Mega-Giganten-Duell? Naja…

Bayern München und Borussia Dortmund trennen sich im Spitzenspiel der Bundesliga 1:1. Das von der Presse im Vorfeld prognostizierte Mega-Event-Feuerwerk-Super-Spiel war es über weite Strecken nicht. Vielmehr waren beide Mannschaften sichtlich bemüht, kein Risiko einzugehen und nur keine Fehler zu machen. Erst in der zweiten Halbzeit wurde das Geschehen lebhafter, die Chancen auf beiden Seiten vielversprechender. Das “dramatisch” zu nennen wäre aber übertrieben. Ein Drama spielte sich in diesem Spiel nur um eine Person ab: Holger Badstuber.

Von Sebastian Binder  

War es das also? Das Giganten-Duell? Der Mega-Kracher? Der „Deutsche Clasico“? Das Spiel aller Spiele? Wenn man die Berichterstattung im Vorfeld des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen Bayern München und Borussia Dortmund verfolgt hat, dann durfte der Fußballfan den Medien zufolge nichts anderes erwarten, als das größte Duell aller Zeiten. Ein Spiel voller technischer Brillanz, härtestem Einsatz, bedingungslosestem Willen und unfassbarster Dramatik, das es so noch nie gegeben hat und vielleicht nie wieder geben wird. Ein 7:7 oder ein knappes 9:8 wären wohl die einzig logischen Ergebnisse gewesen, hätte man den mit Superlativen um sich schießenden Journalisten Glauben geschenkt. Heraus kam allerdings lediglich ein nicht immer berauschendes 1:1, nicht unbedingt ein schlechtes Spiel, aber auch ganz sicher keines, das in die Historie der Bundesligageschichte eingehen wird, an das sich der gemeine Fan noch in Jahrzehnten mit einem Schaudern erinnern wird.

Das Spiel war von Anfang an „taktisch geprägt“. Viele Leute halten diese Umschreibung für einen Euphemismus, um das Wort „langweilig“ zu vermeiden, und zumindest ein kleiner Funke Wahrheit ist an dieser Behauptung wohl dran. Beide Mannschaften wollten es zunächst tunlichst vermeiden, irgendeinen Fehler zu machen, einen dummen Ballverlust zu riskieren, um dann möglicherweise in einen schnellen Gegenangriff zu laufen. Und so spielte sich das Geschehen in der ersten Halbzeit weitestgehend im Mittelfeld ab, eine hundertprozentige Die-muss-doch-drinnen-sein-Chance war jedenfalls nicht dabei, lediglich einige wenige Torschüsschen, die dem Publikum in der Allianz Arena allenfalls ein Raunen abrangen. Und so gab es in der ersten Hälfte nur einen wirklich dramatischen Höhepunkt, dieser war dafür von der negativsten Sorte: Bayern-Verteidiger Holger Badstuber knickte in der 37. Minute weg, fasste sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Knie. Jeder Fußballkenner weiß, dass das nie ein gutes Zeichen ist und der schlimme Anfangsverdacht sollte sich bestätigen: Kreuzbandriss, sechs Monate Pause. Für die Münchner ist das ein herber Verlust und für Badstuber, der gerade erst von einer Verletzung genesen und auf dem Weg zu alter Topform war, ein bitterer Rückschlag.

Nach dem Seitenwechsel wurde das Spiel lebhafter, abwechslungsreicher. Zwar passt auch auf die zweite Hälfte das Wort „Clasico“ kaum, aber zumindest suchten nun beide Teams den Weg zum Tor, ohne dabei krampfhaft darauf bedacht zu sein, nur ja keinen Fehler zu machen. Bis zur 60. Minuten waren die Dortmunder die bessere Mannschaft, erspielten sich einige Chancen, aber dann drehten die Bayern auf. Wieder einmal war es Toni Kroos, dem in der 68. Minute der Führungstreffer für den Rekordmeister gelang. Mit einem blitzschnellen Dribbling ließ er die BVB-Innenverteidigung um Mats Hummels und Neven Subotic ziemlich alt aussehen und hämmerte den Ball unhaltbar für Roman Weidenfeller ins rechte untere Eck. Der Jubel der Münchner Spieler und Fans hörte sich fast nach Erlösung an, aber er sollte von nicht allzu langer Dauer sein. Nach einer Ecke von Marco Reus stand Mario Götze plötzlich völlig frei im Münchner Strafraum und hatte keinerlei Probleme, den Ball zu versenken (75.). Die Bayern waren allerdings keineswegs geschockt und drängten ihrerseits auf den Sieg, der nach weiteren Großchancen von Thomas Müller, Javi Martinez und Kroos nicht unverdient gewesen wäre. Doch der überragende Weidenfeller vereitelte Chance um Chance und trieb die bayerische Offensivabteilung zur Verzweiflung. Am Ende konnten sich die Dortmunder bei ihrem Keeper für diesen Punktgewinn bedanken, während die Münchner einem Zwei-Punkte-Verlust hinterhertrauerten.

Betrachtet man dieses Ergebnis nüchtern und hält sich die Tabellenkonstellation vor Augen, dann haben die Bayern sicherlich mehr von diesem Resultat als die Dortmunder. Der Abstand zum „schärfsten Konkurrenten um die Meisterschaft“ beträgt weiterhin elf Punkte und die Westfalen müssen nun schon auf einige Ausrutscher der Münchner hoffen, wenn sie noch einmal ernsthaft in den Titelkampf eingreifen wollen. Aus dieser Perspektive gesehen ist für den FCB also alles in bester Ordnung. Wenn, ja, wenn da nicht diese vier Niederlagen in der Bundesliga und die böse 2:5-Klatsche im DFB-Pokalfinale aus den letzten zwei Jahren wären, die das Starensemble von der Säbener Straße gegen die vermeintliche Underdog-Truppe von Jürgen Klopp hat hinnehmen müssen. Nichts hätten sich die Spieler von Jupp Heynckes wohl mehr gewünscht, als mit einem klaren Sieg die Verhältnisse im deutschen Fußball wieder zurecht zu rücken. Die Verhältnisse aus bayerischer Sicht, wohlgemerkt. Dafür taugt dieses 1:1 sicherlich nicht. Stattdessen muss der FC Bayern einsehen, dass man den BVB nicht einfach mit 5:0 aus der Arena schießen kann, auch wenn man sich das als Bayern-Spieler sicherlich fest vorgenommen hatte. Doch so funktioniert Fußball nun einmal nicht und das ist wahrscheinlich ganz gut so.

Und daher heißt der Gewinner des Spieltags nicht Bayern München oder Borussia Dortmund, sondern: Bayer Leverkusen. Die Werkself hat mit einem glanzlosen 1:0-Sieg über den 1. FC Nürnberg ihren zweiten Tabellenplatz gefestigt, ist mit acht Punkten Rückstand nun tatsächlich Bayern-Verfolger Nummer eins und zudem die einzige Mannschaft, die die Münchner in dieser Bundesliga-Saison bezwingen konnte. Doch möglicherweise haben das die meisten Leute gar nicht mitbekommen vor lauter Clasicos, Mega-Krachern und Giganten-Duellen. Den Leverkusenern dürfte das ganz recht sein.

Foto: Bayern-Stürmer Mario Mandzukic traf gegen den BVB nicht

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