Hoffnung, Drama, Erlösung

Sebastian Vettel ist zum dritten Mal in Folge Formel-1-Weltmeister geworden. Der 25-Järhige ist damit der jüngste Dreifach-Champion in der Königsklasse des Motorsports. Allerdings musste sich der Heppenheimer im letzten Saisonrennen in Brasilien den WM-Triumph hart erkämpfen. Nicht nur einmal sah es so aus, als könnte ihm sein letzter verbliebener Rivale Fernando Alonso den Titel noch entreißen. Der Grand Prix in Sao Paolo bot Dramatik und Spannung, die normalerweise für fünf Rennen reichen. Doch normal war an diesem Sonntag rein gar nichts.

Von Sebastian Binder  

Musste das wirklich sein? Musste es tatsächlich noch einmal derart spannend werden? Wäre nicht ein Rennen schöner gewesen, bei dem man nicht ständig das Bedürfnis hatte, den Kopf gegen den Couchtisch zu schlagen oder in das Sofakissen zu beißen? Darauf gibt es zwei Antworten. Während des Rennens: Ja, auf jeden Fall. Nach dem Rennen: Nein, auf keinen Fall. Der letzte Grand Prix der Formel-1-Saison war an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten. Bei den deutschen Fans dürften sich Hoffnung, Verzweiflung, Anspannung, Freude und Bangen quasi im Sekundentakt abgelöst haben, bis am Ende dann doch die Erlösung kam: Sebastian Vettel holte zum dritten Mal in Folge den WM-Titel und stürzte die deutsche Motorsport-Fangemeinschaft in einen kollektiven Jubelrausch.

Doch die 71 Runden von Sao Paolo waren ein langer Weg zu diesem erlösenden Moment und die Befürchtung, dass Vettels einzig verbliebener Rivale im Titelkampf, Fernando Alonso, ihm die Krone in letzter Sekunde doch noch entreißen könnte, fuhr ständig mit. Vor dem Rennen sah es eigentlich ganz gut aus: Vettel hatte in der Gesamtwertung 13 Punkte Vorsprung auf Alonso und startete in Brasilien von Platz vier, drei Positionen vor dem Spanier. Ein vierter Platz würde Vettel genügen, selbst wenn Alonso das Rennen wider Erwarten gewinnen sollte. Das sollte doch machbar sein, oder? Aber bereits in der vierten Kurve nach dem Start waren alle beruhigenden Gedankenspiele Makulatur. Vettel erwischte einen Horrorstart, wurde ins Mittelfeld durchgereicht und prompt passierte das, was im Startgetümmel so gerne geschieht: Bruno Senna knallte Vettel in die Seite, der drehte sich und sah die hinter ihm liegenden Autos auf sich zufahren. Wie durch ein Wunder kollidierte keiner der nachkommenden Boliden mit Vettels Red Bull und auch der Crash mit Senna schien sein Auto nicht nachhaltig beschädigt zu haben. Eine Folge hatte die Kollision aber dennoch: Vettel war plötzlich Letzter, während Alonso bereits auf Platz drei vorgefahren und in diesem Moment Weltmeister war.

Was sich in der Folge entwickelte, würden manche chaotisch, andere dramatisch und wieder andere schlichtweg geisteskrank nennen. Der stärker werdende, dann wieder abflauende Regen machte die Renntaktik zu einem Glücksspiel, Intermediate-Reifen für feuchte Strecken wurden aufgezogen, bei abtrocknendem Kurs wieder gegen Slicks (Trockenreifen) getauscht und selbst der geübte Formel-1-Zuschauer verlor aufgrund der Flut an Boxenstopps irgendwann den Überblick, wer nun genau an welcher Position fährt. Was zu diesem Zeitpunkt allerdings klar war: Vettel hatte sich vom letzten Platz zurück in die Punkte gekämpft und Alonso lag hinter dem Führungstrio Niko Hülkenberg, Lewis Hamilton und Jenson Button nur auf Rang vier. Der Heppenheimer war zu diesem Zeitpunkt also wieder Weltmeister und das Rennen hätte entspannt und, aus deutscher Sicht, erfolgreich zu Ende gehen können.

Aber der Dramaturgie-Gott hatte anderes im Sinn: Hülkenberg und Hamilton crashten und Vettel verzockte sich mit einem zu frühen Boxenstopp. Plötzlich lag der Deutsche wieder außerhalb der Punkte, während Alonso Zweiter und damit auch wieder Weltmeister war. Geht es noch dramatischer? Es geht: Vettel fuhr auf Rang sechs vor, nicht ungefährlich bei diesen Streckenverhältnissen, aber zum Rennende wurde klar: Mehr als dieser sechste Rang würde aus eigener Kraft nicht mehr möglich sein. Und so blickten die deutschen Formel-1-Fans zitternd auf den führenden McLaren-Piloten Button. Wenn der Brite vor Alonso bliebe und Vettel den sechsten Platz ins Ziel retten würde, dann wäre der 25-Jährige Weltmeister. Es wurden lange letzte Runden. Natürlich ist Button ein starker Fahrer, aber die schwierigen Streckenbedingungen machen einen Fehler nicht unwahrscheinlich. Einmal eine Millisekunde zu spät gebremst und schon hängt man in der Leitplanke. Wie schnell das gehen kann, zeigte in der vorletzten Runde Sergio Perez. Der Force-India-Pilot krachte in die Mauer auf der Start-Ziel-Geraden. Die Folge war, dass das Safety Car herauskam und das Feld bis zum Rennende anführte. Dadurch blieb Button Erster, Alonso konnte nicht mehr überholen, Vettel durfte nicht mehr überholt werden und am Ende einer irren Veranstaltung stand der dritte WM-Titel für den Red-Bull-Fahrer, der damit der jüngste Dreifach-Weltmeister aller Zeiten ist.

Das kollektive Durchatmen in vielen deutschen Wohnzimmern, nachdem Vettel die Zielflagge passiert hatte, war beinahe spürbar. Und im Nachhinein betrachtet war der Brasilien-Grand-Prix ein würdiger Abschluss einer spannenden Formel-1-Saison. Sebastian Vettel hatte insbesondere in der deren erster Hälfte lange mit seinem Auto zu kämpfen. Im August lag er bereits 44 Punkte hinter Alonso zurück, das Projekt Titelverteidigung schien in weite Ferne gerückt. Doch genau zum richtigen Zeitpunkt kam der Red-Bull-Bolide in Fahrt, was wohl hauptsächlich auf das Konto von Technikmastermind Adrian Newey geht. Vettel gewann vier der letzten sieben Rennen und aufgrund dieses Comebacks, seiner Kämpferqualitäten, seines unbändigen Willens, nie aufzugeben, ist er ein würdiger Weltmeister 2012.

Doch auch als deutscher Formel-1-Fan muss man Fernando Alonso zu seiner Saison gratulieren. Der Spanier zeigte möglicherweise eine noch konstantere Leistung über alle Rennen gesehen als Vettel und wäre ein ebenso würdiger Weltmeister gewesen. Am Ende hat es um drei Punkte nicht gereicht, was letztlich eine dramatische Geschichte für sich ist. Alonso hat bereits angekündigt, in der kommenden Saison den nächsten Angriff auf die WM-Krone zu starten. Sein schärfster Rivale dürfte dann wohl wieder Sebastian Vettel heißen. Und wenn die Saison 2013 auch nur halb so spannend wird wie dieses letzte Rennen in Sao Paolo, dann sollten sich alle Formel-1-Fans schon mal vorsorglich einen Jahresvorrat an Beruhigungspillen verschreiben lassen.

Foto: Sebastian Vettel

Copyright: Ryan Bayona zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

 

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2 thoughts on “Hoffnung, Drama, Erlösung

  1. Nicht nur seine Qualitäten auf der Rennstrecke sind die Ursache für seine Beliebtheit. Super Seb bezaubert mit seiner Natürlichkeit, seinem spitzbübischen Charme, seiner Ungezwungenheit. Einfach der Beste … Seb hat auch den 3, WM.Titel mehr als verdient … er ist und bleibt der Beste in der Formel 1

    • So sieht’s aus. Bin gespannt, was die nächste Formel-1-Saison bringt und ob Sebastian Vettel vielleicht schon nächstes Jahr Titel Nummer vier anhängen kann. Sollte er so weiter fahren und ihm Red Bull weiterhin so gute Autos hinstellen, dann dürften die Rekorde von Michael Schumacher in akuter Gefahr sein…

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