EM 2020: Überall und nirgendwo?

Die Europameisterschaft im Jahr 2020 soll über den ganzen europäischen Kontinent verteilt werden. UEFA-Präsident Platini begründet das mit “einem Geschenk an die kleineren Nationen”, tatsächlich dürften wirtschaftliche Überlegungen eine ebenso große Rolle gespielt haben. Eine ganze Menge Fragen sind noch nicht geklärt, vor allem Austragungsorte und Spielmodus bergen Konfliktpotential.

Von Sebastian Binder  

Die Ankündigung platzte wie eine Bombe, deren Detonation jeder erwartet hatte, in die Medienlandschaft: Die Fußball-Europameisterschaft 2020 wird über den ganzen Kontinent verteilt ausgetragen. Zum Zug kommen wahrscheinlich 12 oder 13 Städte in 12 oder 13 Ländern, die während der Turnierwochen das typische EM-Flair entfalten sollen. Die meisten Fußball-Fans werden diese Ankündigung von UEFA-Präsident Michel Platini mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen haben. Einerseits ist es ganz nett, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Deutschland 2020 EM-Spiele ausrichten darf. Aber kann andererseits das typische EM-Feeling entstehen, wenn es nicht einen oder zwei, sondern 13 Gastgeber gibt, die Spiele im Champions-League-Format von Schweden über die Türkei, von Portugal nach Russland verstreut werden? Etwas merkwürdig mutet dieses Szenario schon an, es ist ein Experiment, das es in dieser Form noch nie gegeben hat und dessen Wirkung bzw. dessen Erfolg oder Misserfolg momentan nur schwer prognostiziert werden kann.

Die offizielle Begründung für diese neue Austragungsart ist das 60-jährige Jubiläum der Europameisterschaft im Jahr 2020. Platini stellte es so hin, dass sein Plan ein Geschenk an alle Länder Europas sein soll, vor allem an die kleineren, die normalerweise keine Chance haben, jemals eine EM auszutragen. Das ist durchaus nachvollziehbar, allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn nicht wenige Experten und Kommentatoren sind der Ansicht, dass Platini auf diese Weise nur den Brand löschen will, den er mit seiner Aufstockung des EM-Teilnehmerfeldes auf 24 Mannschaften selbst gelegt hat. Denn diese Aufstockung bedeutet, dass die meisten europäischen Länder eine EM logistisch, aber vor allem finanziell kaum noch stemmen können. Betrachtet man die derzeitige Lage in Europa, würden das allenfalls Deutschland und England hinbekommen. Bereits die Franzosen werden 2016 bei der EM in ihrem Land mit diesem Teilnehmerfeld so ihre Probleme haben. Für kleinere und wirtschaftlich schwächere Staaten wird es kaum noch möglich sein, ein Turnier von dieser Größenordnung auszurichten. Man sollte die Augen vor dieser Realität nicht verschließen: Natürlich muss es bei einer EM immer zuerst um den Fußball gehen, aber der wirtschaftliche Faktor folgt ganz dicht dahinter. Ob das den Fans nun gefällt oder nicht spielt keine Rolle, so sieht die Wirklichkeit eben aus. Eine EM bedeutet für das Gastgeberland Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, in Stadien, Straßen, Transportmittel und Flughäfen, um nur die kostenintensivsten Positionen zu benennen. Dass sich diese Investitionen in der Zukunft auszahlen, ist nicht immer sichergestellt. Bestes und abschreckendstes Beispiel ist das Olympiastadion in Athen, das seit den Spielen 2004 vor sich hinrottet. Mit der dazugehörigen Infrastruktur ein Milliardengrab.

Doch einmal vom wirtschaftlichen Aspekt abgesehen: Ist eine EM, die nicht in einem oder zwei Ländern stattfindet, noch eine EM? Die Vorfreude der Fans, die im jeweiligen Gastgeberland eigentlich stets herrscht, ist zunächst einmal hinfällig. Und dann kommt die Frage, wer überhaupt Spiele ausrichten darf. Der Plan soll ja sein, auch kleineren Ländern einige Spiele zukommen zu lassen. Aber wenn man dies nüchtern betrachtet, ist das tatsächlich realistisch? An den Spielstätten London, Berlin, Madrid, Amsterdam, Rom, Lissabon, Moskau und Istanbul wird man kaum vorbeikommen, schon allein wegen den dahinterstehenden mächtigen Landesverbänden nicht. Allzu viele kleinere Länder bleiben dann bei 12 Austragungsorten nicht mehr übrig. Glasgow und Bukarest, Brüssel und Stockholm vielleicht. Wie sieht es zudem mit den jüngsten EM-Spielstätten Paris, Wien, Warschau und Kiew aus? Wirklich kleine Verbände wie Finnland, Norwegen, Wales oder gar Exoten wie Luxemburg werden daher aller Wahrscheinlichkeit nach leer ausgehen. Die Behauptung, dass diese EM also vor allem für die kleineren Länder sein soll, erscheint daher äußerst fraglich. Des Weiteren wird diese EM abermals keine der kurzen Wege sein. Fairerweise muss man sagen, dass dies auch für die WM 2014 in Brasilien und die WM 2018 in Russland gilt. Dennoch war es stets einer der Vorzüge von Europameisterschaften, dass sich die Fans an einem Ort einquartieren und relativ bequem der eigenen Mannschaft hinterherreisen konnten. Wenn nun ein Spiel in Berlin, das andere in Lissabon und das nächste in Istanbul stattfindet, dürfte das deutlich aufwändiger und vor allem teurer für die Anhänger werden.

Zudem ist noch nicht geklärt, wo die K.o.-Spiele stattfinden. Müssen diese stets in einem neutralen Stadion ausgetragen werden? Denn wäre es nicht unfair, wenn im Viertelfinale beispielsweise Deutschland auf England treffen und dieses Spiel in London oder Berlin stattfinden würde? Wo findet außerdem das Finale statt? Die besten Karten hat momentan wohl Istanbul, da die Türkei überlegt hat, sich als alleiniger Ausrichter für die EM 2020 zu bewerben und dies wohl eine Art Entschädigung für die nicht mehr vorhandene Möglichkeit wäre. Weitere Fragen bleiben dennoch offen: Wie sieht es mit der Qualifikation für diese EM aus? Wie wird der Gruppenmodus gespielt? Sollte wieder eine Hammergruppe mit Deutschland, Holland, Portugal und Dänemark wie bei der vergangenen EM zustande kommen, wo werden die Spiele dann ausgetragen? Ist es fair, wenn eine Mannschaft zwei Heimspiele, die andere nur eines und die dritte möglicherweise gar keines hat? Fragen über Fragen, man darf gespannt sein, welche Antworten die UEFA liefert und wie sie von den Landesverbänden aufgenommen werden.

Die EM 2020 wird in jedem Fall ein interessantes Experiment werden und wenn es funktioniert, dann ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Präzedenzfall Schule machen und der Austragungsmodus auch 2024 beibehalten wird, selbst wenn Platini das derzeit ausschließt. Aber egal, wo letztendlich gespielt wird, Hauptsache Deutschland wird Europameister. Dann kann man aus deutscher Sicht auf jeden Fall von einer erfolgreichen EM 2020 sprechen. Oder?

Foto: Die Türk-Telekom-Arena in Istanbul, möglicher Spielort der EM 2020

 

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