Gauck, die Deutschen und das Netz

Kein Bundespräsident hat sich in der Geschichte jemals einer derart hohen Erwartungshaltung gegenüber gesehen wie Joachim Gauck. Mit seiner Antrittsrede im Deutschen Bundestag konnte er zunächst einmal viele Zweifler widerlegen. Sein rhetorisches Talent ist unbestritten. Dennoch wird er zeigen müssen, dass er die Ängste und Sorgen der deutschen Bevölkerung versteht. Die Rolle des obersten “Mutmachers” wird dazu nicht ausreichen. Und dann gibt es da noch diesen Ort der Freiheit, der nicht immer gerecht ist: Das Internet. Auch das wird der 72-Jährige erst noch lernen müssen.

Von Sebastian Binder  

Es hatte fast etwas von einem Abschied. Als Joachim Gauck die Bundeswehrformation vor dem Schloss Bellevue abschritt, mag manch einer erleichtert aufgeatmet haben. Endlich ist diese unwürdige Posse, die sich die letzten Monate um das Bundespräsidentenamt abgespielt hat, vorbei. Endlich ist da ein Mann, der nicht im Verdacht steht, dass ihm Parteigeklüngel und Vorzugsbehandlung von wirtschaftlicher Seite wichtiger sind als das Ansehen in der eigenen Bevölkerung, der er durch Eid doch zum Dienen verpflichtet ist. Bei der Flut an Vorschusslorbeeren und übergroßen Hoffnungen, die sich in den letzten Wochen über den neuen Bundespräsidenten ergossen hat, musste einem fast Angst werden, dass ihn diese Welle einfach überrollt und wegschwemmt. Dass manche dieser Lorbeeren berechtigt sind, bewies Gauck bei seiner Antrittsrede im Deutschen Bundestag.

„Wie soll dieses Land aussehen?“ fragte er zu Beginn. Eine berechtigte Frage, auf die es selbstverständlich keine einfache Antwort gibt. Beschäftigt man sich mit ihr genauer, muss man in der Vergangenheit anfangen. Die Schatten der NS-Diktatur sind auch heute noch allgegenwärtig, das wurde ebenso in Gaucks Rede deutlich. Als jemand, der selbst noch in die Wirren von Unterdrückung und Krieg hineingeboren wurde, musste er diesen Faden aufgreifen. Er tat dies in bemerkenswerter Art und Weise. Mit seinem Dank an die 68er-Generation, die ein Bewusstsein für die Verbrechen im Dritten Reich geschaffen habe, mag er manchen Zuhörer überrascht haben. Interessanter mutet in diesem Zusammenhang aber fast noch ein anderer Satz an. Deutschland sei für ihn nicht in erster Linie „das Land des Wirtschaftswunders, sondern das Land des Demokratiewunders.“ Deutschland? Demokratiewunder? Eine Verbindung, die insbesondere die jüngeren Menschen in diesem Land so wahrscheinlich noch nicht gehört, noch nicht gedacht haben.

Und hier blitzte sie zum ersten Mal auf, die rhetorische Gabe des Redners Gauck. Nach dem Trauma von Weimar ist die Macht des Bundespräsidenten stark beschränkt. Das Einzige, das ihm so etwas wie Einfluss verleihen kann, ist das Wort. Dass der frühere Rostocker Pastor in der Lage ist, von dieser spärlichen Macht Gebrauch zu machen, zeigte er in seiner Rede. Seine deutliche Warnung an die rechtsextreme Szene in Deutschland wird noch länger nachhallen: „Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich.“ Viel wurde vor dieser Rede darüber diskutiert, ob Gaucks Freiheitsmantra für einen Bundespräsidenten nicht doch zu monothematisch ist. Ob dieser Mann in der Lage ist, ein Präsident aller Deutschen zu sein. Ob er es schafft, die Ängste der Bürger zu begreifen und sie vielleicht ein wenig zu lindern. Gauck bediente sich hier eines rhetorischen Kniffs: Statt auf die Ängste einzugehen, profilierte er sich als Mutmacher, als Anhänger der Jeder-kann-alles-schaffen-wenn-er-nur-will-Mentalität. Zunächst einmal klingt das gut, wer wird nicht gerne ermutigt und ermuntert? Gauck sollte aber eine Tatsache nicht verkennen: Die Deutschen sind ein ängstliches Volk. Angst vor der Perspektivlosigkeit, Angst um den Job, Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor Terroristen, Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Man kann diese Ängste nicht einfach wegwischen nach dem Motto „Schwamm drüber, es könnte schlimmer sein, habe ich selbst erlebt“. Die Menschen wollen, dass ihre Ängste und Sorgen ernst genommen werden, mit einem Willy-Brandtschen „Mehr Mut wagen“ ist es somit nicht getan. An dieser Stelle kommt das, für viele Deutsche wichtigere, Thema „Gerechtigkeit“ ins Spiel. Der frühere Leiter der Stasiunterlagenbehörde war sichtlich bemüht, seinen Freiheitsbegriff mit der Gerechtigkeit in Einklang zu bringen: „Man braucht die Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit. Genauso braucht man Gerechtigkeit, um Freiheit als Bedingung erlebbar zu machen.“ Schöne Worte.

Nun gibt es einen Ort der Freiheit, von dem man nicht so genau weiß, ob ihn der 72-Jährige schon begriffen hat. Dieser Ort wird „Das Internet“ genannt und seine Macht übertrifft die eines Bundespräsidenten bei weitem. Ein falsch gesetztes Wort, eine missverständliche Behauptung löst im Netz binnen kürzester Zeit einen Flächenbrand aus. Forscht man ein wenig in seinen Untiefen nach, so wird schnell klar, dass Gauck bei Teilen der Netzgemeinschaft nicht so beliebt ist, wie es einem die großen Medien derzeit suggerieren. Es gibt zahlreiche Blogger und Netzkommentatoren, die vor ihren Rechnern nur darauf warten, dass er seinen ersten Fehler macht, um das in letzter Zeit bereits stark kultivierte „Präsidenten-Bashing“ fortzusetzen. Es wird sich zeigen, wie der als sensibel geltende Gauck in einem solchen Fall mit einem digitalen Sturm der Entrüstung, entfesselt von Facebook und Twitter, umgehen wird. Die Netzgemeinde ist nicht zimperlich, sie schickt keine langen Briefchen mehr ins Schloss Bellevue, sondern postet kurze, deutliche Statements auf der Facebook-Seite des Bundespräsidenten. Die Frage, ob das gerecht ist, wird dabei in den wenigsten Fällen gestellt. Es ist dem Bürgerrechtler zu empfehlen, das Medium Internet im Auge zu behalten, denn Meinung wird heute im Netz gemacht, auch wenn das für Menschen im Rentenalter manchmal schwer zu akzeptieren ist.

Dennoch stehen die Chancen gut, dass Joachim Gauck das höchste Staatsamt würdevoller ausfüllt, als es seinem Vorgänger beschieden war. Er wird sich nicht nur Freunde machen, weder in der realen noch in der virtuellen Welt. Das muss er auch nicht. Es bleibt schlichtweg zu hoffen, dass Gauck das Amt des Bundespräsidenten nach bestem Gewissen ausfüllt. Sollte diese so einfach klingende Bedingung erfüllt sein, steht einer erfolgreichen Präsidentschaft über die volle Legislaturperiode eigentlich nichts im Wege. Eigentlich…

Foto: Joachim Gauck in der Frankfurter Paulskirche 2009

Copyright: Dontworry zur Verfügung gestellt von Wikimedia Commons

 

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One thought on “Gauck, die Deutschen und das Netz

  1. Freuen wir uns, dass wir einen Bundespräsidenten haben, dem man glaubt, dass er in erster Linie alles zum Wohle des Volkes tun wird und dem nicht – so wie seinem Vorgänger – nur daran liegt, dass er sich selbst in den Vordergrund stellt. Vielleicht lernen die Menschen wieder, dass sie Vertrauen in die Politik gewinnen.

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