Ein Rehlein steht im Dorfe…

Deutsche Preisverleihungsgalas sind selten Sternstunden der Fernsehgeschichte, auch wenn sie es sich zum Ziel gesetzt haben, eben diese vermeintlichen Sternstunden auszuzeichnen. Gut zu beobachten ist dieser Widerspruch alle Jahre wieder bei der Bambi-Verleihung. Eine trübe Provinzposse, deren Sinnhaftigkeit den meisten Leuten wohl verschlossen bleiben wird. Nachbetrachtung eines langen, langen Abends.

Von Sebastian Binder  

Es gibt wenige Dinge, die so zäh, langweilig und einschläfernd sind wie das Anschauen deutscher Preisverleihungen im Fernsehen. Vor allem dann, wenn sie auf bemüht glamourös machen, immer den großen Vorbildern aus Hollywood nacheifernd, nur um dann doch in der allzu bekannten biedermeierschen Trübseligkeit zu versinken. Dieses ernüchternde Schauspiel lässt sich jedes Jahr perfekt bei der Bambi-Verleihung beobachten, wo sich Jahr für Jahr die deutsche B-Prominenz oder solche, die sich ihr gern zugehörig fühlen würden, auf Einladung des Burda-Verlags ein Stelldichein gibt. Laut Eigenwerbung ist das Bambi die wichtigste Auszeichnung der deutschen Fernsehlandschaft, die verliehen wird an „Menschen mit Visionen und Kreativität, die das deutsche Publikum in (dem jeweiligen) Jahr besonders berührt und begeistert haben“. Aha, alles klar. Kurzer Zwischengedanke: Ist eigentlich die Ausstrahlung der Bambi-Verleihung schon einmal mit einem Bambi ausgezeichnet worden? Schwer zu glauben, aber vielleicht sollte man das einmal nachrecherchieren.

Die Vorstellung beginnt mit wildem Getrommel und die Stimme aus dem Off kündigt mit der gebotenen Zurückhaltung den „glamourösesten Abend des Jahres“ an. Schon in diesem Moment verspürt man das starke Bedürfnis, den Kanal zu wechseln, doch mit einiger Willenskraft gelingt es schließlich, die Fernbedienung wieder aus der Hand zu legen. Spätestens nach einer halben Stunde bereut man diese Entscheidung zutiefst, doch mittlerweile ist man von so viel Banalität und Unwichtigkeit wie gelähmt und lässt das bizarre Treiben auf der Mattscheibe über sich ergehen. Immer wieder stellt man sich die Frage: Wer sind all diese Personen, die die goldene Walt-Disney-Gedächtnistrophäe entgegennehmen? War es am Ende ein Fehler, das Bunte-Abo zu kündigen, weil man nun bei diesem großartigen Event nicht mitreden kann? Was macht eigentlich Celine Dion hier? Diese kanadische Schnulzensängerin, die so unfassbar nervtötend den Untergang der Titanic besungen hat? Hat sie etwa die Deutschen in diesem Jahr mit „ihren Visionen und ihrer Kreativität besonders berührt und begeistert“? Schwer vorstellbar, aber natürlich weiß man, was hinter dem Bambi für die kanadische Schmachtstimme steckt: Kann ein „Star“, den man möglicherweise auch außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz kennt, von den Burda-Leuten dazu überredet werden, sich diese Provinzposse anzutun, bekommt er oder sie selbstverständlich auch ein Bambi. Irgendeine „herausragende“ Leistung wird sich schon finden lassen. Beispiel Selma Hayek: Der mexikanische Hollywoodstar erhält das Bambi in der Kategorie „Film International“. Nun wird dem ein oder anderen Filmliebhaber vielleicht aufgefallen sein, dass es im Jahr 2012 ein paar bessere schauspielerische Darbietungen gegeben hat als die von Frau Hayek. Aber sie ist eben da, und allein für die drei Stunden, die sie tapfer lächelnd diesen endlos scheinenden Abend in Düsseldorf erträgt, hat sie auf jeden Fall diese Tierstatue verdient.

Natürlich darf auch ein bisschen Musik an diesem Abend nicht fehlen, um die ohnehin schon lockere Atmosphäre noch weiter aufzulockern. Neben Dion und dem ewig tabalugisierenden Peter Maffay sorgt vor allem eine Band für Höhepunkte: One Direction. Wer? Genau, One Direction! Kennen Sie nicht? Hm, dann sind Sie wohl keine 13-jährige Bravo-Leserin. One Direction, aus einem Castingformat hervorgegangen (wer hätte das gedacht?), machen jedenfalls bedeutungsvollen Boyband-Pop und ihre Liedchen tragen so tiefschürfende Titel wie „Kiss You“ oder „What Makes You Beautiful“. Wem das zu uncool ist, der darf sich an Pandabär-Maskenmann-Rapper Cro erfreuen, der seine Gute-Laune-Nummer „Einmal um die Welt“ zum Besten gibt, die zwar bei jedem echten HipHop-Fan für Haarausfall sorgt, für das Bambi-Publikum aber in jedem Fall hip (und hop) genug ist.

Man sollte es nicht für möglich halten, aber in dieser trostlosen Veranstaltung gibt es tatsächlich einen Lichtblick, der so erfreulich aus der Klatschen-Reden-Bambi-Klatschen-Musik-Klatschen-Endlosschleife herausragt, dass man ihn einfach erwähnen muss: Das Bambi für die beste „Schauspielerin National“ geht nicht an eine der üblichen Verdächtigen wie Martina Gedeck oder Caroline Peters, sondern tatsächlich an Alina Levshin für ihre starke Darbietung im Anti-Rechtsextremismus-Film „Kriegerin“. So viel Mut hätte man der Bambi-Jury gar nicht zugetraut und in diesem Moment fragt man sich, warum nicht mehr Leute wie Levshin ausgezeichnet werden, vielleicht könnte man dann einmal eine Preisverleihung veranstalten, die nicht ständig ins Groteske abgleitet.

Doch so bleibt die Bambi-Verleihung 2012 größtenteils das, was sie möglicherweise schon immer war und was sie wahrscheinlich auch sein will: Ein Abend von Selbstdarstellern für Selbstdarsteller, die sich selbst beweihräuchern oder beweihräuchern lassen. Eine deutsche Vorstellung von Glamour, die Hollywood sein möchte und doch immer Düsseldorf bleiben wird. Und wenn im nächsten Jahr wieder der rote Teppich ausgerollt wird, um goldene Rehkitze an irgendwelche Leute zu verteilen, dann sollte man den Fernseher vielleicht besser aus lassen. Verpassen wird man in jedem Fall nichts.

Foto: Ein “Bambi” steht auf der Düsseldorfer Königsallee

 

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