Meine Humorstörung und ihre Ursachen

Es ist skandalös bis schockierend, was einem im deutschen Fernsehen heutzutage als Humor verkauft wird. Unlustigkeit trifft Pointenmangel, Niveauarmut paart sich mit Kalauermist. Es gibt so viele Beispiele, die diese Worte unterstreichen, dass sie gar nicht alle aufgezählt werden können. Über Humor lässt sich streiten, keine Frage, die Geschmäcker sind verschieden, auch keine Frage. Trotzdem ist es nun an der Zeit, die deutschen Humorflaggschiffe unter Beschuss zu nehmen, auch wenn sie das gar nicht witzig finden. Zumal es doch Alternativen gibt.

Von Sebastian Binder  

Vielleicht bin ich humorgestört. Ich hatte diesen Gedanken schon öfter, vor allem, wenn ich den Fernseher einschalte und die deutsche Spaßgesellschaft mit voller Wucht über meine Couch hereinbricht. Nur allzu oft ist mir dann das Lachen im Halse stecken geblieben und dem beim Fernsehkonsum nur zu bekannten Gefühl des Fremdschämens gewichen. Wenn ich mir ansehe, was den Deutschen im Flimmerkasten als lustig verkauft wird, frage ich mich manchmal: „Stimmt das Klischee vom überkorrekten Beamtendeutschen, dessen Humor zwischen unendlich hohen Aktenbergen verschütt gegangen ist, letztlich doch?“ Woher kommt diese triste Pointenlosigkeit, diese Mutlosigkeit, einen Witz mal auf die Spitze zu treiben? Können wir es einfach nicht besser? Ist der Großteil unserer Schreiberlinge schlicht und ergreifend nicht in der Lage, gute, unterhaltsame Mono- oder Dialoge zu verfassen? Ein deprimiertes Seufzen ging im letzten Jahr durch Deutschland, als Vicco von Bülow, genannt Loriot, starb. Natürlich wirken heute viele seiner Sketche etwas angestaubt, doch man muss sich vor Augen halten, dass diese Filme fast vierzig Jahre alt sind. Dennoch schaffen es manche von ihnen, wie beispielsweise das unsterbliche „Weihnachten bei Hoppenstedts“, beim Zuschauer ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, ohne dass man sich schämen muss. Was hat dagegen die heutige Spaßkultur zu bieten, die unter dem fast wie eine Drohung wirkenden Deckmantel „Comedy“ durch die Sender flaniert?

Da gibt es diesen nervtötenden Clown namens Mario Barth. „Weeßte, mene Freundin, weeßte. Icke, mit so ner Gurke im Bett, weeßte, und sie so, ne, Du, lass mal, ick hab Kopfschmerzen. Und ich so, ne, boah, Alter, weeßte?“ Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich weiß nicht, wie Leute über „Witze“, deren Pointen scheinbar aus dem Jahr 1953 stammen, lachen können. Ich weiß auch nicht, wie dieser Mensch es schafft, das Berliner Olympiastadion zu füllen. Und ich will gar nicht wissen, was das über den Humor der Deutschen aussagt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Comedylandschaft nur eine Ansammlung unlustiger Klischees ist. Es gibt Bülent Ceylan, der sich an Migrations- und Integrationsstereotypen abarbeitet. Als radebrechender, dönerkonsumierender, Mercedes-mit-geilen-Felgen-fahrender Deutschtürke, der mit der „deutschen“ Kultur so seine Schwierigkeiten hat, kalauert er sich durch seine Clips. Dass eine derartige Stereotypenparade nicht unbedingt integrationsfördernd wirkt, dürfte selbst dem vermeintlichen Comedian klar sein. Dass es auch nicht witzig ist, scheinen bislang allerdings die wenigsten bemerkt zu haben. Dabei ist es durchaus möglich, sich diesem komplexen Sujet humorvoll zu nähern, wie es der großartige Dave Chappelle in den USA jahrelang bewiesen hat. Und dann wäre da noch Ilka Bessin zu nennen beziehungsweise ihr grusliges Alter Ego „Cindy aus Marzahn“. „Als übergewichtige, überschminkte Jogginganzugträgerin ist es nicht leicht, auf dem Arbeitsamt ‘nen netten Mann kennenzulernen.“ Na, wer hätte das gedacht, Cindy? Das Niveau der Witze ist jedenfalls niedriger als der gegenwärtige Hartz-IV-Satz und zum Lachen reicht es schon mal gleich gar nicht. Spaßwüste Deutschland, soweit das Auge reicht.

Doch glücklicherweise gibt es auch in dieser humorverendeten Steppe ein paar Oasen, an denen sich der Dürstende ab und an mit ein wenig Freude laben kann. Zum Beispiel den messerscharfen Satiriker Oliver Kalkofe, der uns mit seiner brillanten „Mattscheibe“ über viele Jahre vor Augen geführt hat, für wie bescheuert die Fernsehmacher ihre Zuschauer halten. Es ist bezeichnend, dass neue Folgen von Kalkofes Mattscheibe seit einer gefühlten Ewigkeit auf sich warten lassen. Anscheinend ist man auf Seiten der Senderverantwortlichen der Ansicht, dass es noch sehr viel Lustigeres in diesem schönen Land gibt. Das ist die eine Theorie. Die andere lautet, dass sich Sendungen auch mit weniger Aufwand und somit sehr viel billiger produzieren lassen als die Mattscheibe. Welche ist wohl wahrscheinlicher? Auch Christoph Maria Herbst als „Stromberg“ ist immer wieder für einen Lacher gut, selbst wenn die fünfte Staffel etwas zu sehr auf den Drama-Effekt gesetzt hat und der Humor dadurch stellenweise auf der Strecke blieb. „Switch Reloaded“, „Pastewka“ oder phasenweise die „Heute Show“, es gibt durchaus Lichtblicke in der deutschen Lustiglandschaft. Nur werden diese normalerweise auf Spartenkanälen oder im Nachtprogramm versendet, so dass es der Zuschauer in der Regel gar nicht mitbekommt.

Keine Sorge, werte Leserinnen und Leser, es ist Ihr gutes Recht, Mario Barth, Bülent Ceylan und Cindy aus Marzahn lustig zu finden. Das macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen. Ich gehöre eben nicht zu dieser Spezies. Und vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass ich schlicht und ergreifend humorgestört bin.

Foto: Cindy aus Marzahn

Copyright: Digitoxin zur Verfügung gestellt von flickr und Wikimedia Commons

 

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