Der unlösbare Konflikt

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat zuletzt wieder einmal einen unschönen Höhepunkt erreicht. Israel bombardiert Ziele im Gaza-Streifen, die Hamas antwortet mit Raketenbeschuss auf israelische Städte. Beide Seite stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter, an eine friedliche Lösung des Konflikts glauben nur noch die wenigsten. Drei Worte spielen dabei eine zentrale Rolle.

Von Sebastian Binder  

Hass. Angst. Ausweglosigkeit. Drei Worte. Drei Worte, die den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern seit Jahren, Jahrzehnten prägen. Man würde gerne ein viertes Wort in diese Kette mitaufnehmen, ein Wort, das ihr die Dunkelheit ein wenig nehmen würde, ein wenig Licht in all den düsteren Schatten suggerieren könnte und doch scheint es im Moment völlig unangebracht, jenes Wort in diesem Zusammenhang zu erwähnen, überhaupt nur an es zu denken: Hoffnung. Und so bleibt es bei diesen drei Worten, die das einst heilige Land in ein Pulverfass verwandelt haben, dessen Bevölkerungsgruppen sich in einer Mischung aus Hass und Angst gegenüberstehen, dessen Situation ausweglos erscheint. Die jüngsten Ereignisse sind nur allzu bekannte, sich immer wiederholende Glieder einer sich ständig drehenden Spirale der Gewalt, die nicht gestoppt werden kann und wenn doch, dann vielleicht nur durch einen letzten, blutigen Schlag, dessen Konsequenzen man sich lieber nicht ausmalen möchte. Es ist unglaublich schwierig, diesen Konflikt aus deutscher Perspektive zu betrachten. Immer eingedenk der historischen Verantwortung, die wir Deutschen für das jüdische Volk tragen, ist es nicht einfach, einen möglichst objektiven Standpunkt bei diesem Thema zu vertreten. Es wäre gut, wenn man die Religion aus diesem Konflikt heraushalten könnte, man sagen könnte, hier stehen sich Menschen gegenüber, doch ist die Religion nun einmal ein zentraler Faktor in dieser Geschichte, Juden und Muslime heißen die verfeindeten Lager und manchmal stellt man sich die Frage, wie diese Welt wohl ohne Religionen aussehen würde. Und so bleibt am Ende nichts anderes außer Hass, Angst und Ausweglosigkeit und auch wenn, wieder einmal, alle Appelle ungehört verhallen werden, so sollte die Weltgemeinschaft nicht müde werden, sie an den Nahen Osten zu richten.

Hass

Hass ist wohl das Gefühl, das die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern in den letzten fünfzig Jahren am stärksten geprägt hat. Er entspringt der Frage von Recht und Unrecht und da sich beide Seiten im Recht und damit ungerecht behandelt fühlen, ist Hass nur die ebenso logische wie tragische Konsequenz aus dieser Konstellation. Die Juden haben einen eigenen Staat verdient. Diese Erkenntnis war nach dem Holocaust, zumindest in der westlichen Welt, Konsens und ist es auch heute noch. Am 14. Mai 1948 endete das britische Mandat über seine Kolonie Palästina, noch an diesem Tag rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus, nur elf Minuten später wurde er von den USA anerkannt. Und noch an diesem Tag zeigte sich, wohin die Reise des jungen Staates Israels in der Zukunft führen würde: Ägypten, Libanon, Saudi-Arabien, Jordanien, Irak und Syrien erklärten dem neugegründeten Staat umgehend den Krieg, der Hass der arabischen Welt, bedingt durch die ihrer Meinung nach widerrechtliche Okkupation der Palästinensergebiete durch die Juden, wird sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder entladen. Doch die Araber schafften es nicht, weder im Ersten Arabisch-israelischen Krieg, noch im Sechs-Tage-Krieg, noch im Jom-Kippur-Krieg den israelischen Staat von der Landkarte zu tilgen. Und so drehte sich die Spirale der Gewalt immer weiter, keine Friedensinitiative konnte sie langfristig aufhalten. Gewalt, vor allem gegen Zivilisten, erzeugt Hass, Terroranschläge der militanten palästinensischen Gruppen wurden mit Luftangriffen der Israelis vergolten. Zu Leiden hatte unter den Attacken beider Seiten vor allem die Zivilbevölkerung, jeder Tote, jede Tote schürte den Hass von neuem und die Hoffnung, dass Palästinenser und Israelis eines Tages friedlich zusammenleben können, schwand.

Angst

Israel und seine Bewohner leben in einem Zustand permanenter Angst. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn letztlich ist das Land umzingelt von ihm nicht wohlwollend bis feindlich gesonnenen Nachbarn. Zahlreichen arabischen Ländern ist der jüdische Staat ein Dorn im Auge, was, wie im Falle des Iran, sogar soweit gehen kann, dass man Israel mit der völligen Vernichtung droht. Hinzu kommt der ständige Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen, der mittlerweile sogar bis Tel Aviv und Jerusalem reicht. Unter diesen Voraussetzungen sinnvolle, rationale Entscheidungen zu treffen, ist nicht einfach, wenn nicht gar unmöglich. Angst, die manchmal gar paranoide Züge trägt, ist stets ein schlechter Ratgeber. Ob unter diesem Eindruck allerdings alle Entscheidungen, die Israel vor allem im neuen Jahrtausend getroffen hat, gerechtfertigt werden können, sei einmal dahingestellt. Denn auch auf palästinensischer Seite ist die Angst groß, israelische Luftschläge fordern stets zahlreiche Opfer in der Zivilbevölkerung, der Gaza-Streifen ist neben einer Keimzelle des Hasses auch eine Enklave der Angst. Eine dritte Form von Angst, ist die der internationalen Gemeinschaft. Die Befürchtung, dass die Gewalt im Nahen Osten eines Tages völlig eskaliert und die arabische Welt und die Westmächte eingreifen müssen, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Die These, dass der Nahe Osten den Dritten Weltkrieg auslösen wird, ist letztlich aus der Angst geboren. Gänzlich unbegründet erscheint sie jedoch nicht.

Ausweglosigkeit

Wieder einmal eskaliert die Gewalt im Nahen Osten und wieder einmal steht die Welt rat- und hilflos vor diesem Dilemma, unfähig, eine sinnvolle Friedenslösung anzubieten, die von beiden Seiten akzeptiert wird. Noch immer herrscht die Idee vor, dass ein eigener Palästinenser-Staat die Situation entspannen könnte, doch wie ein derartiger Staat aussehen könnte, dafür gibt es kein schlüssiges Konzept. Allein die räumliche Trennung zwischen Gaza-Streifen, Westjordanland und Ost-Jerusalem macht diese Idee in der Umsetzung nahezu unmöglich, erschwert wird das ganze durch den israelische Siedlungsbau auf Palästinensergebiet und den fortwährenden Raketenbeschuss der Hamas auf israelische Städte. Zudem wären wohl weder die Hamas noch große Teile der Israelis bereit, den jeweils anderen Staat anzuerkennen. Noch verfahrener wird die Situation, wenn man bedenkt, dass niemand sagen kann, wie die nach dem arabischen Frühling nun muslimisch geführten Länder auf israelische Militär-Offensiven reagieren werden. Ägypten wird hier allem Anschein nach eine zentrale Rolle zufallen, doch deren von der Muslimbruderschaft getragene Regierung muss sich eigentlich auf die Seite der Palästinenser schlagen, wenn sie nicht das eigene Volk gegen sich aufbringen will. Es gibt zwar zaghafte Versuche einer Kooperation zwischen der neuen ägyptischen Regierung und Israel, ob die Kairoer Führung um Präsident Mohammed Mursi allerdings gefestigt und vor allem einflussreich genug ist, um den Konflikt zu beenden, erscheint fraglich. Die westlichen Staaten haben es bislang vermieden, konkrete Initiativen zu ergreifen, insbesondere die Führungsmacht USA hält sich derzeit zurück. Und so wird es wieder bei Appellen bleiben: Man verurteilt die Gewalt, doch wie sie dauerhaft beendet werden kann, darauf hat niemand eine Antwort. Vermutlich wird Israel demnächst seine Offensive beenden, wenn es der Ansicht ist, die Hamas ausreichend geschwächt zu haben. Aber was werden die Konsequenzen daraus sein? Wird der Hass auf palästinensischer Seite dadurch zurückgehen? Wird die israelische Angst dadurch gemindert? Rückt dadurch die Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts in greifbare Nähe? Drei Fragen, die gleiche Antwort, nur ein Wort: Nein.

Foto: Screenshot aus einem YouTube-Video, das die Bombardierung von Gaza-Stadt zeigt

Copyright: Hochgeladen von SVK2012 bei YouTube

 

Be Sociable, Share!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *