, doch den absoluten Unterschied machte definitiv Ribéry. Egal, welcher HSV-Spieler sich dem 29-Jährigen in den Weg stellte, stoppen konnte ihn keiner und so sah man das, was man in den letzten Wochen schon so oft bewundern durfte: König Franck regiert das Spielfeld.

Der FC Bayern hat möglicherweise den besten und vor allem am tiefsten besetzten Kader der letzten zehn Jahre. Jeder Ausfall kann kompensiert werden, ohne dass ein sichtbarer Qualitätsverlust im Spiel der Münchner eintritt. Jeder Ausfall? Nein, ein kleiner, französischer Wirbelwind leistet dem Gerücht, dass die Bayern auf jeder Position doppelt besetzt sind, hartnäckig Widerstand. Ribéry in dieser Form ist auch für das Starensemble von der Säbener Straße nicht eins zu eins zu ersetzen. Xherdan Shaquiri ist ein gutes Back-up, David Alaba hat auf der Position im linken offensiven Mittelfeld seine Qualitäten, doch an das, was Ribéry momentan auf der linken Außenbahn zelebriert, kommen die beiden Youngster nicht einmal im Ansatz heran. Das kann und sollte von den beiden in diesen jungen Jahren auch nicht erwartet werden.

Ribéry ist in der Bayern-Offensive ein ständiger Unruheherd, fast immer anspielbar und wenn er den Ball vorne bekommt, dann wird es für den Gegner in der Regel richtig gefährlich. Am besten zeigte sich das paradoxerweise bei der 1:2-Heimniederlage des Rekordmeisters gegen Bayer Leverkusen, bei der Ribéry verletzt nicht dabei war. Zwar spielten die Bayern in dieser Partie keinen schlechten Offensivfußball, doch diese Weltklasse-Momente, die selbst dem neutralen Beobachter ein Lächeln auf die Lippen zaubern, fehlten irgendwie. Fehlten, weil Ribéry fehlte. Bisher gelang es nur einer Mannschaft, Ribéry weitestgehend kalt zu stellen: Dem OSC Lille. Die Franzosen traten ihren Landsmann mit brutalen Fouls wortwörtlich zusammen, so dass Ribéry in der zweiten Hälfte verletzt draußen bleiben musste. Es scheint das einzige Mittel zu sein, mit dem Ribéry momentan zu stoppen ist. Für die Bayern bleibt zu hoffen, dass es keine Schule macht, denn einen Schwachpunkt hat Ribéry: Er ist äußerst verletzungsanfällig.

Dass Ribéry ein brillanter Offensivspieler ist, ist natürlich nicht die neueste Erkenntnis. Doch was der Franzose in dieser Saison nahezu perfektioniert hat, ist sein Defensivspiel. Er bleibt bei Ballverlust nicht genervt stehen, so wie es früher häufig der Fall war, sondern hetzt dem Ball hinterher und packt, wenn nötig, sogar die Blutgrätsche aus. „Was mir an Franck eigentlich am besten gefällt, ist seine Defensivarbeit“, lobte denn auch Bastian Schweinsteiger seinen Mitspieler nach der Partie in Hamburg im ZDF. Und Torwart Manuel Neuer ergänzte: „Was Franck im Spiel nach hinten leistet, ist fantastisch.“ Nur Thomas Müller wollte in den Lobeskanon nicht einstimmen: „Franck hat wieder mal ein schwaches Spiel gemacht. Er setzt kaum Akzente, verliert viele Bälle. Darum schadet er unserer Mannschaft momentan auch so.“ Er war halt schon immer ein „Lausbua“, dieser Müller Thomas. Oder wollte er sich für den Satiregipfel bewerben, wer kann das schon so genau sagen?

Denn auch dem verschmitzt lächelnden Müller ist selbstverständlich aufgefallen, was Ribéry gegen den HSV geleistet hat. Von 59 Pässen des Franzosen kamen 56 an. Ein unglaublicher Wert, vor allem wenn man bedenkt, dass Ribéry nicht nur Zwei-Meter-Pässe zum Hintermann spielt. In der Bundesliga scheinen die Bayern mit einem Ribéry in dieser Form somit kaum zu schlagen zu sein. Doch auch in Europa müssen sich die Bayern keineswegs verstecken. Sollten die Münchner so weiterspielen, wird man in Barcelona, Madrid, Manchester und London hoffen, dem Champions-League-Zweiten möglichst lange aus dem Weg zu gehen. Diese mögen Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Robin van Persie haben. Doch der FC Bayern hat einen ähnlichen Trumpf in der Hinterhand: Franck Ribéry.

Foto: Franck Ribéry

Copyright: André Zehetbauer zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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