Und weiter sterben die Zeitungen…

Jetzt hat es also die Financial Times Deutschland und die Frankfurter Rundschau erwischt. Der Niedergang der deutschen Zeitungen ist seit langem zu beobachten, das Internet beschleunigt das Ganze mittlerweile massiv. Natürlich können die Printmedien in puncto Geschwindigkeit und Informationsfülle nicht mit dem Netz mithalten. Ihre einzige Chance wird eine qualitative Expansion in dieses Medium sein.

Von Sebastian Binder  

Der deutsche Filmautor und Feuilltonist Werner Horand dichtete dereinst diese bemerkenswerten Zeilen: „Sicher ist nur, das zweite Futur: Ich werde gewesen sein, wir werden gewesen sein.“ Es ist unwahrscheinlich, dass er beim Niederschreiben dieses Reims die Printmedien im Hinterkopf hatte und doch lässt sich dieser Ausspruch momentan sehr gut auf die deutsche Drucklandschaft anwenden. Das Wort „Zeitungssterben“ ist wieder einmal in aller Munde, nicht zuletzt, weil es gerade wieder zwei sehr prominente Blätter erwischt hat: Die Financial Times Deutschland wird gewesen sein. Und allem Anschein nach wird auch die Frankfurter Rundschau gewesen sein. Die FTD wird nach Spiegel-Informationen komplett eingestellt, die FR hat Insolvenz angemeldet, was zwar noch nicht ganz einer Einstellung gleichkommt, allerdings bezweifeln Branchenkenner, dass das seit Jahren defizitäre Blatt vom Main noch lange überleben wird.

Der Niedergang der Zeitungsbranche ist seit Jahren zu beobachten. Es ist dabei kein abrupter Absturz, sondern ein schleichender Niedergang. Jedes Jahr verlieren die Printmedien in Deutschland ein bis zwei Prozent an Auflage, in Zahlen sieht das folgendermaßen aus: Im dritten Quartal 2002 wurden 27,49 Millionen Tageszeitungen aufgelegt, im selben Quartal 2012 betrug die Auflage nur noch 21,13 Millionen. Der Auflagenrückgang ist also nicht mehr wegzureden, hinzu kommt, dass bei vielen Tageszeitungen das Anzeigengeschäft im letzten Jahrzehnt massiv eingebrochen ist. Die logische Konsequenz ist, dass immer mehr Tageszeitungen Mitarbeiter entlassen, Insolvenz anmelden und letztendlich ganz von der Bildfläche verschwinden. Dies ist der Trend und er scheint kaum zu stoppen zu sein.

Natürlich haben die Printmedien ihren natürlichen Feind längst ausgemacht, der für die ganze Malaise verantwortlich ist, der die Hoheit des gedruckten Wortes einfach nicht anerkennen will und der mit Höchstgeschwindigkeit den altehrwürdigen Traditionsblättern das Fundament wegfrisst: Das Internet. Dieses böse, böse Medium, das so viel schneller ist als die Druckerpresse, das so viel billiger ist als das Abo und der Kiosk und das so viel mehr Informationen bereithält als eine Zeitung. Man wird den Eindruck nicht los, dass es zahlreiche Verantwortliche bei den großen Zeitungsverlagen bis vor wenigen Jahren nicht glauben wollten, dass dieses neumodische Medium eines Tages ihren alteingesessenen und über Jahrzehnte bewährten Strukturen gefährlich werden könnte, doch diese Zeit ist längst da und heute wird sich so mancher fragen, wie man diese Entwicklung nur derart verschlafen konnte. Zeitungsmacher und -freunde argumentieren gerne dahingehend, dass eine schöne, kompakte Zeitung doch so viel übersichtlicher sei als dieses zersplitterte, verwirrende Internet. Diesen Leuten ist zu sagen, dass sie sich vielleicht einmal eine halbe Stunde mit der richtigen Nutzung von Google beschäftigen sollten. Ein Beispiel: Sucht man bei der Suchmaschine nach dem „palästinensisch-israelischen Konflikt“ hat man binnen Sekunden eine übersichtliche Liste mit den relevantesten Informationen und Entwicklungen. Man bekommt Analysen, Hintergründe, Kommentare und Interviews zum Thema, die sich insbesondere auf Spiegel Online, Zeit Online, Tagesschau.de oder Sueddeutsche.de vor kaum einer Tageszeitung verstecken müssen (vor allem, da insbesondere kleinere Zeitungen häufig dieselben Agenturmeldungen abdrucken, die tags zuvor bereits auf besagten Portalen publiziert worden sind). Hinzu kommt, dass man sich im Netz noch zahlreiche Videos zum Thema ansehen oder sich bei Wikipedia noch kurz über die historischen Hintergründe informieren kann. Wie gesagt, wer mit einer Suchmaschine umgehen kann, kann sich binnen einer Minute ein umfangreiches Dossier zu egal welchem Thema zusammenstellen, an das, insbesondere was die Fülle an Informationen betrifft, keine Tageszeitung heranreicht. Und nun kommt der eigentlich springende Punkt an der Geschichte: Das alles ist kostenlos. Warum also noch eine Zeitung abonnieren?

Momentan ist es so, dass insbesondere die qualitativ hochwertigeren Texte, also was Tiefe und Komplexität der Geschichten angeht, noch in den Printmedien erscheinen. Das lässt sich sehr gut beim Spiegel, der Zeit, der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beobachten. Das entscheidende Wort ist hier das „noch“. Denn man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass sich dieser Zustand auf Dauer nicht aufrecht erhalten lassen wird. Das Geld der journalistischen Zukunft wird im Internet verdient, Springer und Burda erzielen einen Großteil ihrer Gewinne bereits im Netz. Wenn man ein Stück vom Kuchen abhaben will, dann wird es nur darüber gehen, dass man mehr qualitativ hochwertige Texte im Netz publiziert. Dass das passiert, steht außer Frage, die interessantere Komponente ist vielmehr, auf welche Art und Weise das geschehen wird: Das Konzept der Paywalls, also dass man für das Lesen von gewissen Internetseiten oder zumindest von Teilen dieser Seiten bezahlen muss, wird teilweise schon angewendet oder zumindest erwogen. Die Frage ist allerdings, ob es sich tatsächlich durchzusetzen vermag, denn der durchschnittliche Internetnutzer hat sich daran gewöhnt, Inhalte kostenlos zu beziehen. Wenn er für die gleichen Inhalte plötzlich bezahlen soll, wird der Missmut erst einmal groß sein. Dennoch scheint es nicht gänzlich ausgeschlossen, dass dieses Konzept Erfolg haben könnte. Letztlich wird es wohl eine Qualitätsfrage sein. Am sinnvollsten erscheint es daher immer noch, dass die Printausgaben für Tablets und Smartphones optimiert werden und deren technische Möglichkeiten auch nutzen, etwa durch die Integration von Videos und Bilderstrecken oder zumindest vertiefender Links. Der Spiegel leistet hier schon keine schlechte Arbeit, andere, wie die FAZ, die nur ein besseres PDF ihrer Printversion anbieten, haben auf diesem Gebiet akuten Nachholbedarf. Auf diese Weise könnte zumindest ein Teil der Abonnenten bei der Stange gehalten werden.

Es steht in den Sternen, wie lange sich der deutsche Printmarkt noch über Wasser halten kann. Dass das Tablet das Papier eines Tages gänzlich ersetzen wird, ist wohl keine zu gewagte Prognose. Die Frage wird sein, ob es dann noch so etwas gibt, was mit der klassischen Tageszeitung von heute vergleichbar sein wird oder ob es eben nur noch Websites gibt, die sich statt eines Drucker- eben einen Digital-Krieg um Aufmerksamkeit liefern. Aber egal, was die nächsten Jahrzehnte in dieser Sache bringen, so viel kann man heute bereits erahnen: Es wird spannend gewesen sein.

Foto: Das mittlerweile abgerissene Rundschau Haus in Frankfurt am Main

Copyright: Michael König zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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